Frühere NS-und NVA-Immobilie : Neuer Bauboom in Prora

2006 kaufte Ulrich Busch zwei Blöcke der einstigen KdF/NS-Immobilie vom Bund für 455 000 Euro.
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2006 kaufte Ulrich Busch zwei Blöcke der einstigen KdF/NS-Immobilie vom Bund für 455 000 Euro.

2006 kaufte Ulrich Busch zwei Blöcke der früheren NS-und NVA-Immobilie vom Bund. Knapp zehn Jahre später drehen sich Baukräne

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04. August 2015, 21:00 Uhr

Tristesse in betongrau, zerschlagene Fensterscheiben und Graffiti an den Wänden: Wenn Ulrich Busch heute „sein Projekt“ Prora auf der Insel Rügen besucht, ist von dieser vor zehn Jahren sichtbaren Morbidität des Ortes nur noch wenig übrig. Auf einer Länge von einem Kilometer drehen sich in diesem Sommer an der von den Nationalsozialisten als „Seebad der 20 000“ geplanten „Kraft durch Freude“-Anlage Baukräne, dröhnen Betonfräsen, arbeiten sich gar Abrissbagger durch das Mauerwerk.

Urlauber warten vor Verkaufbüros auf Beratungstermine, die mit Möglichkeiten zur Abschreibung für denkmalgeschützte Gebäude (AfA) und Finanzierungs- und Vermietungsmodellen zum Kauf einer Ferien- oder Eigentumswohnung locken: Goldgräberstimmung am Ostseestrand.

Auch Busch steht ein Lachen im Gesicht. Er lässt aber jede Nachfrage zu seinem Gewinn unbeantwortet im Raum stehen.

Der heute 50-Jährige war der erste Eigentümer, der 2006 vom Bund zwei der fünf halbwegs intakten Blöcke des Monumental-Kolosses erworben hatte: 36 Hektar beste Strandlage für 455 000 Euro. Skeptiker schalten ihn, den Sohn des bekannten Arbeiterlied-Barden Ernst Busch (1900-1980), damals als Träumer mit dem Hang zu Selbstüberschätzung. Doch Busch gelang, was vorher keiner schaffte. Er konnte bei der Gemeinde Baurecht für beide Blöcke mit Ferien- und Eigentumswohnungen sowie Hotelappartments erwirken. Insgesamt könnten bis zu 3000 Betten in der Nazi-Hinterlassenschaft Prora entstehen – so sehen es die Planungen vor.

Eine Studie (S.T.E.R.N-Studie) im Auftrag des Bundes, dem damaligen Eigentümer, gab 1997 die weitere Entwicklung vor. Die Gesamtanlage wurde unter Denkmalschutz gestellt, vier Blöcke verkaufte der Bund an Privatinvestoren. Ein Block ging an den Landkreis, dort betreibt das Deutsche Jugendherbergswerk seit 2011 eine Unterkunft mit 400 Betten.

Die ersten Besitzer bezogen bereits 2014 ihre Wohnungen. Busch hat heute eigenem Bekunden nach kein Eigentum mehr in Prora. Er sei heute als „freier Projektentwickler“ für die Prora Solitaire GmbH tätig, der sechs von zehn Aufgängen im 450 Meter langen Block II gehören. „Ausreichend Arbeit für mindestens zwei weitere Jahre“, sagt Busch.

Nachdem 2010 der Weg für den Umbau frei war, trennte er sich scheibchenweise von seinen zwei Blöcken, in denen jeweils ein Hotel mit je 300 Betten sowie 200 Eigentums-und Ferienwohnungen entstehen durften.

Mit jedem Weiterverkauf in den vergangenen Jahren stieg der Wert der Immobilie. Wohnungsinteressenten zahlen heute zwischen 3000 bis 6600 Euro pro Quadratmeter. Eine größere und luxuriös ausgestattete Wohnung kostet inzwischen so viel, wie Busch 2006 an den Bund für zwei Blöcke zahlte – rund 450 000 Euro.

Er selbst sieht sich heute als „Visionär“. Jeglichen Vergleich, mit dem Ferienprojekt das zu vollenden, was die Nationalsozialisten nicht schafften, weist er zurück. „Ich sehe das anders. Eher als den Sieg über den Faschismus und die Nazi-Zeit“, sagt Busch. „Aus einem Gebäude, das für die Gleichschaltung und Uniformität der Massen gedacht war, ist ein individuelles Wohnkonzept geworden.“ Die Geschichte sei ein Teil, aber man schreibe Geschichte weiter – und zwar zu den heutigen Bedingungen. „Aus persönlichen Gründen“ lebt Busch heute in den Niederlanden. Alle zwei Wochen zieht es ihn nach Rügen. Mit einem stolzen Gefühl schaue er auf das, was inzwischen erreicht sei. „Aus einem Ort, der 20 Jahre brach lag, ist ein Juwel an der Küste geworden“, sagt Busch.

Ärger bereitet Busch unterdessen ein anderes Immobilienobjekt: Am 3. September wird Busch am Landgericht Rostock sein müssen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und zwei weiteren Investoren Subventionsbetrug im Zusammenhang mit dem Umbau einer Binzer Pension zu einem Hotel vor.

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