Interview : Nichts als ein großer Bluff - Abi ohne Wissen

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12. Juni 2015, 06:30 Uhr

­­­­Die Note des Abiturs hängt heute mehr denn je von dem Bundesland ab, in dem die Hochschulreife erworben wird.  Analysen zeigen, dass zum Beispiel in Rheinland Pfalz  nur 1,3 Prozent der Prüflinge durchs Abitur fallen, in Mecklenburg-Vorpommern hingegen 6,5 Prozent.  Heute wollen die Bildungsminister den Einstieg ins Zentralabitur vereinbaren. Zunächst geht es jedoch nur um einen gemeinsamen Pool von Abituraufgaben in Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch. „Nichts als ein großer Bluff“, sagt Prof. Hans Peter Klein von der Goethe-Universität Frankfurt am Main, der seit Jahren das Anforderungsniveau an Abiturienten bei der Umstellung auf das Zentralabitur untersucht.  Mit dem Leiter des Lehrstuhls Didaktik der Biowissenschaften sprach Max-Stefan Koslik.

Herr Prof. Klein, das Zentralabitur gibt es inzwischen in fast allen Bundesländern, was ist daran schlecht?

In einigen Bundesländern ist das fachliche Aufgabenniveau des Abiturs mit der Einführung des Zentralabiturs deutlich gesunken. Für die zentralen Abituraufgaben wurde oft der unterste gemeinsame Nenner genommen, um zu verhindern, dass die Durchfallquoten nicht nur an den Gymnasien, sondern insbesondere auch an anderen das Abitur vergebenden Schulformen drastisch steigen. Das gilt nicht für alle Bundesländer in gleicher Weise. Wie unsere derzeit laufenden qualitativen Vergleiche der Zentralabiturarbeiten einzelner ausgewählter Länder zeigen, sind insbesondere die fachlichen Anforderungen in den einzelnen Bundesländern stark auseinander gedriftet.

Wie kann das sein?

Das deutsche Bildungssystem ist beginnend mit dem Jahr 2000 nach dem schlechten Abschneiden der deutschen Schüler komplett umgestellt worden. Statt Fachwissen und dessen Anwendung geht es zunehmend um fachunabhängige Schlüsselkompetenzen, wie Teamfähigkeit, Medienkompetenz, Selbstkompetenz, Präsentationskompetenz und vor allem Lesekompetenz. Entsprechend dem PISA-Konzept verwendet mittlerweile die Mehrzahl der Bundesländer textbasierte Aufgabenstellungen und Grafiken, in denen die Schüler nahezu alle Informationen erthalten, um die gestellten Fragen beantworten zu können. Auch hier variieren die Aufgabenformate von Bundesland zu Bundesland. Während in einigen Bundesländern der Schüler für die erfolgreiche Bearbeitung beispielsweise einer Zentralabituraufgabe in Biologie gar nicht am Unterricht hätte teilnehmen müssen (

), verwenden Länder wie Hessen durchaus zumindest noch im ersten Teil der Aufgabenstellungen mit inhaltlichen Fragen, deren Antworten nicht vorgegeben sind. In Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern liegt dieser Anteil deutlich höher. Außerdem kann hier im Zentralabitur nahezu die ganze breite Palette der Biologie-Disziplinen thematisiert werden, wie Zellbiologie, Stoffwechselbiologie, Genetik, Ökologie, Evolution, Neurobiologie. In anderen Bundesländern kommen gerade die beiden ersten fachlich anspruchsvolleren Gebiete schon seit langem nicht mehr vor, das ein oder andere Bundesland arbeitet mit nur drei und in Extremfällen zwei dieser Disziplinen im Zentralabitur. Was das für die einzubringende Schülerleistung bedeutet, liegt auf der Hand.

Können Sie das beschreiben?

 2010  wurde in NRW eine Aufgaben zur Streifenhörnchen-Population in Nordamerika gestellt. Darin ging es um sogenannte populationsökologische Zusammenhänge, einfach ausgedrückt, wer wen frisst oder wer an wem parasitiert. Neben den Streifenhörchen kamen Zeckennymphen und Eicheln vor und im einleitenden Text wurde genau erklärt, wer von wem lebt. Eine Grafik erläuterte diese Verhältnisse ebenfalls. Im Erwartungshorizont für den korrigierenden Lehrer waren jetzt zur ersten Fragestellung genau diese Sätze ausgewiesen, nämlich dass die Streifenhörnchen sich von Eicheln ernähren (und nicht umgekehrt) und die Zeckennymphen die Parasiten der Streifenhörnchen sind. Wenn man dann noch die Kurven so beschrieb, dass die zeitversetzt jeweils rauf und runter verlaufen, hatte man die ersten 10 Punkte schon einmal auf der sicheren Seite. Insofern war es überhaupt nicht überraschend, dass in einem Experiment 9-Klässler mit der teilweise vollständigen Lösung nicht nur dieser Teilaufgabe keinerlei Probleme hatten.

Übertrieben gesagt, reicht in den meisten Bundesländern Lesekompetenz für das Bestehen von Zentralabiturprüfungen.

Während in der oben erwähnten Aufgabenstellung  in einer Teilaufgabe noch nach Gesetzmäßigkeiten gefragt wurde, die nicht vorgegeben waren, werden mittlerweile längst nicht nur in Hamburg Aufgaben eingesetzt, in denen überhaupt kein Wissen mehr mitgebracht werden muss. Für die vollständige Lösung der Zentralabituraufgabe zu den mittlerweile als „Hamburger See-Elefanten“ berühmt gewordenen Meerestieren braucht man definitiv nicht in die Schule gegangen zu sein. Sinnentnehmendes Lesen und ein teaching to the test auf derartige Aufgabenformate reicht hier völlig aus. Letzteres ist wichtig, sonst würde man es nicht glauben, dass man so einfach aus den Texten abschreiben kann. Lediglich das Fach Mathematik ist davon nicht ganz so stark betroffen wie viele der anderen Fächer.

Was  sollten die Länder davon haben?

Die OECD Vorgaben sind eindeutig: wenn Deutschland nicht die Abiturienten- und Akademikerquote im Vergleich zu anderen Ländern drastisch erhöht, wird es wirtschaftlich untergehen. Hinzu kommen politische Überzeugungen, dass es eine Chancengleichheit nicht gibt und dass es nur sozial gerecht sei, eben alle zu einem als hochwertig angesehen Abschluss zu verhelfen. Die Ministerien gehen dann hin und feiern ihre ständig ansteigenden Abiturientenquoten mit immer weiter nach oben ansteigenden Beurteilungen. Deutschland wird halt immer schlauer.

Und das ist überall so?

Ich  kann nur für die Länder sprechen, deren Zentralabiturarbeiten und Erwartungshorizonte uns komplett vorliegen und dass sind Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, NRW und Hessen. Von einigen weiteren Ländern haben wir zwar die Aufgaben, nicht aber die Erwartungshorizonte, da die nur im geschützten Bereich der Ministerien einzusehen sind. Das erschwert dann die genaue Analyse. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Kultusminister an derartigen Vergleichsuntersuchungen keineswegs interessiert sind. Sie pochen auf Urheberrechte und rücken nicht einmal die Zentralabiturarbeiten und die dazu gehörigen Erwartungshorizonte zu Forschungszwecken heraus. Manchmal genügt auch ein einfacher Blick auf die Aufgabenstellung. Während in Mecklenburg-Vorpommern durchaus komplexes zellbiolgisches und physiologisches Fachwissen für die korrekte Beantwortung der Aufgabenstellung einzubringen ist, kommen weder diese Themenbereiche in vielen anderen Ländern überhaupt vor noch sind dort fachwissenschaftliche Grundlagen in weiten Teilen überhaupt gefragt, man bekommt sie halt vorgegeben. Zudem ist oftmals die Thematik in den Aufgabenstellungen von Jahr zu Jahr derart ähnlich, dass wenn man das Aufgabenformat einmal erfolgreich bearbeitet hat, ein Scheitern im Abitur kaum möglich ist.

Gibt es ein Nord-Süd-Gefälle in den Ansprüchen?

Es gibt in der Tat ein Süd-Nord-Gefälle und für mich überraschenderweise auch ein Ost-West-Gefälle.

Können Sie uns das bitte erläutern?

Unsere vergleichenden qualitativen beispielhaften Analysen stimmen mit den in der Vergangenheit durchgeführten Ländervergleichen durchaus überein. Auch da stehen Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen u.a. viel besser da als beispielsweise die Stadtstaaten. Nach unseren derzeitigen Aufgabenanalysen verwendet Mecklenburg-Vorpommern zumindest fachlich die anspruchsvollsten Aufgabenformate. Die Ursache für das Ost-West Gefälle wurde übrigens vor Kurzem auf einer Tagung in Frankfurt dahingehend interpretiert, dass es in der ehemaligen DDR und auch in den ersten 10 Jahren danach keinerlei Einfluss der Reformpädagogik gegeben habe und man dort viel mehr am Leistungsprinzip orientiert sei als dies mittlerweile in einigen westlichen Bundesländern der Fall ist.

Sind Sie ein Gegner des  Zentralabiturs?

Ein Zentralabitur macht nur dann Sinn, wenn es wie in Frankreich jeweils am gleichen Tag von allen Schülern geschrieben wird. Keinesfalls darf hier die Qualität der Aufgabenformate auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunter gefahren werden, wie das jetzt allerdings in Frankreich auch zu beobachten ist. Auch darf man nicht vergessen, dass derzeit das Zentralabitur in den einzelnen Ländern nur einen kleinen Teil der Gesamtabiturnote von ungefähr 24% - 32 % ausmacht, je nach Bundesland wegen unterschiedlicher Vorgaben halt ebenfalls nicht gleich. Der überwiegende Teil der Abiturnote stammt aus der Qualifikationsphase und den mündlichen Abiturprüfungen und da kann natürlich jedes Bundesland je nach bildungspolitischer Vorstellung an der Sonstigen Mitarbeitsnote „drehen“, sodass das Abschneiden im Zentralabitur nicht besonders stark ins Gewicht fällt.

Was heißt das  für die aktuelle Debatte der Kulturministerkonferenz, Aufgaben des Zentralabiturs ab 2017 in einem zentralen Aufgabenpool zu sammeln?

Wenn man ein Zentralabitur einführen würde, für das ein kompetentes Team von sich im Fach auskennenden Fachdidaktikern, Fachwissenschaftlern und Lehrern die Aufgaben erstellen, die an allen Schulen der Bundesrepublik verbindlich wären, würde dies Sinn machen.  Aber davon ist man meilenweit entfernt. Angestrebt wird vielmehr, dass die einzelnen Bundesländer aus ihrem eigenen Aufgabenportfolio Prüfungsfragen in den Pool einbringen. Die Bundesländer können sich überlegen, ob sie Aufgaben aus dem Pool verwenden,  einschließlich ihrer eigenen. Und selbst dagegen wehren sich Länder. Ein Zentralabitur der vorgesehen Art ist nichts als ein großer Bluff für die Öffentlichkeit, denn es wird auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner stattfinden und eine weitere Nivellierungsrunde einläuten.

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