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Erziehung, Bildung und Schule : Nicht viel dazugelernt?

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Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Am Sonnabend beantwortet Prof. Struck am Lesertelefon in der Zeit von 16 bis 18 Uhr Fragen rund um Erziehung, Bildung und Schule.

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erstellt am 03.Aug.2012 | 06:50 Uhr

2001 erlebte Deutschland mit Wucht den "Pisa-Schock". Bei 15-Jährigen schnitt es nur durchschnittlich ab, nachdem jahrhundertelang sein Schul- und Hochschulwesen als das allerbeste galt. Also sprachen im vergangenen Jahrzehnt Politiker jedweder Couleur nicht nur davon, dass Ausgaben für Kinder "die wichtigste Zukunftsinvestition in unserem rohstoffarmen Land" seien, sondern dass nun in Sachen Bildung alles viel besser werden solle. Aber was hat die heftigste Schuldebatte, die Deutschland seit der "Pädagogischen Bewegung" der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts erlebte, denn nun eigentlich gebracht?

"Bildung in Deutschland 2012" heißt der Bericht, den die Kultusministerkonferenz (KMK), das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) jüngst in Berlin vorstellten. Zusammenfassend lässt sich sagen: Weniges ist besser geworden, einiges schlechter, und das meiste ist so dürftig geblieben, wie es schon 2001 beklagt wurde. Hier das Wichtigste aus dem sehr umfangreichen Bericht in Kürze:

In keinem anderen vergleichbaren Industrieland ist der Bildungserfolg der Kinder so stark an ihre soziale Herkunft geknüpft wie in Deutschland. 18 Prozent unserer jungen Menschen wachsen in erheblicher Armut auf und erreichen deshalb mehrheitlich weder einen Hauptschul- noch einen Berufsschulabschluss. Die Bildungsnähe der Herkunftsfamilie ist für den Schulerfolg ausschlaggebender als so etwas wie Begabung oder Intelligenz.

Jeder fünfte junge Mensch kann im Alter von 15 Jahren gar nicht lesen, jeder vierte nicht sinnerfassend. Das sind exakt die Zahlen, die auch schon im Jahre 2000 ermittelt wurden.

Migrantenkinder kommen doppelt so selten zum Haupt- und Berufsschulabschluss wie deutsche Kinder. Die Zahl der deutschen Kinder nimmt aber kontinuierlich ab, während die der Kinder mit Migrationshintergrund wächst. Ihr Anteil macht bei Jugendlichen 25 Prozent aus, bei Einjährigen bereits 35 Prozent und wird im Jahr 2020 bei fast 50 Prozent liegen.

So wie die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinandergeht, spreizt sie sich auch beim Bildungserfolg. Kinder aus "gutbürgerlichem" Milieu machen immer häufiger Abitur, Kinder aus armen Familien immer seltener.

Junge Menschen aus "betuchten" Familien besuchen immer zahlreicher Privatschulen - allein in den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der privaten Grundschulen in Deutschland um 150 Prozent gestiegen -, weshalb arme Kinder und solche aus Migrantenfamilien einen immer höheren Anteil in den staatlichen Schulen stellen.

Das Durchschnittsalter der deutschen Lehrerschaft und damit verbunden ihre Belastungen steigen permanent. Jede zweite Lehrkraft ist älter als 48 Jahre.

Unter vergleichbaren Ländern gibt nur Tschechien weniger von seinem Bruttoinlandsprodukt für Bildung aus als Deutschland. Sieben Prozent sind es im Moment; bis 2015 sollen es zehn Prozent sein, beschlossen die Kanzlerin und die 16 Ministerpräsidenten auf ihrem Bildungsgipfel in Dresden. Damit steht Deutschland dann allerdings immer noch auf dem vorletzten Platz. Erschreckend unterfinanziert sind vor allem die deutschen Hochschulen und die vorschulischen Einrichtungen, was dazu führt, dass immer mehr junge Menschen aus bildungsnahen Familien nicht nur auf Privatschulen gemeldet werden, sondern auch in teure und gut ausgestattete Kindergärten sowie Privathochschulen ausweichen, so dass sie als mitreißende Zugpferde den staatlichen Einrichtungen zunehmend fehlen.

Das Personal in den vorschulischen Einrichtungen ist durchweg zu gering qualifiziert, zu schlecht bezahlt und zahlenmäßig zu dünn gestreut. In Skandinavien haben Vorschulpädagogen studiert, in Deutschland vorwiegend nicht. Kontraproduktiv ist daher der zurzeit diskutierte Plan, ausgerechnet Arbeitslose zu Erziehern umschulen zu wollen.

Am problematischsten ist laut Bildungsbericht, dass 39 Prozent aller Schulanfänger nicht hinlänglich Deutsch sprechen und verstehen. Das ist eine enorme Steigerung seit dem Pisa-Schock des Jahres 2001.

Besser geworden ist, dass mittlerweile fast 90 Prozent aller Kinder eine vorschulische Einrichtung besuchen, dass fast 50 Prozent aller jungen Menschen Abitur oder Fachabitur machen und dass immer mehr Kinder zu Ganztagsschulen gehen. 51 Prozent der deutschen Schulen sind schon Ganztagsschulen.

Die Kommission von Wissenschaftlern, die in Berlin den Bildungsbericht

2012 vorstellte, verlangt ein deutliches Mehr an bundeseinheitlichen Bildungsstrukturen, die zurzeit mit dem "Kooperationsverbot" der Föderalismusreform, nach dem Bildung allein Ländersache ist, gar nicht möglich sind.

Das Kooperationsverbot, mit dem jeder Kultusminister seine eigene "Spielwiese" für Schulreformen bekam, hat inzwischen zu schlimmen Blüten geführt, die einen Umzug einer Familie innerhalb Deutschlands oft zur Katastrophe geraten lassen. Im Moment gibt es fast 50 verschiedene allgemeinbildende Schulformen mit noch wesentlich mehr unterschiedlichen Lehrplänen. Aber selbst innerhalb einer Schulform wie dem Gymnasium gibt es viel zu viele Varianten. Es gibt Gymnasien, die mit Klasse 5 beginnen, und solche, die erst mit Klasse 7 damit anfangen. Es gibt das Abitur nach Klasse 13 (oft an Gesamt- und Gemeinschaftsschulen), nach Klasse 12 1/2 (Rheinland-Pfalz) und nach Klasse 12. Und es gibt Gymnasien "mit zwei Geschwindigkeiten", die sowohl das Abitur nach Klasse 12 als auch nach Klasse 13 anbieten. In Schleswig-Holstein sind das zum Beispiel elf Schulen. Es gibt Bundesländer wie Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, die vom Abitur nach Klasse 12 zum Abi tur nach Klasse 13 wechselten, um danach erneut das Abitur nach Klasse 12 einzuführen.

Es bleibt aber ein großer Trost: Keine einzige deutsche Schule ist aufgrund einer Regierung gut geworden, denn die Sonne geht nie von oben auf, sondern immer von unten. Immerhin gelten schon wieder fast 5000 der etwa 42 000 deutschen Schulen als exzellent. Sie sind gut geworden, weil sie selbst gut werden wollten, und sie kokettieren damit, dass ihr Erfolg unter anderem da rauf zurückzuführen sei, dass sie kaum in die Lehrpläne gucken. Sie arbeiten nämlich unter dem Motto: "In Zukunft wird es wichtiger sein, dass junge Menschen etwas können, statt bloß etwas zu wissen."


Lesertelefon

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag, Darmstadt, ist sein Buch "Elternhandbuch Schule" erschienen. Prof. Struck beantwortet am Lesertelefon am Sonnabend in der Zeit von 16 bis 18 Uhr Fragen rund um Erziehung, Bildung und Schule. Zu erreichen ist er unter der Telefonnummer 040 / 45 87 32.

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