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Kita-Projekt will Eltern für das Vorlesen begeistern : "Nimmersatt" macht Lust auf Lesen

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Christine Zapfe sitzt inmitten der Drei- bis Fünfjährigen, die immer dichter an die Erzählerin heranrücken und die Köpfe über dem Buch zusammenstecken. Es ist Vorlese-Nachmittag in der Kita, und die Kinder lieben ihn.

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erstellt am 18.Nov.2011 | 11:23 Uhr

Schwerin/Rostock | Beim Vorlesen aus dem Buch "Kleine Raupe Nimmersatt" von Eric Carle ist die Spannung für Amelie kaum auszuhalten. Gemeinsam mit ihren Kindergartenfreunden zählt sie auf, was die Raupe alles futtern muss, bevor sie ein schöner Schmetterling wird. "Und jetzt kann die Raupe auch endlich losfliegen", ruft Amelie und springt vom Stuhl.

Christine Zapfe sitzt inmitten der Drei- bis Fünfjährigen, die immer dichter an die Erzählerin heranrücken und die Köpfe über dem Buch zusammenstecken. Es ist Vorlese-Nachmittag, und die Kinder lieben ihn ebenso wie Eltern oder Großeltern, die mit im Raum sitzen. Christine Zapfe liest meist nur kurze Textpassagen, den Rest der Geschichte spielt und ergänzt sie zusammen mit den Kindern. Die 50-jährige Lehrerin ist seit Jahren in ihrer Freizeit als Vorleserin unterwegs. "Es macht mir Spaß, meine Stimme zu variieren und fantasievoll vorzulesen", erzählt sie. "Und eigentlich können das alle Eltern", ist sie sicher.

Genau dafür wurde das Vorlese-Projekt für Kitas entwickelt. "Wir möchten Eltern dafür sensibilisieren, wie wichtig Vorlesen ist, damit Kinder schon früh das Lesen und Bücher für sich entdecken und Spaß daran finden", sagt Cornelia Hartwig von der Familienbildungsstätte der Arbeiterwohlfahrt in Schwerin. Regelmäßig werden deshalb Eltern mit zu Vorlese-Nachmittagen eingeladen, wo sie auch Tipps zum selbst Vorlesen erhalten.

Vorlesen ist Grundstein für späteres eigenes Lesevergnügen

"Der Grundstein für das spätere Leseverhalten wird in den ersten drei Jahren gelegt", weiß auch Julia Holtz. Die 28-Jährige hat sich mit ihrer Agentur Lesepfad MV selbstständig gemacht. Im vergangenen Jahr hat sie landesweit gut 280 Lesungen organisiert. Für Kita- und Grundschulkinder liest sie auch selbst, veranstaltet Lesefeste oder ein Bilderbuchkino für die Jüngsten.

"Kleine Kinder kann man wunderbar für das Lesen gewinnen. Sie sind wissbegierig und möchten ständig Neues hören", schwärmt die Germanistin und Erziehungswissenschaftlerin. Sie selbst verbindet in ihren Vorlese-Stunden Texte mit Bildern, Rätseln, Liedern und Rollenspielen. Das könne keine Hör-CD ersetzen, ist sie überzeugt.

Dennoch bleibt vielen Mädchen und Jungen das Erlebnis Vorlesen verwehrt. Aus Studien unter anderen der Stiftung Lesen geht hervor, dass etwa 40 Prozent aller Eltern ihren Kindern nicht regelmäßig, knapp 20 Prozent sogar niemals vorlesen. Was diesen Kindern fehlt, bemerkt auch Julia Holtz bei ihren Lese-Aktionen. "Ihr Wortschatz ist geringer und sie können sich keine eigenen Geschichten ausdenken." Im Grundschulalter würden viele das Lesen dann schon als langweilig empfinden, weil es sie überfordert, Geschichten selbst zu lesen und Inhalte aufzugreifen. "Vom Fernsehen und Computer sind sie solche Mühe nicht gewohnt, diese Medien nehmen Ihnen das Denken eher ab", glaubt die Leseförderin.

Lesekompetenz der Schüler im Nordosten mangelhaft

Die jüngste PISA-Studie zeige, dass Mecklenburg-Vorpommern großen Nachholbedarf bei der Lesekompetenz habe: Das Land belege den vorletzten Platz im Ländervergleich, sagt Holtz. Dabei gelte Lesen als Schlüsselkompetenz für fächerübergreifendes Wissen und das Verstehen von Zusammenhängen. "Die Schulen allein können das nicht schaffen", sagt Holtz. Sie wünscht sich eine engere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Eltern in Sachen Leseförderung. Für diesen Bereich gebe es im Land auch kein üppiges Budget. Bibliotheken und andere Kultureinrichtungen seien chronisch unterfinanziert.

Deshalb hofft die Leseförderin, dass sich wieder mehr Eltern Zeit für das Vorlesen nehmen und ihren Kindern Geschichten mit auf den Weg geben. "Kein Kind wird jemals sagen: Du betonst falsch, Mama. Viel wahrscheinlicher werden sie das Vorlesen als sehr intensive Zeit mit den Eltern genießen und in Erinnerung behalten."

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