Nichts geht mehr

Gesetzt wird am Roulettetisch, bis nichts mehr geht. dapd
Gesetzt wird am Roulettetisch, bis nichts mehr geht. dapd

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10. November 2010, 07:51 Uhr

Schwerin | Er ist mehrfacher Millionär, selbstständig und hat Lust aufs Risiko - der Traumtyp von Spieler, wenn Thomas Fritz, Geschäftsführer der Spielbanken Mecklenburg, seinen Lieblingsgast beschreiben sollte. "Aber den gibt es in Mecklenburg-Vorpommern ja nun nicht allzu oft." So auch an diesem trüben November-Abend in der landeshaupt städtischen Spielbank. Von den kaum zwei Dutzend Gästen an den beiden Roulette-Tischen stammt das Gros aus Asien. "Asiaten glauben einfach mehr an das Glück als Mitteleuropäer und stellen es gern auf die Probe", sagt Thomas Fritz. Sie seien regelmäßig in den Casinos anzutreffen, in Warnemünde ebenso wie in Schwerin. "Und in Waren war es genau so." War! Die Spielbank an der Müritz, einst die kleinste des Landes, hat Ende Oktober geschlossen. Das Aus nach acht Jahren macht deutlich, dass es für die Spielbanken-Branche ernst wird.

Eine Hürde begegnet dem Gast in der Spielbank Schwerin als freundliche Aufforderung. "Ihren Ausweis, bitte", flötet die Dame am Einlass dem Neuankömmling entgegen. Führerschein geht auch. Am Computer wird anhand der Daten überprüft, ob sich hier möglicherweise ein fürs Glücksspiel gesperrter Zocker Zutritt verschaffen will. Gesperrt werden Menschen, die ihre Spielsucht anerkennen und sich davor schützen wollen, bisweilen auch mit Hilfe ihrer Angehörigen oder Therapeuten. Auf ihrer Internet-Visitenkarte weisen die Spielbanken Mecklenburg unter dem Stichwort "Sozialkonzept" auf ihre Verantwortung als "staatlich konzessionierter und damit jederzeit öffentlich überwachter Glücksspielanbieter" hin. "Die Bekämpfung der Glücksspielsucht ist ein wichtiges Ziel in unserem Casino-Alltag", heißt es dort. Und: "Glück ist beim Glücksspiel ein zeitlich begrenztes Gut und wird von mindestens genau den gleichen Phasen ohne Glück wieder abgelöst."

Die Banken und die Hallen

Thomas Fritz befürwortet die Auflagen für die Banken, die seit Anfang 2008 mit dem Glückspielstaatsvertrag in Kraft traten: Weniger Werbung, Ausweiskontrollen auch für das Automatenspiel in Spielbanken, schärfere Suchtvorbeugung einschließlich des Sperrsystems. Sie kosten das Unternehmen durchaus eine Kleinigkeit. Für die Kontrollen musste zusätzliches Personal eingestellt werden. Zudem wurden die Mitarbeiter geschult, pathologisches Spielverhalten zu erkennen.

Das ABER von Thomas Fritz wiegt schwer. Zum einen gehen, seit das Gesetz wirkt, bundesweit Besucherzahlen und Einnahmen der Casinos zurück: Im Jahr 2007 registrierten die Spielbanken Mecklenburg 77 439 Besucher und einen Bruttospielertrag von rund 5,56 Millionen Euro; 2009 waren es 73 398 Besucher und 3,26 Millionen Euro. Zum anderen beobachten die Betreiber von Spielbanken mit wachsender Sorge die Konkurrenz der Spielhallen. Auch für sie gab es gesetzliche Veränderungen, in diesem Fall im Jahre 2006 auf Bundesebene durch die Bundespieleverordnung des Wirtschaftsministeriums. Die Folge: Aus dem "Unterhaltungsspiel mit Gewinnmöglichkeit", wie es Jahrzehnte mit kleinen Einsätzen und strikter Zeitbegrenzung in der Eckkneipe praktiziert werden konnte, ist ein ausufernder Markt geworden - fernab von Ausweiskontrollen und Spielerschutz, dafür mit Automaten auf Casino-Niveau und beinahe solchen Gewinnchancen.

Während Spielbanken mit gutem Grund an ausgewählten Standorten im Land platziert wurden, können nahezu ungebremst allerorten Spielhallen eine Gewerbegenehmigung erhalten. Thomas Fritz zitiert die Trümper-Studie, mit der alljährlich die Entwicklung des Automatenspiels betrachtet wird: Demnach stieg die Zahl der Spielhallen in Rostock von 2007 zu 2009 von 38 auf 46. Im selben Zeitraum kletterten die Umsätze der Hallen in Rostock und Schwerin von 10 auf 15 Millionen Euro. "Die Konkurrenz hat um 5 Millionen zugelegt", resümiert Thomas Fritz, der die vergangenen paar Jahre in seinem Metier schon "etwas zum Verzweifeln" fand.

Stolpern, springen, landen

"Nichts geht mehr." Wenn der Croupier am Roulette im Casino Schwerin diesen Satz sagt, dauert es nur noch wenige Momente, bis die Kugel stolpert, springt und landet. Aufatmen. Nächste Runde. Rot oder Schwarz? Eine Zahl? Oder Kolonne? Wer sich nicht auskennt, darf gern fragen. Oder eine Drehscheibe konsultieren, die für Anfänger ausliegt mit dem Versprechen "Roulette ganz einfach". Sie benennt Einsatz und möglichen Gewinn - von der Verdopplung bis zum 35-fachen. Die meisten Gäste schlendern zwischen den beiden Tischen hin und her, schieben dem Croupier Spielsteine - sie heißen dort Jel lys statt Jetons - zu. Warten. "Nichts geht mehr."

Mit dem Aus in Waren hat Geschäftsführer Fritz "die Blutung gestillt", die sein Unternehmen zu viel Kraft gekostet hat. "Leider." Zwei von zehn Kollegen wurden übernommen, einige haben etwas anderes gefunden - "zu ihrem Glück". Für seine anderen Standorte ist Thomas Fritz nun zuversichtlich. Nicht zuletzt, weil die Politik die der Glücksspielbranche eingebrockte Misere erkannt hat und unter anderem über ein Zurück zum Unterhaltungsspiel oder den Ausbau des Spielerschutzes in den Spielhallen debattiert. Mit unterschiedlichen Motiven wollen die Konferenzen von Innen-, Gesundheits- und Finanzministern etwas unternehmen. Die einen sind an der Spielbanken-Abgabe für die Staatskasse interessiert. Die anderen sehen sich vom Kampf gegen die Spielsucht getrieben. Die nächsten stört, dass Spielhallen mittlerweile häufiger überfallen werden als Tankstellen.

Auch Kommunen schicken sich an, den Spielhallen-Wildwuchs zu zähmen. Das baden-württembergische Mengen etwa hob die Vergnügungssteuer auf 25 Prozent, worauf Automaten-Unternehmen den Rückzug ankündigten. Schwerin wagte sich schon mal bis 18 Prozent vor, was im Casino der Landeshauptstadt fast so gut ankommt wie ein risikobereiter Millionär.

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