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Urteil in Neubrandenburg : Nitroglycerin im Kühlschrank

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Einsamer Bastler hat in Woldegk drei Jahre mit explosiven Substanzen experimentiert. Gericht verurteilt ihn zu einer Haftstrafe

Das Amtsgericht Neubrandenburg hat den sogenannten Sprengstoff-Bastler von Woldegk (Kreis Mecklenburgische Seenplatte) zu einem Jahr und zehn Monaten Haftstrafe verurteilt. Die Strafe solle potenzielle Nachahmer abhalten und könne deshalb nicht zur Bewährung ausgesetzt werden, erklärte gestern Richter Jörg Landes. Solch einen Fall habe man bisher noch nie gehabt.

Der 34-Jährige wurde wegen Verstoßes gegen Sprengstoff- und Waffengesetze sowie Besitz jugendpornografischer Videos verurteilt. „Dass der Mann bei der Herstellung nicht in die Luft geflogen ist, ist ein Wunder“, sagte Polizei-Sprengstoffexperte Thomas Kilias, der als Zeuge gehört wurde.

Der Landmaschinenschlosser hatte gestanden, ab Ende 2013 in seiner Wohnung in einem Mehrfamilienhaus mit explosiven Substanzen experimentiert und im Freien etwa 50-mal Sprengungen ausprobiert zu haben. „Ich habe die Rezepte im Internet gefunden“, erklärte der Mann. Er habe das erst ausprobiert, dann sei sein „Forscherdrang geweckt worden.“ Später sollte das auch für Silvester genutzt werden.

Das Chemie-Arsenal war durch Zufall im Februar aufgeflogen. „Ich wollte einmal ein Kilogramm Sprengstoff herstellen“, erklärte der Woldegker. Beim Anmischen einer wichtigen Substanz habe er aber auf die Toilette gemusst. In der Zeit hätte die Substanz umgerührt werden müssen. Es kam zu Hitzeentwicklung und Qualm, den eine Nachbarin bemerkte und die Feuerwehr rief. Die Polizei musste dann Munitionsberger alarmieren und das Haus evakuieren. Für einen Teil der Mischungen musste ein „Bombenwagen“ geholt werden, sie wurden gleich vernichtet.

In der Ein-Raum-Wohnung in der dritten Etage waren etwa 160 Kilogramm chemischer Substanzen, die frei verkäuflich über das Internet kamen.

Daraus hatte der „Bastler“ über drei Jahre etwa acht Kilogramm Sprengstoff gemischt. Die Sprengungen filmte er. Bei der Durchsuchung hatte er sehr empfindliche Substanzen wie Nitroglycerin im Kühlschrank. „Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er damit im Treppenhaus gestolpert wäre“, sagte Kilias.

Gefunden wurden auch Stahlkugeln, Schreckschussswaffen, Wurfsterne und jugendpornografische Videos auf dem Computer. Wegen der Tausenden Stahlkugeln hatte die Polizei auch geprüft, ob der Mann Sprengstoffanschläge vorbereitet habe. „Uns war nicht klar, ob der Mann nicht auch mit Fernzündern klarkommt“, sagte der Experte. Man habe aber keine Anhaltspunkte gefunden.

Mit seinem Urteil ging Richter Landes deutlich über die Forderungen von Staatsanwaltschaft und Verteidiger hinaus. Beide hatten – wegen des Geständnisses und einer guten Sozialprognose des Mannes – eine Bewährungsstrafe verlangt. So hätte man acht der neun Fälle beim Sprengstoffmissbrauch nicht anklagen können, wenn das Geständnis nicht so umfassend gewesen wäre, sagte Staatsanwältin Heilwig Voß. Zudem hat der Verurteilte die Wohnung und auch die Arbeit verloren. Bei einer Bewährung habe er wieder eine neue Stelle in Aussicht.

Dem folgte Richter Landes nicht: „Selbst Fehlschläge haben den Mann nicht abgehalten, weiterzumachen.“ Zwei Monate vor der Entdeckung hatte sich der 34-Jährige selbst stark am Arm verbrannt, aber in der Klinik zur Ursache gelogen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Winfried Wagner

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