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Premiere in Parchim : Nichts für schwache Nerven

vom
Aus der Onlineredaktion

Auch wenn viel Theaterblut fließt: „Nur für drei Tage“ am Jungen Staatstheater Parchim macht vor allem nachdenklich – und betroffen

svz.de von
erstellt am 21.Mär.2017 | 12:00 Uhr

Am zehnten Tag stirbt Alex. Sie, das „Supermodel“, von allen bewundert ob ihrer Figur, ihrer Leichtigkeit, hat als erste nichts mehr zuzusetzen. Ihr von der Bulimie ohnehin schon geschwächter Körper gibt auf, dehydriert, kraftlos. Ein Riss in der Speiseröhre lässt sie verbluten, stellt ein Arzt später fest.

Am zehnten Tag geht auch das Licht aus – nach dem Essen und dem Wasser, von dem sich die Bunkerinsassen in den letzten Tagen jeweils nur noch einige wenige Schlucke gönnten. Die Nerven liegen blank. Hilfeschreie verhallen ungehört. Nie war die Welt draußen weiter entfernt.

Nein, so hatten sich die vier Schüler eines Eliteinternats diesen Abstecher unter die Erde ganz bestimmt nicht vorgestellt. Der obligaten Schuljahresabschlussfahrt wollten sie entkommen, Spaß haben, den Nervenkitzel des Verbotenen auskosten, mit Alkohol, Drogen, Sex. Ja, auch Sex, denn Lis (Anne Ebel), Lis wollte die drei Tage im Bunker nutzen, um endlich Mike (Nils Höddinghaus), den von allen Mädchen angehimmelten Sohn eines berühmten Rockgitarristen, für sich zu gewinnen. Alles wollte sie dafür geben, alles. Martin (Martin Klinkenberg), den sie in ihre Pläne einweihte, sollte das Quartett, zu dem neben Lis’ Freundin Alex (Carolin Bauer) auch Mikes Freund Grex (Julian Dietz) gehören, nach drei Tagen wieder herauslassen – das sei fest vereinbart, erzählt sie den anderen. Doch Martin kommt nicht. Und die Stimmung im Partykeller kippt...

„Nur für drei Tage“ von Georg Staudacher ist nichts für schwache Nerven. Wie die literarische Vorlage von Guy Burt, der später mit Kira Knightley verfilmte Roman „After the hole“, zog auch die deutsche Erstaufführung am Jungen Staatstheater Parchim am Sonnabend das Publikum so sehr in den Bann, dass streckenweise geradezu atemlose Stille herrschte. Schließlich hatten die Zuschauer das Gefühl, wie die jungen Protagonisten in einem dunklen Raum gefangen zu sein, in dem nicht nur die Luft mehr und mehr knapp wurde.

Luise Czerwonatis, die für Bühnenbild und Ausstattung verantwortlich zeichnete, hatte kurzerhand die Zuschauerränge auf die Bühne der Parchimer Stadthalle verlegt und davor im eigentlichen Parkett den schwarzen, bis auf einige Fässer leeren Bunker errichtet. So sah man hinunter auf die Akteure – und war doch mittendrin in diesem intriganten Spiel, in dem vier Noch-nicht-ganz-Erwachsene schließlich mit allen Mitteln ums blanke Überleben kämpften.

Am 18. Tag kommt nur Lis zurück ans Tageslicht. Ein wimmerndes Häufchen Elend, dem ein Psychiater helfen soll, den Schrecken, den sie offenkundig erlebt hat, zu verarbeiten. Martin, den sie beschuldigt, die Tragödie heraufbeschworen zu haben, wird von der Polizei verhaftet, streitet aber alles ab. Einer von beiden lügt – doch wer ist es?

Regisseurin Katja Mickan schafft es, die Spannung über mehr als 100 Minuten bis zur Schlussszene aufrechtzuerhalten. In Rückblenden erzählt Lis zuerst eine erdachte Version des Bunkertrips und dann auf Drängen ihres Psychiaters, wie er wirklich war. Die Auflösung lässt ein letztes Mal den Atem stocken – und den Schlussapplaus erst mit Verzögerung, dann aber umso heftiger einsetzen.

Die jugendlichen Zuschauer hätten sich „mehr Action“ gewünscht, begründet Parchims Intendant Thomas Ott-Albrecht die Stückwahl. „Nur für drei Tage“ ist aber viel mehr als ein Stück, in dem ungewöhnlich viel Theaterblut fließt und in dem die fünf jungen Schauspieler sich körperlich völlig verausgaben. Es ist ein Stück über das Erwachsenwerden, das Konflikte mit den Eltern und unerwiderte Liebe genauso thematisiert wie Drogenmissbrauch und sexuelle Gewalt. Und das jeden Einzelnen mit der Frage konfrontiert, wie weit er gehen würde, um sich einen Herzenswunsch zu erfüllen.

Die nächste Vorstellung von „Nur für drei Tage“ am Mittwoch um 10 Uhr in der Parchimer Stadthalle ist ausverkauft. Für die Vorstellung am 12. Mai um 19.30 Uhr gibt es noch Karten.

 

Die nächste  Vorstellung von „Nur für drei Tage“ am Mittwoch um 10 Uhr in der Parchimer Stadthalle ist ausverkauft. Für die Vorstellung am 12. Mai um 19.30 Uhr  gibt  es noch Karten. Tel.:  03871 6291 - 0

 

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