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Forscher in Dummerstorf : Neuer Test, weniger Tierversuche

vom
Aus der Onlineredaktion

Modell entwickelt, um Prozesse im Eileiter in der Kulturschale nachzuempfinden

svz.de von
erstellt am 22.Mär.2017 | 11:55 Uhr

Spektakuläre Neuerung aus Mecklenburg-Vorpommern: Forscher haben am Leibnitz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf südlich von Rostock ein neuartiges Zellkulturmodell entwickelt, mit dem sich künftig Tierversuche vermeiden und Fortpflanzungsprobleme aufklären lassen.

Erstmals sei ein realitätsnahes dreidimensionales Zellkultur-Modell des tierischen Eileiters entstanden, in dem sich sogar Embryonen entwickeln können, teilte das Institut jetzt mit. Damit ließen sich die Wechselbeziehungen zwischen Embryo und Muttertier ohne Tierversuche untersuchen. Das bessere Wissen über frühembryonale Prozesse sei für die Humanmedizin und den menschlichen Nachwuchs von großem Interesse, teilten die Wissenschaftler mit. Frühembryonale Verluste seien eine der häufigsten reproduktiven Störungen bei Mensch und Tier. Mit dem neuen Modell ließen sich nun außerhalb des tierischen Organismus Prozesse im Eileiter realistisch simulieren, erklärte Jenniger Schön vom FBN-Institut gestern. Der Test ermögliche im Gegensatz zu klassischen Zellkultursystemen Langzeitversuche über mehrere Wochen und erlaube eine realitätsnahe Simulation der hormonellen Veränderungen während des weiblichen Zyklus. Schön: Mit dem Verfahren „wollen wir Antworten auf die Frage finden, warum das neu entstehende Leben so häufig schon so früh scheitert und wie wir dies verhindern können.“

Das neue Modell der Dummerstorfer Forscher soll auch helfen, Tierversuche immer mehr zu vermeiden. Dazu werde schon seit Jahren gemeinsam mit dem Schlachthof Teterow Probenmaterial für Experimente von Rindern und Schweinen gewonnen, die in Teterow zur Lebensmittelverarbeitung angeliefert würden. „Unser Ziel ist es, das Zellkulturmodell so weiterzuentwickeln und zu optimieren, dass wir immer mehr Tierversuche ersetzen können“, erklärte Schön.

Für Tierschützer überfällig: Tierversuche seien nicht notwendig, hatte Kerstin Lenz, Landeschefin des Tierschutzbundes MV, vergangene Woche erklärt: „Forschung ja, aber nicht auf Kosten von Tieren.“ Es gebe genügend alternative Versuchsmethoden, z. B. mit Zellkulturen. In MV werden noch immer jährlich an zehntausenden Tieren Versuche durchgeführt – vorwiegend für die Grundlagenforschung sowie für medizinische und tiermedizinische Zwecke. Im vergangenen Jahr waren in MV vom Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (LALLF) in Rostock 29 000 Tests an Tieren genehmigt worden. Ein Jahr zuvor waren die Tierzahlen wegen Massentests an Fischlarven aber auch erweiterten Untersuchungen an Mäusen noch auf knapp 90 000 in die Höhe geschossen.

Weniger Tierversuche: Vor wenigen Jahren waren bereits Forscher des Schweriner Biotech-Unternehmens Primacyt mit der Züchtung von menschlichen Haut- und Leberzellkulturen für Tests in der Pharma- und Kosmetikentwicklung in die europäische Spitzengruppe aufgerückt. Das Unternehmen war von der Europäischen Kommission und dem EU-Institut ECVAM in Italien zum EU-Referenzlabor benannt worden, das neue, europaweit vergleichbare und anerkannte Testmethoden zum Ersatz und zur Vermeidung von Tierversuchen in der Pharmaforschung, Kosmetikentwicklung und chemischen Industrie untersuchen soll.

 

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