Ostdeutsche Werften : Neustart in der Schiffbauhalle

Neues Logo an der Schiffbauhalle: MV-Werften in Stralsund
Neues Logo an der Schiffbauhalle: MV-Werften in Stralsund

Neue Investoren, neue Aufträge, neue Jobs – nach langer Durststrecke geht es auf den ostdeutschen Werften wieder aufwärts

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02. Juni 2017, 12:00 Uhr

Im Frühjahr verschwand an der großen Schiffbauhalle in Stralsund das traditionelle Volkswerft-Logo, eine aus den Versalien V und W geformte Kogge. Stattdessen prangt jetzt das dunkelblaue Firmenschild der Schiffbaugruppe „MV Werften“ an der Hallenwand. Damit ist konsequent und weithin sichtbar deutlich gemacht worden, was den Schiffbau in MV seit mehr als eineinhalb Jahren in Atem hält: ein Neustart der Branche, der zu Beginn des Jahres 2016 die Puste auszugehen drohte.

Damals gehörten die drei großen Seewerften in Wismar, Warnemünde und Stralsund mit zusammen 1400 Beschäftigten noch zur Nordic Yards-Gruppe des russischen Werfteigners Witali Jussufow. Für die Schiffbaugruppe, die sich auf arktistaugliche Spezial- und Serviceschiffe sowie den Bau von Konverter-Plattformen für Offshore-Windparks fokussierte, spitzte sich in der globalen Schiffbaukrise die Lage dramatisch zu. Denn seit ein französischer Auftraggeber im Februar 2013 die Offshore-Konverter-Plattform „DolWin gamma“ bestellt hatte, bemühte sich Nordic Yards vergeblich um neue Projekte – 500 Entlassungen standen zur Debatte.

Der maritimen Industrie im Nordosten hätte ein Aus der drei größten ostdeutschen Werften einen herben Schlag bereitet. Der Branche mit Schiff- und Bootsbau, maritimen Zulieferern sowie Meeres- und Offshore-Technik werden etwa 300 Unternehmen mit rund 10 000 Beschäftigten und ein Umsatz von 1,5 Milliarden Euro zugerechnet. Das Rückgrat des landestypischen Wirtschaftszweiges in MV bildet der Schiffbau. Auf den Werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund sowie auf der Neptun Werft in Warnemünde, der Peene-Werft in Wolgast und bei Tamsen Maritim in Rostock sind knapp über 2000 Mitarbeiter beschäftigt.

Der Kelch massenhafter Entlassungen ging an Nordic Yards vorüber, weil Anfang des vorigen Jahres überraschend das asiatische Unternehmen Genting Hong Kong (GHK) dem russischen Eigner von Nordic, Witali Jussufow, ein Kaufangebot unterbreitete. Im März 2016 erwarb GHK für 230 Millionen Euro die drei Werften. Der Verkauf fügte sich ein in eine Reihe wechselnder Eigner seit der Privatisierung der volkseigenen Werften Anfang der 1990er-Jahre – westdeutsche, norwegische, dänische und russische Investoren gaben sich die Klinke in die Hand.

Der Einstieg von GHK löste einen radikalen Wandel im Produktportfolio aus. Der neue Investor firmierte Nordic Yards zu „MV Werften“ um und setzt voll auf die Karte Kreuzschifffahrtbau. Hintergrund des Engagements ist Gentings hoher Eigenbedarf an Cruise Linern. Alle in MV geplanten Kreuzfahrt- und Flusskreuzfahrtschiffe sind für die GHK-Reedereien Star Cruises und Crystal Cruises bestimmt. Zehn Neubauten mit einem Auftragsvolumen von über zwei Milliarden Euro sind bisher vertraglich besiegelt. Zum Baustart für zwei Flusskreuzfahrtschiffe in Wismar im Januar dieses Jahres wertete Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) dies als ein ermutigendes Signal an die Branche: „Für die maritime Industrie unseres Landes geht es nach einer langen Durststrecke wieder aufwärts.“

Bei Kreuzfahrtschiffen sind die Werften auf umfangreiche Zulieferungen angewiesen. In den von GHK avisierten Dimensionen stellt das die Betriebe vor neue Herausforderungen, die Zulieferungen werden komplexer und modularer. Auch die Beschäftigtenzahl im Schiffbau steigt schlagartig. Bei „MV Werften“ soll die Zahl der Mitarbeiter auf 3000 verdoppelt werden.

Die anderen Werften in MV nutzen ebenfalls die Chancen im Spezialschiffbau. Auf der Peene-Werft, die zur Bremer Lürssen-Gruppe gehört, entstehen Marineschiffe. Die Neptun Werft in Warnemünde produziert seit Jahren Flusskreuzfahrtschiffe. Im Verbund der Papenburger Meyer Werft liefert sie aber künftig vorrangig komplett ausgerüstete Maschinenraumsektionen für Cruise Liner. Die Neubau- und Reparaturwerft Tamsen Maritim in Rostock konzentriert sich auf Yachten, Fahrgast- und Behördenschiffe.

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