Elbhochwasser 2013 : „Nichts als Worthülsen“

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Menschen in den ehemals überfluteten Gebieten sind sauer: Im Juni 2013 zerstörte das Hochwasser der Elbe ganze Regionen. Politiker versprachen schnelle und unbürokratische Hilfe. Wie sieht es heute aus in den gebeutelten Orten? Was wurde aus den Geldspenden, die unsere Leser sammelten?

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11. Juni 2015, 06:30 Uhr

Vor zwei Jahren versank die Elbe-Havel-Region (Sachsen-Anhalt) in den Fluten, als der Elbdeich bei Fischbeck brach. „Heute sind die Leute hier ausgebrannt“, sagt Rolf Müller, Leiter des Jugendzentrums in Havelberg. Zwei Jahre Kampf mit den Folgen der Flut. Zwei Jahre Kampf mit der Bürokratie. Die Spuren des Hochwassers sind heute noch überall in der Region sichtbar.

Die Ruine des überfluteten Jugendclubs in Kamern bei Havelberg steht immer noch. Heute soll das Gebäude abgerissen und der Schandfleck beseitigt werden. „Im Sommer kann endlich mit dem Neubau begonnen werden“, erzählt Müller.

Rückblende: Vor zwei Jahren – am 10. Juni 2013 – brach der Deich bei Fischbeck nordöstlich von Magdeburg. Tagelang strömten Wassermassen ins dortige Hinterland und überfluteten eine Fläche doppelt so groß wie die Müritz. In Kamern wurden 60 Gebäude beschädigt – darunter auch der Jugendtreff. Drei Wochen stand das Gebäude unter Wasser. Die Hilfsbereitschaft nach der Flut vor zwei Jahren war riesig. Insgesamt 95 000 Euro wurden allein bei der Spendenaktion unserer Zeitung gemeinsam mit der Caritas für die Flutopfer gesammelt. 35  000 Euro davon sollten in den Wiederaufbau des zerstörten Jugendtreffs in Kamern gesteckt werden. Der Club war weit und breit die einzige Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in einer strukturschwachen Region.

Die 35 000 Euro Spendengelder unserer Leser kamen problemlos in Kamern an und liegen bislang ungenutzt auf einem Konto – mit weiteren 35 000 Euro wurde Elfriede Kober in Bälow geholfen und 25 000 Euro bekam die Freiwillige Feuerwehr in Fischbeck, deren Fahrzeuge durch die Flut zerstört worden waren.

Etwa 300 000 Euro waren für den Neubau des Jugendtreffs veranschlagt worden. Bund und das Land Sachsen-Anhalt hatten schnelle und unbürokratische Hilfe zugesichert. „Nichts als Worthülsen“, ärgert sich heute Rolf Müller. Erst im Februar dieses Jahres kam der Bescheid, dass die Anträge auf den Wiederaufbau des Jugendtreffs bewilligt und Geld dafür bereitgestellt werde.

Der rührige Bürgermeister von Kamern, Klaus Beck, hat inzwischen das Handtuch geworfen und sein Ehrenamt aufgegeben. „Der Kampf mit der Bürokratie um Entschädigung für die Flutschäden hat Kraft gekostet“, sagt der Unternehmer gegenüber unserer Redaktion.

Die Verwaltung scheint überfordert. Die Investitionsbank (IB) und das Landesverwaltungsamt bearbeiten noch immer viele Anträge. Bei der IB sind knapp 7000 Hochwasser-Anträge eingegangen, davon etwa 1500 von Unternehmen, wie eine Sprecherin sagt. Mehr als 5000 Bewilligungen über insgesamt 236 Millionen Euro seien erteilt.

„Wir sind immer noch dankbar für die Spenden“, sagt Rolf Müller. Ohne das Geld wäre der Neuanfang um ein Vielfaches schwerer. Denn die 35  000 Euro sollen der Gemeinde die notwendige Kofinanzierung der staatlichen Hilfen für den Wiederaufbau des Jugendtreffs ermöglichen, erklärt Müller.

Er hofft, dass die Kinder und Jugendlichen den Treff im kommenden Frühjahr beziehen können – knapp drei Jahre nach der Flut.

>> Die dramatischen Ereignisse von 2013 zum Nachlesen: www.svz.de/flut

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