Jammerossi und Besserwessi : Noch immer Befindlichkeiten zwischen Ost und West?

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03. Oktober 2019, 05:00 Uhr

Wer mit dem Fahrrad durch Berlin fährt, spürt an einem kleinen Holpern, dass die Stadt 28 Jahre lang von einer Mauer geteilt war. Eine Schwelle mit Pflastersteinen zeichnet die Grenze zwischen Ost und West nach. Ein Blick auf die Straße, dann der Gedanke an einen berühmten Satz: Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, hat Willy Brandt gesagt, dass jetzt zusammenwächst, was zusammengehört.

Jammerossi - Opfer der Besserwessis

Danach war viel von der „Mauer in den Köpfen“ die Rede. Die 90er-Jahre waren die Zeit der Klischees: vom Jammerossi, der Opfer der Besserwessis wurde, der sich die „neuen Länder“ einverleibte. Seit dem Ende der DDR ist im Osten alles anders, im Westen wenig. Wer heute nach Köln oder Mainz fährt, könnte denken: Das ist die alte BRD, aber mit Latte Macchiato.

Ex-Innenminister Thomas de Maizière brachte es in einer ZDF-Doku so auf den Punkt: „Für die Ostdeutschen hat sich mit der Wende alles geändert, für die Westdeutschen nur die Postleitzahl.“

Drittel der Wessis sagt, Ostdeutsche jammern

Fast alle Ostdeutschen (95 Prozent) waren laut einer Umfrage schon im Westen. Für nicht wenige Westdeutsche ist der deutsch-deutsche Tourismus aber eine Einbahnstraße, jeder Fünfte war noch nie im Osten. Wobei man das einschränken sollte: Die DDR war viel kleiner als die BRD, im ganzen Osten leben etwa so viele Menschen wie in Nordrhein-Westfalen. Zu den Klischees: Ein Drittel der Wessis sagt, dass Ostdeutsche immer jammern. Das sagt allerdings auch ein Viertel der Ostdeutschen über sich selbst.

Der Besserwessi lebt auch noch

Das Klischee vom Besserwessi hält sich ebenfalls, genauso wie der nostalgische Blick auf DDR-Zeiten, wenn es um Solidarität und Nachbarschaft geht. Was vielen im Osten nicht bewusst scheint: Dörfliches Miteinander und Oma-Tugenden wie Vorräte horten oder Einkochen hat es auch im Westen früher mehr gegeben. Es war vielleicht nicht so überlebensnotwendig wie in der DDR.

Gerade in jüngster Zeit heißt es oft, die Gräben zwischen Ost und West würden wieder tiefer. Wie sieht es heute mit den Befindlichkeiten aus?

Die Schriftstellerin Tanja Dückers (50, „Hausers Zimmer“, „Himmelskörper“) kann sich gut an das Lebensgefühl in West-Berlin erinnern, als die Stadt noch eine schwer zugängliche Insel war. „Ich habe 21 Jahre hinter dieser Mauer gewohnt. Erst nachdem die Mauer gefallen ist, habe ich richtig begriffen, wie absurd das war“, erzählt sie. „Für mich gab es so einen retrospektiven Schreck, und den habe ich tatsächlich vor der Wende nicht gehabt, weil ich nichts anderes kannte.

"Wessi" ist ein Distanzmoment

In den 90ern habe ich dann oft gedacht: Bin ich da wirklich aufgewachsen?“ Sie weiß, wie unterschiedlich sich Ost und West wahrnehmen. Klar werde sie noch als Wessi angeguckt: „Das ist nicht unbedingt negativ, sondern eher ein Distanzmoment“, sagt Dückers. „Du bist aus dem Westen“, das bedeute eigentlich erst mal nur: „Du bist anders.“

Für ein Missverständnis auf Ostseite hält sie, dass es den Westlern immer gut gegangen sei und sie immer Geld gehabt hätten. „Es ist eine Überschätzung der Situation des Westens. Vom Westen her betrachtet hat man es individualbiografisch unterschätzt: Nicht jeder, der bei der SED war, war ein Monster.“

Viele Ehen zwischen Ost und West

Dass sich Gräben zwischen Ost und West vertiefen, findet Tanja Dücker etwas populistisch als Aussage. „Ich bin anderer Meinung. Ich sehe, dass sehr viele Ehen zwischen Ost und West geschlossen werden und sich viele Kinder überhaupt nicht mehr darüber definieren, wo die Eltern herstammen. Ich glaube aber, dass man die Zeit unterschätzt hat, die dieses Zusammenwachsen braucht.“

Nach Dückers  Meinung spielt eine andere Kluft in Deutschland eine größere Rolle als die zwischen Ost und West: die zwischen Stadt und Land.

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