Ein Urenkel auf Spurensuche : Neues Buch zu Walter Ulbricht

DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht 1970
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DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht 1970

Neues Buch zu Walter Ulbricht. Ein Nachfahre fragt sich, wer war dieser Mann, über den die Familie kaum sprach?

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21. August 2020, 05:00 Uhr

Er raucht und trinkt nicht, er wandert gern und nennt seine erste Tochter in einem Brief „Mein lieber Wildfang“. Mehrere Jahrzehnte nach dem Tod des einstigen DDR-Staatschefs Walter Ulbricht (1893-1973) hat sich ein Urenkel auf die Suche nach dem Leben des Mannes begeben, der oft als Spalter, Mauerbauer, Lügner oder Spitzbart tituliert wurde. Was war er für ein Mensch, über den in der Familie kaum gesprochen wurde, fragt sich Autor Florian Heyden in dem Buch „Walter Ulbricht Mein Urgroßvater“, das gestern erschien.

Heyden, der in der Schweiz lebt und als Manager arbeitet, hat seinen Urgroßvater nicht mehr selbst kennengelernt, er wurde 1980 geboren. Laut Verlag hat der Nachfahre in deutschen, russischen und britischen Archiven recherchiert sowie Angehörige befragt. Doch es geht nicht um Ulbrichts Zeit als Politfunktionär in der DDR, die Betrachtung endet mit dessen Rückkehr aus der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg.

Urenkel Heyden präsentiert auf rund 350 Seiten einen gründlich recherchierten Exkurs zur Entwicklung Deutschlands seit der Jahrhundertwende sowie den Aufstieg Ulbrichts vom gelernten Tischler zum kämpferischen KPD-Funktionär, der Reichstagsabgeordneter wird, wegen Hochverrats aus Deutschland ausgebürgert wird und im Schützengraben auf Seiten der Roten Armee deutsche Soldaten zum Aufgeben aufruft. Später treibt Ulbricht den Aufbau einer sozialistischen DDR voran.

Der Berufsrevolutionär ist immer auf dem Sprung zum nächsten Einsatz. Geboren in Leipzig, sei Ulbrichts Leben ein ewiger Wettkampf zwischen Privatem und Pflichterfüllung gewesen, schreibt Heyden. Fast immer habe die Partei gewonnen, Walter sei ein treuer Parteisoldat gewesen. „Sein demütiger Fleiß mündete in Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Gefühlen“, resümiert der Urenkel. „Die Massen mobilisieren“ – das habe zu seinen Lieblingsworten gehört.

Und trotzdem: Drei Frauen, zwei Töchter, eine Adoptivtochter gehören zum Leben des Funktionärs mit Spitzbart und Fistelstimme als Folge einer Kehlkopferkrankung, der sein sächsisches Idiom nie ablegte. Von seiner ersten Frau Martha trennt sich Ulbricht schon 1925, in Moskau lernt er die französische Journalistin Rosa kennen, von beiden Frauen hat er eine Tochter. Dann tritt dort die Kommunistin Lotte Kühn in sein Leben, sie wird später die First Lady der DDR. Die erste Ehe wird erst 1949 geschieden, das neue Ehepaar Ulbricht adoptiert eine Tochter. Es wird kein glückliches Familienleben.

In der DDR steigt Ulbricht zum ersten Mann im Staate auf, er führt die Staatspartei SED und den Staatsrat. 1961 wird unter Führung Ulbrichts die Berliner Mauer hochgezogen, die die deutsche Teilung bis zum 9. November 1989 zementiert. 1973 stirbt Ulbricht, zuvor entmachtet von den eigenen Genossen. Ausgerechnet Ziehsohn Erich Honecker wird der Nachfolger.

Im Postskriptum des Buches werden Details deutlich, die zu DDR-Zeiten den wenigsten bekannt gewesen sein dürften. Die Ulbrichts unterstützen finanziell Ex-Frau Martha in Leipzig; die Frauen hätten ein „vernünftiges Verhältnis“ gehabt, meint der Autor. Der Haushalt des Politiker-Paares in Berlin-Pankow wird von der Schwester Lotte Ulbrichts geführt.

In seinem letzten Willen verfügt Walter Ulbricht, dass seine in Frankreich lebende Tochter Rose ein Drittel seines Bankguthabens bekommt. Deren Mutter siedelt 1986 in die DDR über – lange nach dem Tod ihres früheren Partners Walter. Auch sie habe ein gutes Verhältnis zu Lotte Ulbricht gehabt, heißt es im Buch.

Tochter Dora aus erster Ehe (Großmutter des Autors) wollte keine Unterstützung. Als sie 1947 in Lübeck heiratet, kommt Vater Walter nicht zur Hochzeit. Als Geschenk schickt er ein Klavier, das aber von britischen Alliierten konfisziert wird. Später habe Ulbricht auf Umwegen Verbindungen zu den Töchtern in Lübeck und Paris gehalten, heißt es – während die Genossen seiner Partei keine Westkontakte haben durften.

Die Verbindung Ulbrichts zu seinem in den USA lebenden Bruder und seiner Schwester in Bad Segeberg in Westdeutschland liegen hingegen auf Eis, man habe sich nichts zu sagen gehabt. Zudem sei Ulbricht im Westen ein nicht sonderlich gelittener, um nicht zu sagen, gehasster Mann gewesen, schreibt Heyden. Und so sei aus „Gründen des Selbstschutzes“ die Verwandtschaft verschwiegen worden. Die drei Ulbricht-Geschwister sterben alle im selben Jahr.

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