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Mecklenburg-Vorpommern

17. November 2017 | 20:45 Uhr

Streit um Ernst Moritz Arndt : Nomen est omen

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Streit um den Namen Ernst Moritz Arndt an der Universität Greifswald hat den Landtag erreicht. Es geht um mehr als nur den Namen

von
erstellt am 09.Mär.2017 | 11:50 Uhr

Ernst Moritz Arndt, der knorrige Vorpommer von der Insel Rügen, hat es 157 Jahre nach seinem Tod in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern geschafft. „Arndt war kein Franzosenhasser und expliziter Antisemit, er war ein Patriot und ein Kämpfer gegen die Leibeigenschaft“, lobte der Greifswalder Professor Ralph Weber von der AfD-Fraktion gestern vor dem Parlament den einstigen Dichter.

Das sieht der Senat der Universität Greifswald allerdings anders. Der hatte in der Hansestadt bereits am 18. Januar nach jahrelangem und endlos scheinendem Streit, die Streichung des Namens Ernst Moritz Arndt aus dem Titel der Universität beschlossen. Seitdem gibt es immer wieder Kundgebungen der Arndt-Anhänger in der Boddenstadt, zuletzt am Wochenende auf dem Marktplatz mit 600 Teilnehmern.

Die rechtspopulistische AfD hatte diesen bislang sehr emotional geführten Streit in die Parlamentsdebatte befördert und beantragt, dass die Landesregierung einer Streichung des Namens nicht zustimmt.

Um den guten alten Arndt geht es den Alternativen dabei nicht nur, wie ihr Abgeordneter Gunter Jess offen und freiheraus zugab. Er sprach in seiner Rede von einem „Stellvertreterkrieg“. „Arndt bildet die Projektionsfläche für die aktuelle Diskussion um die Deutungshoheit über Werte wie Patriotismus und nationale Identität“, sagte Jess, der vor seinem Eintritt in die AfD 34 Jahre lang Mitglied der Greifswalder CDU war.

Die umstrittensten Namensgeber

Kaiser Wilhelm II.

Nicht nur in Greifswald wird über den Namenspatron der Universität gestritten, sondern auch in Münster in Niedersachsen. Dort wurde die Universität 1902 nach dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. benannt und heißt bis heute Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Kaiser Wilhelm II. gilt in der heutigen Geschichtsschreibung als mitverantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Vom letzten Kaiser stammen so bizarre Sätze wie: „Die Presse, die Juden und Mücken sind eine Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muß.“

Ernst Thälmann

Zurück nach Greifswald. Dort heißt bis heute eine Allee in Schönwalde nach dem deutschen Kommunisten Ernst Thälmann – der Ernst-Thälmann-Ring. Auch in Lübtheen (Landkreis Ludwigslust-Parchim) gibt es nach wie vor einen Ernst-Thälmann-Platz. Der gebürtige Hamburger war von 1925 bis 1933 Chef der KPD und wurde im August 1944 im Konzentrationslager Buchenwald von den Nazis ermordet. Er war ein Feind der Weimarer Demokratie und der Verfechter einer Diktatur des Proletariats nach stalinistischem Vorbild.

Friedrich Ludwig Jahn

In Greifswald  steht das Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium, in Berlin gibt es den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark und in Leipzig ist die Jahnallee eine wichtige Verkehrsader. Die Person Friedrich Ludwig Jahn, er lebte von 1778 bis ist 1852, ist heute umstritten. Er gilt als Turnvater, aber auch als deutscher Nationalist mit völkischer Attitüde. Er träumte von einem Großdeutschland mit der Hauptstadt „Teutonia“ in Thüringen. Leibesertüchtigung war für ihn Mittel zum Zweck: Fitness für den Krieg gegen das benachbarte Frankreich.

Wladimir Iljitsch Lenin

Wladimir Iljitsch Lenin wird heute noch in Parchim mit einer W.-I.-Lenin-Straße geehrt. Außerdem gibt es mehr als 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion und der DDR etliche Leninplätze in Ostdeutschland – beispielsweise in Bützow im Landkreis Rostock. Der Revolutionär und marxistische Theoretiker sorgte mit der Oktoberrevolution 1917 für eine Modernisierung des rückständigen Russlands. Er legte aber auch den Grundstein für eine Diktatur, die in den Folgejahren durch Roten Terror und stalinistische Säuberungen Millionen Menschen das Leben kostete.

 

Nomen est omen. Wofür steht also der Name Ernst Moritz Arndt? Der Greifswalder Historiker Professor Thomas Stamm-Kuhlmann erklärte dazu auf Anfrage unserer Redaktion: „Arndt war in seiner Zeit ein beliebter und anerkannter Dichter.“ Seine Propagandaschriften gegen die französische Besatzung zwischen 1806 und 1813 waren weit verbreitet und erreichten enorme Auflagen. Arndt habe sich im Kampf gegen Leibeigenschaft und Fremdherrschaft Verdienste erworben.

„Allerdings ging sein Antisemitismus weit über die in seiner Zeit übliche Gegnerschaft gegen die Emanzipation der Juden hinaus“, sagte der Historiker. Arndt warnte beispielsweise 1814 vor dem Zuzug verfolgter Juden aus Russland nach Deutschland mit rassistischen Argumenten: „Ich will es aber auch deswegen nicht, weil sie ein durchaus fremdes Volk sind und weil ich den germanischen Stamm so sehr als möglich von fremdartigen Bestandteilen rein zu erhalten wünsche.“

Die Angst Arndts vor Zuwanderung und „Bastardisierung“ des deutschen Volkes seien die Konstanten im Werk des Dichters, so Professor Stamm-Kuhlmann. Arndt habe die Aufnahme der Hugenotten durch Preußen für ein Opfer und nicht für einen Gewinn gehalten.

Die Nationalsozialisten sahen in ihm ihren Vordenker. Die DDR lobte dagegen das Eintreten Arndts für die deutsch-russische Waffenbrüderschaft im Befreiungskrieg gegen Frankreich und sein Eintreten gegen die Leibeigenschaft.

Im Landtag kämpft die AfD für Arndt. Der Antisemitismus in seinem Werk sei dem damaligen Zeitgeist geschuldet, argumentierte der Fraktionschef Leif-Erik Holm. Sein Antrag war gestern allerdings bereits von den Ereignissen überholt worden. Denn am Dienstag hatte das Schweriner Bildungsministerium der Namensänderung tatsächlich widersprochen – allerdings aus formellen Gründen. Denn bevor der große erweiterte Senat die Streichung beschließen darf, muss der so genannte kleine Senat eine Vorlage dafür erarbeiten, begründete das Ministerium seine Entscheidung. Die Universität hat gestern angekündigt, dass sie den Fehler korrigieren und am 15. März neu über die Namensänderung abstimmen lassen wird.

Bildungsministerin Birgit Hesse
Bildungsministerin Birgit Hesse

Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) stellte vor dem Parlament klar, dass weder Landtag noch Landesregierung inhaltlich Einfluss auf die Namensgebung der Universität nehmen können. „Die Hochschulautonomie ist im Hochschulgesetz festgeschrieben“, sagte die Ministerin. Auch die Stadt Greifswald kann der Universität keinen Namen vorschreiben.

Am Ende einer emotional geführten Debatte mit vielen Zwischenrufen stimmte allein die AfD für ihren Antrag. Der Greifswalder CDU-Abgeordnete Egbert Liskow hatte zuvor in einer persönlichen Erklärung mitgeteilt, er werde nicht an der Abstimmung teilnehmen, sei aber für Ernst Moritz Arndt. „Ich bezweifle, dass alle, die für Arndt kämpfen, ihn auch gelesen haben“, meinte nachdenklich Professor Stamm-Kuhlmann.

 

 

Chronologie: Der lange Streit um Arndt

• April 1933 Der Theologieprofessor Werner Glawe, damals Kreisführer der deutschnationalen Wehrorganisation Stahlhelm und später Mitglied der NSDAP und viel später Mitglied der SED, schlägt für die Greifswalder Universität den Namen Ernst Moritz Arndt vor.

• Mai 1933 Hermann Göring (NSDAP) unterschreibt als preußischer Ministerpräsident den Antrag des Senats. Einen Monat später findet die Namensverleihung statt.

• April 1945 Kampflose Übergabe Greifswalds an die Rote Armee. Ohne Beschluss verschwindet der Name Ernst Moritz Arndt, die Hochschule heißt Universität Greifswald.

• August 1954 Die DDR führt den Namen Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald ohne Beschluss wieder ein.

• 1990 Die Rostocker Uni legt in der Wende ihren Namenszusatz Wilhelm Pieck ab. Die Uni in Greifswald behält ihren Zusatz Ernst Moritz Arndt.

• November 1998 Nach einem Bericht in Die Zeit über Arndts antisemitische und deutschnationale Schriften nimmt die Diskussion Fahrt auf.

 • Oktober 2001 Rektor Prof. Hans–Robert Metelmann ruft ein wissenschaftliches Arndt-Kolloquium ein.

• Juni 2009 Die Studentengremien der Uni lehnen Ernst Moritz Arndt als Namenspatron ab und fordern die Universitätsleitung auf, die Ablegung des Namens zu betreiben.

• September 2009 Initiative gegen Arndt übergibt 1400 Unterschriften, die eine Urabstimmung über den Namen fordern.

• Januar 2010 Urabstimmung der Studenten endet mit Mehrheit für die Beibehaltung des Namens.

• März 2010  Senat entscheidet sich ebenfalls gegen eine Umbenennung.

• Januar 2017 Senat beschließt bei einer erneuten Abstimmung die Umbenennung in Universität Greifswald.

• Februar 2017 Bildungsministerium stimmt wegen Formfehlern der Umbenennung nicht zu.

 

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