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Benzinpreis wieder in Richtung Rekordhoch : Neuer Frust an der Zapfsäule

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An den Zapfsäulen sind die Rekordpreise aus dem Frühjahr wieder in Sichtweite. Die Autofahrer zahlen damit auch die Zeche für die Euro-Krise. Sie macht den Euro schwach und lenkt spekulatives Geld in Rohstoffmärkte.

svz.de von
erstellt am 17.Aug.2012 | 07:32 Uhr

An den Zapfsäulen sind die Rekordpreise aus dem Frühjahr wieder in Sichtweite. Die Autofahrer zahlen damit auch die Zeche für die Euro-Krise. Sie macht den Euro schwach und lenkt spekulatives Geld in Rohstoffmärkte.

Warum war die Entspannung auf den Rohölmärkten von April bis Juni nicht von Dauer?

Der Ölmarkt unterliegt wie andere Rohstoffmärkte starken Schwankungen, die allein mit Angebot und Nachfrage kaum zu erklären sind. Neben der Verfügbarkeit des Rohstoffs spielen vor allem die Erwartungen der Märkte eine große Rolle, ähnlich wie bei Aktien. Der Ölpreis war gesunken, weil sich die Konjunkturerwartungen eintrübten. Nun steigt er wieder, weil die Nordsee gegenwärtig weniger Öl liefert, das Iran-Embargo wirkt und China und Brasilien Konjunkturprogramme aufgelegt haben und mehr Rohöl nachfragen. Das motiviert Hedgefonds und Finanzspekulanten, auf steigende Ölpreise zu setzen. Von seinem Jahrestief bei 89 Dollar je Barrel (159 Liter) im Juni stieg der Preis für Nordseeöl bis zum Freitag auf rund 116 Dollar und damit um ungefähr 30 Prozent.

Manipulieren die Ölkonzerne den Rohölpreis nach oben, um ihre Gewinne zu steigern?

Das ist unwahrscheinlich. Die Ölkonzerne profitieren zwar von hohen Ölpreisen, weil sie enorme Gewinne mit der Förderung einstreichen. Der Markt ist aber riesig, jeden Tag wird für rund acht Milliarden Dollar Rohöl verbraucht. Es gibt weltweit zig-tausende von großen und kleinen Marktteilnehmern und selbst gigantische Konzerne wie Shell oder ExxonMobil sind zu klein, um Preise nach Gutdünken durchzusetzen. Keiner kann zu weit vom anderen ab weichen. Einfluss hat dagegen die Förderpolitik des Opec-Kartells, die immer wieder sinkende Ölpreise verhindert, indem die Opec ihre Produktion drosselt. Die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken spült zudem viel Liquidität in die Finanzmärkte, die zum Teil in Rohstoffmärkten investiert wird. Das treibt den Preis zusätzlich.

Die Rohölpreise sind gestiegen, aber noch nicht so hoch wie im Frühjahr. Warum ist das Benzin dennoch fast genauso teuer?

Weil gleichzeitig der Euro gegenüber dem Dollar an Wert verloren hat. Der schwache Kurs macht das Rohöl nochmals teurer, weil es in Dollar bezahlt wird. In Euro gerechnet kostet Nordseeöl so viel wie noch nie. Der Euro ist vor allem wegen der Unsicherheit um die Zukunft der Währung gefallen.

Und haben die Ölkonzerne noch einmal extra zugelangt und die Preise darüber hinaus erhöht?

Das behauptet der ADAC. In der Tat sind die Margen der Konzerne für den Bereich Verarbeitung und Vertrieb seit Jahresbeginn gestiegen. Das liegt vor allem daran, dass sich die Ertragslage der Raffinerien verbessert hat. Nach Berechnungen des Hamburger Energie-Informationsdienstes EID haben die deutschen Raffinerien im ersten Halbjahr vor Steuern 5,30 Euro je Tonne verdient. In den drei Jahren zuvor haben die Benzinfabriken dagegen mit Verlust gearbeitet. Eine Reihe von Raffinerien in Europa wurde geschlossen, gar nicht erst in Betrieb genommen, in Tanklager umgewandelt oder gingen in die Insolvenz. Der deutsche Mineralölmarkt ist seit Jahren rückläufig; im vergangenen Jahr um drei Prozent.

Kann die geplante Preismeldestelle beim Bundeskartellamt die hohen Preise eindämmen?

Wohl nicht. Die Preismeldestelle zielt auf die letzte Stufe in der Wertschöpfung, die Tankstelle. Sie geht davon aus, dass mangelnder Wettbewerb unter den Tankstellen Benzin und Diesel verteuert. Die Gewinne der Mineralölindustrie fallen aber nicht an den Tankstellen an, sondern bei der Förderung. Auch freie Tankstellen berichten über harten Wettbewerb und äußerst knappe Handelsmargen; sie leben eher vom Shopgeschäft und von Dienstleistungen. Die Mineralölindustrie beziffert ihre Nettomarge vor Steuern auf einen Cent je Liter. Selbst wenn man unterstellt, dass die Konzerne diese Marge schönrechnen und tatsächlich das Doppelte verdienen, dann wären es nur zwei Cent. Da ist nicht viel Luft drin. Selbst wenn an der Tankstelle ein oder zwei Cent herausgeholt werden könnten, wofür wenig spricht, bedeutete das für den durchschnittlichen Autofahrer lediglich eine monatliche Ersparnis von nicht einmal zwei Euro. Mehr kann eine Preismeldestelle auf keinen Fall bewirken. Wenn Rohöl teuer ist und der Euro schwach, dann kann Benzin nicht billig sein.

Inwiefern spielen die Ferien eine Rolle für die Preiserhöhungen?

Der neue Europachef des Mineralölkonzerns BP, Michael Schmidt, weist den Vorwurf zurück, die Branche nutze die Reisewelle in den Ferien für Preiserhöhungen. "Mein Eindruck ist, dass die Menschen zur Ferienzeit besonders preissensibel sind", sagte der Vorstandsvorsitzende. "Es finden Preiserhöhungen statt, aber nicht etwa, weil Ferien sind, sondern weil es ständig Preisanhebungen gibt." Ob sich die Preise dann im Wettbewerb durchsetzen, sei eine andere Sache.

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