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Erstmals Lebendspende einer Leber in MV : Nichte rettet Onkel: „Das schweißt zusammen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Erstmals wurden in Rostock Teile der Leber einer Lebenden transplantiert

svz.de von
erstellt am 11.Mai.2016 | 05:00 Uhr

Mein eigen Fleisch und Blut – für Norbert Weber hat diese Umschreibung für die Familie jetzt eine ganz andere Bedeutung. Seine Nichte hat dem 56-Jährigen aus Wismar das Leben gerettet – indem sie ihm einen Teil ihrer Leber spendete.

Vorausgegangen waren dramatische Monate, in denen sich Norbert Weber quasi aus dem Nichts heraus mit einer tödlichen Diagnose konfrontiert sah. Ursprünglich litt der Wismarer „nur“ an einer Lungenentzündung, die nicht ausheilen wollte. Bei der Auswertung seiner Röntgenaufnahmen entdeckten Ärzte dann aber durch Zufall Geschwüre an der Leber – Anzeichen für einen Tumor.

Der Verdacht bestätigte sich. Norbert Weber hatte Leberkrebs, vermutlich ausgelöst durch seine Eisenspeicherkrankheit. Noch sechs, vielleicht zwölf Monate Lebenszeit blieben ihm. Nur eine Leber-Lebendspende konnte ihn noch retten. Denn die Zeit, um auf das Organ eines hirntoten Spenders zu warten, hatte Weber nicht, weil die Wartelisten auch bei Lebern lang sind.

Allein in Rostock stehen zwischen 40 bis 50 Patienten darauf, so Prof. Dr. Tung Yu Tsui, der Leiter der Sektion Onkologische Chirurgie an der Rostocker Universitätsmedizin. „Aktuell sind darunter 13 mit hoher Dringlichkeit.“ Zwar habe er in diesem Jahr bereits vier Lebern hirntoter Spender transplantiert, so Tsui. Es könnten aber Monate oder Jahre vergehen, bis für den Einzelnen ein passender Spender gefunden wird. In einzelnen Transplantationszentren überleben das bis zu einem Fünftel der Patient auf der Warteliste nicht.

Ein Schicksal, das Norbert Weber erspart blieb, weil seine Familie hinter ihm stand. „Meine Geschwister, die Neffen, Nichten, meine ganze Familie – alle wollten sofort helfen“, erinnert er sich und muss dabei noch heute mit den Tränen kämpfen.

„Die Ärzte sagten, eine Spenderleber ist für ihn die einzige Rettung. Da mussten wir nicht lange überlegen“, erzählt Webers Nichte Janet Hensel. Die 36-Jährige ließ sich, ebenso wie ihre Mutter, testen – und kam tatsächlich als Spenderin infrage. Es folgten monatelange Voruntersuchungen, bis Ende März schließlich operiert werden konnte – erstmals in Mecklenburg-Vorpommern. Vier Stunden dauerte es, bis Prof. Tsui und sein Team der Spenderin den rechten Leberlappen entnommen hatten. In weiteren vier Stunden wurde er dann Norbert Weber eingepflanzt. Schon eine Woche später konnte Janet Hensel die Klinik wieder verlassen, ihr Onkel musste noch sechs Tage länger in Rostock bleiben.

Heute geht es beiden gut. Was sie gemeinsam erlebt haben, „das schweißt zusammen“, meint Janet Hensel.

Für die junge Frau wird es langfristig keine Folge haben, dass sie ihrem Verwandten rund 60 Prozent ihrer Leber überlassen hat: „Die Leber ist ein wunderbares Organ, das sich von selbst regenerieren und innerhalb von drei Monaten, manchmal sogar noch schneller fast bis zum Ausgangsvolumen nachwachsen kann“, betont Prof. Tsui, der seit zwei Jahren in der Rostock er Uniklinik tätig ist. Hier war es für ihn der erste derartige Eingriff, zuvor hat er aber in Hongkong und Hamburg bereits Erfahrungen damit gesammelt.

Nur wenige Mediziner in Deutschland trauen sich die sehr anspruchsvolle Operation zu. Von deutschlandweit 891 Lebertransplantationen erfolgten 2015 gerade einmal 45 nach einer Lebendspende.

Prof. Tsui will das Verfahren nun in Mecklenburg-Vorpommern etablieren – als Alternative zur Transplantation des Organs eines hirntoten Spenders. Sie bleibt aber, wenn die Zeit es zulässt, die erste Wahl, betont der Chirurg. Gesunden Menschen Organe zu entnehmen, müsse die Ausnahme bleiben. Zumal die rechtlichen Vorgaben für eine Lebendspende sehr streng sind: „Nur Verwandte ersten und zweiten Grades, die völlig gesund sind, dürfen ein Organ spenden“, erläutert Prof. Tsui. Lediglich in Ausnahmefällen sei das auch Partnern oder Freunden möglich, sie müssten aber nachweislich eine sehr enge Beziehung zum Empfänger haben.

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