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Erdbeben in Nepal - ein Jahr danach : Neustart auf dem Dach der Welt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Jahr nach dem schweren Erdbeben in der Himalaya-Region ist in Nepal vom Wiederaufbau noch wenig zu sehen. Ein Rostocker hilft beim Wiederaufbau

von
erstellt am 25.Apr.2016 | 12:00 Uhr

Der Everest war schon immer der Traum von Elitsa Dincheva. Dann wagte die Münchnerin, die weltweit für die SOS Kinderdörfer arbeitet, endlich den Treck ins Himalaya-Gebirge. Auf 4000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel begann plötzlich die Erde zu beben. „Das ganze Bergmassiv hat sich unter unseren Füßen bewegt. Es war ein Schock, wir waren komplett überfordert“, erinnert sich die 32-Jährige an den 25. April letzten Jahres. Das Erdbeben war das schwerste im Land seit mehr als 80 Jahren. Mit einer Stärke von 7,8 kostete es mehr als 8630 Menschen das Leben. Über 100 000 wurden verletzt.

Eigentlich sollte Elitsa Dinchevas Trip nur noch zwei Tage dauern, doch sie entschloss sich kurzer Hand, Ersthilfe zu leisten – vor allem, nachdem sie sah, wie übel zugerichtet die Bergdörfer waren. Aus zwei Tagen Restaufenthalt wurden zweieinhalb Wochen.

Die junge Frau reiste in die Hauptstadt Kathmandu – dort war die Zerstörung noch schlimmer. Sie half, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Mit Wasser, Decken und Medizin. „Alles war etwas improvisiert, aber wir konnten helfen.“ Später errichtete die Hilfsorganisation vor Ort auch Nothilfe Kitas. 37 Kinder ohne Eltern wurden in die SOS Kinderdörfer aufgenommen. „Insgesamt konnten wir bis heute etwa 17 000 Menschen helfen“, sagt die 32-Jährige, doch viele seien nach wie vor traumatisiert vom Beben und den vielen Nachbeben. „In den ersten Wochen sind wir jede Nacht aus den Hütten gerannt, weil es wieder gebebt hat“, erinnert sie sich zurück.

Neben Hilfsgütern bringt Tomas Berger auch Hansa-Fanartikel für die Kinder in Nepal mit. Der Verein unterstützt ihn dabei.
Neben Hilfsgütern bringt Tomas Berger auch Hansa-Fanartikel für die Kinder in Nepal mit. Der Verein unterstützt ihn dabei. Foto: Foto: Tomas Berger
 

In Sachen Wiederaufbau hat sich in Nepal auch ein Jahr nach der Katastrophe bisher wenig getan. Die Grundversorgung funktioniert, viele provisorische Hütten stehen und besonders um die Kulturerbe-Denkmäler herum wurde aufgeräumt. Viel mehr jedoch nicht. Schuld daran sei vor allem die Regierung. „Sie bremsen den Wiederaufbau, wo sie können und interessieren sich wenig für ihre eigenen Leute“, klagt Dincheva. Bis heute würden die meisten Erdbebenopfer noch in provisorischen Wellblechhütten leben. Wegen des harten und kalten Winters gab es sogar Tote. Zwar habe sich inzwischen eine Art Alltag eingestellt, doch der sei viel härter, als das Leben in dem armen Land sowieso schon war.

Die Helfer der Organisation wurden zudem daran gehindert, auch nur ein Haus neu zu bauen, da die rechtlichen Grundlagen dafür nicht geschaffen wurden. „Die Ausrede der Regierung dafür war, dass wir mit Neubauten manche Familien bevorzugen würden und es zu einer Ungleichbehandlung der Gesellschaft käme“, so Dincheva. Stattdessen haben die Helfer der SOS Kinderdörfer sogenannte „Homes in a Box“ verteilt. Darin finden sich all die Utensilien, die eine Familie für ein den Umständen entsprechend normales Leben benötigt. Von Decken und Hygieneartikeln bis hin zu Kochtöpfen und Grundnahrungsmitteln. „An 1000 Familien haben wir diese Boxen bisher verteilt“, erklärt Elitsa Dincheva stolz, „bald werden wir die nächste Charge abgeben können.“

Blumenverkäuferinnen im zerstörten Kathmandu
Blumenverkäuferinnen im zerstörten Kathmandu Foto: SHRESTHA
 

Auch der Rostocker Tomas Berger engagiert sich für das fremde Land. Er hat mit Freunden das Projekt „Socialquake Nepal“ ins Leben gerufen. Seit 2003 besucht der Sozialarbeiter jährlich das Himalaya-Land – ursprünglich der Fotografie wegen. Doch seit er vor Ort Freundschaften geschlossen hat, begann er, sich zu engagieren. Und überzeugte viele aus seinem Umfeld, das Gleiche zu tun. So unterstützen er und sein „wilder Haufen“ seit 2010 ein Waisenhaus in Pokhara (siehe Karte) mit Büchern, Kleidung, Hygieneartikeln und anderen Sachspenden.

„Von dem schweren Erdbeben blieb der Ort glücklicherweise verschont“, sagt er. Anders als eine Schule in Baluwapati. „Der Ort befindet sich mitten im Erdbebengebiet und wird von etwa 120 Kindern aller Schichten und Kasten aus den umliegenden Dörfern besucht“, erklärt Berger. Derzeit bestünde die Schule nur aus zwei Wellblech-Hallen. Doch bald soll dort wieder ein Schulgebäude stehen: „Die Baugenehmigung haben wir, es kann losgehen, sobald das Geld vor Ort ist.“ Knapp 9000 Euro wird das Gebäude kosten. Der Rostocker will sich Ende Mai auf den Weg machen, um den Bau beginnen zu lassen.

Die Familien  im Bhimtar leben derzeit in provisorischen Unterkünften.   Fotos: Michela Morosini (3)
Die Familien im Bhimtar leben derzeit in provisorischen Unterkünften. Fotos: Michela Morosini (3)
 

Dort wird er auch auf eine gebürtige Warnemünderin treffen, die seit knapp sieben Jahren in Nepal lebt und studiert. Hanna Geschewski hat das schwere Beben ebenfalls miterlebt und lange gefürchtet. „Die Frage war nicht ob, sondern wann.“ Mit den Zuständen, die bis heute anhalten, hatte sie allerdings nicht gerechnet. „Vier Milliarden Dollar wurden von internationalen Spendern bereitgestellt. Angerührt wurde von der Regierung davon bisher kaum etwas“, sagt sie. Viele der Menschen hätten keine Möglichkeit, als in ihre „von staatlichen Ingenieuren als unsicher eingestuften, beschädigten Häuser zurückzuziehen. Mit immer wiederkehrenden Nachbeben – mehr als 400 im vergangenen Jahr – setzen sie sich damit ständiger Gefahr aus“, sagt die 25-Jährige. Aber „die Nepalesen gehen, wie so oft, sehr gelassen mit ihrer Misere um.“

Trotz allem glauben die Helfer daran, dass der Wiederaufbau gelingen kann. „Wenn die Regierung jetzt wirklich anfängt, denke ich, dass in ein paar Jahren richtig was zu sehen sein wird“, sagt Elitsa Dincheva. Auch Tomas Berger ist sich sicher, „schlimmer als die eigentliche Katastrophe war das Unvermögen der Politik und die Blockade an der indischen Grenze. Jetzt, wo die vorbei ist, kann der Wiederaufbau in die Vollen gehen.“

Etwas weniger optimistisch zeigt sich Hanna Geschewski. „Die Regierung hat 49 zum Teil sehr unerfahrene Baufirmen mit dem Wiederaufbau der zerstörten Tempelanlagen beauftragt. Oft nach dem Prinzip des preisgünstigsten Angebots.“ So könnten viele der als Weltkulturerbe deklarierten Anlagen ihren Wert verlieren. Doch zumindest ist ein Jahr nach der Katastrophe wieder ein Stück Alltag eingekehrt.

25. April 2015 Das heftigste Erdbeben seit mehr als 80 Jahren erschüttert Nepal mit einer Stärke von 7,8 auf der Richterskala. Auch Nord- und Nordostindien, Tibet, Volksrepublik China, Pakistan und Bangladesch meldeten Erschütterungen.

 

Chronologie der Ereignisse bis heute

  • 7. Mai 2015 Bei dem Beben sind doppelt so viele Häuser zerstört worden wie zunächst gedacht. Rund 256 000 seien kaputt, teilte das UN-Büro für Katastrophenhilfe (Ocha) mit. Weitere 213 000 Häuser seien schwer beschädigt. Etwa ein Viertel der 31 Millionen Einwohner Nepals ist betroffen.
  • 12. Mai 2015 Ein weiteres, gewaltiges Beben hat den Himalaya-Staat erschüttert. Es hatte die Stärke 7,4.
  • 21. Mai 2015 Fast vier Wochen nach dem Erdbeben hat das US-Militär mit dem Abzug seiner Rettungs- und Hilfstruppen begonnen. Die nepalesische Regierung und internationale Hilfsorganisationen seien jetzt mehr mit Wiederaufbau beschäftigt. Insgesamt halfen 22 Länder. Die Zahl der Toten des Bebens und zahlreicher Nachbeben ist indes auf mindestens 8 633 gestiegen. Mehr als 100 000 Menschen seien verletzt worden.
  • 15. Juni 2015 Nepal hat zahlreiche Unesco-Kulturerbestätten wieder für Besucher geöffnet. Die Tourismusindustrie des Landes hofft, dass durch die Eröffnung bald wieder mehr Besucher in das Land kommen.
  • 25. Oktober 2015 Hilfsorganisationen beklagen fehlende Vorgaben von Nepals Regierung für den anstehenden Wiederaufbau. „Legal können wir keinen Stein auf den anderen setzen“, so ein Koordinator der Diakonie Katastrophenhilfe.
  • 30. November 2015 Geld für Erdbeben-Opfer soll in Nepal in die falschen Hände geraten oder in Taschen von Beamten und Politikern verschwunden sein. Nepals Anti-Korruptions-Behörde CIAA überprüft Vorwürfe der Unterschlagung und Veruntreuung. Es gehe um die Beschaffung von Hilfsgütern und die Auslieferung anderer Nothilfe. Betroffene beklagten zudem, sie hätten die versprochenen 15 000 Rupien (133 Euro) Nothilfe der Regierung nicht erhalten.
  • 16. Dezember 2015 Die zerstrittenen Parteien Nepals haben ein für den Wiederaufbau nötiges Gesetz verabschiedet. Das Parlament beschloss unter anderem die Gründung einer Wiederaufbaubehörde. Diese soll sich ausschließlich um die Versorgung der Hunderttausenden Menschen kümmern, die durch das Beben obdachlos wurden. Nepals Politiker waren in den vergangenen Jahren vor allem mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung beschäftigt.
  • 19. Dezember 2015 In Nepal hat erneut die Erde gebebt. Die Erschütterungen im Westen des Landes erreichten die Stärke 5,5. Informationen über mögliche Opfer gab es zunächst nicht. Seit der Katastrophe vom April haben zahlreiche Nachbeben die Bevölkerung immer wieder in Angst versetzt.
  • 24. Dezember 2015 Mehrere Überlebende des Erdbebens in Nepal sind laut lokalen Medien nach einem Wintereinbruch in ihren Notunterkünften gestorben. Allein im Dorf Thokarpa habe es sieben Kältetote gegeben, berichtete die nepalesische Zeitung „Kantipur“.
  • 17. Januar 2016 Das Land hat offiziell mit dem Wiederaufbau begonnen. Präsidentin Bidhya Devi Bhandari legte den Grundstein für den Bau des zerstörten Tempels im Rani-Pokhari-Teich in Kathmandu.
  • 7. April 2016 Unzählige Menschen leben noch immer in Wellblechhütten. Viele Posten der zentralen Wiederaufbaubehörde der Regierung in Kathmandu sind noch immer unbesetzt. In den Dörfern fehlt den meisten Menschen das Geld, um ihre eingestürzten Häuser wieder errichten zu können.
  • 12. April 2016 Die Regierung Nepals hat das erste Geld für den Wiederaufbau von Häusern an die Bevölkerung verteilt. Mehr als 600 Familien im besonders stark betroffenen Distrikt Dolakha hätten die erste Tranche der versprochenen 200 000 Rupien (1651 Euro) erhalten.
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