Landgericht Schwerin : Neuer Matherätsel-Prozess

Das Opfer der Messerstecherei und Nebenkläger Robert D.
Das Opfer der Messerstecherei und Nebenkläger Robert D. Foto: Jens Büttner

Revisionsverhandlung begonnen. Der Bundesgerichtshof hatte im ersten Verfahren Rechtsfehler festgestellt

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17. November 2017, 05:00 Uhr

Erst stritten sie auf Facebook über die Lösung eines banalen Matherätsels, dann attackierte der eine den anderen in Wismar am hellichten Tage mit zwei beinahe tödlichen Messerstichen. Nun bekam der Täter vor Gericht eine zweite Chance und darf auf eine mildere Strafe hoffen. Das erste Urteil zu sechs Jahren und sechs Monaten Gefängnis, vom Landgericht Schwerin im Dezember 2016 verhängt, wurde vom Bundesgerichtshof aufgehoben, weil es nicht ausreichend begründet war. Seit gestern wird das dramatische Geschehen deshalb noch einmal vor anderen Richtern aufgerollt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 30 Jahre alten Angeklagten immer noch versuchten Totschlag vor. Er soll am 13. April vergangenen Jahres dem damals 19-jährigen Kontrahenten zwei Messerstiche in den Bauch und in den Rücken versetzt haben, als er ihn zufällig auf der Straße traf. Bis dahin kannten sich die beiden nur seit kurzem über Facebook. Dort hatten sie mehrere Tage schwere Beleidigungen ausgetauscht, weil sie sich über die Lösung eines Matherätsels nicht einigen konnten. Wenig später trafen sie zufällig, so die Staatsanwaltschaft, aufeinander. Spontan habe der Angeklagte ein Obstmesser gezogen und den jungen Arbeitslosen angegriffen. Als der andere stark blutend zu Boden ging, beugte er sich über ihn und sagte angeblich: „Das kommt davon.“ Dann ging er davon.

Die Richter des ersten Prozesses mutmaßte, dass der Angeklagte um die Todesgefahr wusste, in der der andere schwebte, aber es sei ihm egal gewesen. Deshalb verurteilten sie ihn wegen versuchten Totschlags. Die Verteidiger hatten eine Bewährungsstrafe wegen einer gefährlichen Körperverletzung beantragt, die deutlich niedriger sanktioniert wird.

Zwar hatte der Angeklagte ausgesagt, dass er dem anderen eine Abreibung verpassen wollte, als er ihn traf. Aber er sei sicher gewesen, dass das Opfer überlebt. Gestern wollte der Angeklagte sich vorerst nicht äußern.

Es gehe ihm gut, versicherte das Opfer als erster Zeuge. Mit Hilfe eines Psychologen habe er das drohende Trauma aufgearbeitet. „Ich habe keine Angst, es wieder zu erzählen“, sagte er. Mit klarer Stimme und knappen Worten schilderte er die dramatische Attacke, die so schnell und überraschend gekommen sei, dass er überhaupt keine Chance hatte, ihr auszuweichen. Dank der Hilfe eines Freundes und eines schnellen Transports ins Krankenhaus überlebte er. Allerdings musste ihm eine Niere entfernt werden. Er wird Zeit seines Lebens wohl Medikamente einnehmen müssen.

Das umstrittene Matherätsel, das vom Geschädigten kurze Zeit vor dem Angriff bei Facebook gepostet wurde, war eigentlich nicht schwer: „Die Hälfte meiner Zahl ist die Hälfte von 400.“ Der Angeklagte hielt „100“ für die korrekte Lösung, der andere wähnte sich mit „400“ auf der richtigen Seite.Der Prozess wird nächste Woche fortgesetzt. Die Richter können am Ende zu einem milderen Urteil kommen, doch sicher ist das nicht.

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