Neueinstellungen im Monatstakt

Gruppenbild  mit Damen (v.l.):  Carola Lunau, Dr. Barbara Hahn,  Elzbieta Skibniewska, Rafaela Schnellen,  Aleksandra Tobies-Krawczyk, Irina Teske Foto: Karin Koslik                               
Gruppenbild mit Damen (v.l.): Carola Lunau, Dr. Barbara Hahn, Elzbieta Skibniewska, Rafaela Schnellen, Aleksandra Tobies-Krawczyk, Irina Teske Foto: Karin Koslik                               

svz.de von
11. Juni 2012, 12:26 Uhr

Schwerin | Der Hausärztemangel in Deutschland ist in aller Munde: Bundesweit sind mehr als 3500 Praxen nicht besetzt, weil es keinen Nachfolger gibt. Das Problem könnte sich nach Einschätzung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) künftig aber verschärfen. Laut Prognose gehen bis 2020 fast 24 000 Hausärzte und 28 000 Fachärzte in Ruhestand. Hinzu kommen noch knapp 20 000 Ober- und Chefärzte an Krankenhäusern. Unterm Strich sind das 71 625 Mediziner, die bis Ende dieses Jahrzehnts aus der Patientenversorgung ausscheiden.

Selbst in größeren Städten suchen Hausärzte inzwischen erfolglos Nachfolger, die ihre Praxis weiterführen wollen. Denn der Beruf ist schon lange nicht mehr attraktiv, der Arzt als Selbstständiger wird von Kassen und Politik am Gängelband geführt.

Dass es auch anders geht, zeigt eine Initiative in Westmecklenburg. "MV für M-V" - ein Verbund, unter dessen Dach unter anderem fünf Medizinische Versorgungszentren (MVZ) arbeiten. An insgesamt 14 Standorten sind 190 Mitarbeiter beschäftigt, davon 32 Ärztinnen und Ärzte. Das Besondere: Sie arbeiten im Angestelltenverhältnis - für ein Fixgehalt und eine Gewinnbeteiligung. Die Büroarbeit, die Praxisinhabern und ihrem Team einen Großteil ihrer Zeit raubt, übernimmt eine zentrale Verwaltung im Verbund.

Ein Modell, das ankommt: "Wir haben kaum Abgänge beim Personal", freut sich Andreas M. Morawietz, selbst Facharzt für Innere Medizin/Nephrologie und einer der Eigentümer von "MV für M-V". Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres nahmen sechs Medizinerinnen die Arbeit im Praxisverbund auf. Jede hatte dafür ganz persönliche Gründe:

Januar:

Dr. Barbara Hahn: Mit 58 Jahren wollte es Dr. Barbara Hahn noch einmal wissen - "ich wollte einfach noch mal etwas Neues anfangen". Jahrzehntelang hatte sie als Internistin und Diabetologin an einer Klinik gearbeitet, zum Schluss als Oberärztin. Doch die Arbeit stellte sie nicht zufrieden, der Klinikalltag wurde immer belastender. "Um in die Niederlassung zu gehen war ich zu alt, die Kredite, die ich dafür gebraucht hätte, hätte ich nicht mehr abzahlen können."

Das Angebot, in die Diabetologische Schwerpunktpraxis nach Hagenow zu wechseln, war da genau das Richtige. "Es ist ja nicht so, dass ich jetzt eine ruhigere Kugel schiebe. Die Arbeit in der Praxis ist auch stressig - aber in einem anderen Sinne als in der Klinik." Die Kontakte zu Kollegen im Krankenhaus, die man bei kniffligen Fällen schnell mal auf dem Flur um Rat oder eine Zweitmeinung bitten konnte, fehlen ihr allerdings ein wenig. Den Schritt aus der Klinik in die Praxis - auch wenn es nicht die eigene ist - hat sie dennoch nicht bereut. "Man kann die Patienten hier in der Therapie besser einstellen als in der Klinik, weil man auch das häusliche Millieu mit berücksichtigen kann", sagt sie. Eine große Hilfe dabei ist ihr Praxisteam - auch Diätassistentin Kathleen Bach und Diabetesberaterin Berit Martczinski haben erst mit ihr zusammen angefangen, sich aber schnell auf die neuen Arbeitsbedingungen eingestellt.

Februar:

Elzbieta Skibniewska: Sie habe viele Jahre in Polen als Fachärztin für Allgemeinmedizin gearbeitet, erzählt Elzbieta Skibniewska. Doch die Zwänge des staatlichen Gesundheitssysthems vergällten ihr den Traumberuf immer mehr: "Man arbeitet dort mit Intuition und Stetoskop", deutet sie an, welche Mängel Ärzte im Nachbarland zu verwalten haben. Die Patienten seien ebenso unzufrieden - nicht zuletzt, weil es in Polen keine Befreiung von den immensen Zuzahlungen gibt, für sozial Schwache gebe es daher nur eine äußerst knapp bemessene medizinische Grundversorgung.

"Hier sind sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die finanziellen Konditionen viel besser", erklärt die 45-Jährige, die im Oktober zum Arbeiten nach Deutschland kam. Da sie erst 2006 ihren Facharzt gemacht hatte, gab es mit der Anerkennung in Deutschland keine Probleme - "das hat mit Polens EU-Beitritt zu tun. Wer den Facharzt vor 2005 gemacht hat, hatte es schwerer".

Nach einem kurzen Intermezzo in einer Reha-Klinik las Elzbieta Skibniewska dann im Ärzteblatt eine Stellenanzeige von "MV für M-V". "Das passte alles für mich", sagt die Polin, die nun seit Februar in der Schweriner Weststadt als Hausärztin Patienten betreut. Von der Sprache, die sie mittlerweile sehr gut beherrscht, einmal abgesehen, sei ihr die Arbeit von Anfang an vertraut gewesen: "Die Patienten haben hier ja die gleichen Krankheiten wie in Polen - insofern mache ich hier also auch nichts anderes wie in den vielen Jahren zuvor."

März:

Carola Lunau: Für Carola Lunau war der berufliche Neuanfang zugleich mit einem privaten verbunden: Mit der ganzen Familie zog sie im Februar aus Niedersachsen in die Nähe von Schwerin. Dort hatte sie zuvor auf der Inneren Station eines Krakenhauses als Weiterbildungsassistentin gearbeitet - "in Teilzeit, wegen der Familie." Der Abschluss der Weiterbildung fiel ausgerechnet in den Umzugsmonat: Mitte Februar machte die 41-Jährige ihren Facharzt für Allgemeinmedizin. Und unmittelbar danach, im März, fing sie als Hausärztin zu arbeiten an - in Garwitz bei Parchim.

"Ich wollte schon immer im ländlichen Raum in einer Landarztpraxis arbeiten", erzählt sie. Die Praxis dort gibt es schon seit Jahrzehnten, die bisherige Inhaberin habe sie an "MV für MV" abgegeben und wolle sich jetzt, mit 65, langsam aus dem Berufsleben zurückziehen.

Das bedeutetet allerdings nicht, dass Carola Lunau sich auch erst langsam in die neue Arbeit hineinfindet. "Ich habe eine volle Stelle, und ich kann und will auch gleich voll Gas geben." Weil ihr Mann nun bei der Kinderbetreuung einen größeren Part übernimmt, sei das kein Problem. "Und der Praxisalltag ist einfach jeden Tag wieder spannend."

April:

Rafaela Schnellen
und Irina Teske: "1992 wollte ich unbedingt in die neuen Bundesländer und in einer Poliklinik arbeiten", erinnert sich Rafaela Schnellen, die damals am Niederrhein lebte. "Dieses Modell aus DDR-Zeiten fand ich toll", sagt sie noch heute. Leider hielten die Polikliniken sich nicht mehr lange, und die Fachärztin für Allgemeinmedizin, Geriatrie und Palliativmedizin - die damals noch nicht alle diese Qualifikationen erworben hatte - machte sich mit einer eigenen Praxis selbstständig.

Nach zehn Jahren zwang ihre angegriffene Gesundheit sie zum Verkauf. Später arbeitete sie acht Jahre lang als Ärztin in Reha-Kliniken in Mecklenburg - eine Zeit, an die sie nicht gerne zurückdenkt. "In der Reha ist man nicht Arzt, da ist man Verkäufer. Da geht es nicht um Qualitätsmedizin. Mit patientennaher Versorgung hatte diese Arbeit nichts zu tun."

Jetzt, im Medizinischen Versorgungszentrum Schwerin Ost, könne sie "verantwortungsvolle Medizin machen - in einem Zeitrahmen, der mir entspricht". Sprich: Die schwerbehinderte 57-Jährige teilt sich eine Stelle mit ihrer Kollegin Irina Teske. Denn auch die hat gesundheitliche Probleme.

Irina Teske stammt aus der Ukraine. Vor 25 Jahren hat die heute 51-Jährige dort ihr Medizinstudium abgeschlossen, danach lange Zeit als Ärztin auf der Inneren Station eines Krankenhauses gearbeitet. Vor 16 Jahren siedelte sie schließlich zusammen mit ihren Eltern, die deutsche Wurzeln haben, hierher über.

Beruflich wieder Fuß zu fassen, fiel ihr schwer, auch wegen der Sprache, die sie erst richtig lernen musste. Dazu kam, dass die Familie sich zuerst in Berlin niederließ. "Dort Arbeit zu finden war sehr, sehr schwer", erinnert sich Irina Teske.

1999 ging sie deshalb nach Vorpommern, wo sie schließlich in einem Krankenhaus mit der Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin begann. Im Rahmen dieser Ausbildung verschlug es sie auch in eine Landarztpraxis nach Neustadt-Glewe - und ins Schweriner MVZ. Im Mai vor einem Jahr bestand sie die Facharztprüfung - und brach kurz darauf zusammen: Burn out.

"Jetzt, wo ich wieder gesund bin, habe ich bewusst nur eine halbe Stelle genommen", erzählt sie. "Ich will mich nicht gleich wieder überfordern." Spaß macht ihr die Arbeit auf jeden Fall - nicht zuletzt, weil viele ihrer Patienten russisch sprechen.

"Ihnen geht es oft schon besser, wenn sie sich nur mal wieder in ihrer Muttersprache unterhalten können." Doch auch zu den deutschen Patienten hat sie einen guten Draht: "Ich finde es einfach schön, so direkt mit Menschen zu tun zu haben."

Mai:

Aleksandra Tobis-Krawczyk: Auch Aleksandra Tobis-Krawczyk stammt aus Polen, hat dort Medizin studiert. Vor neun Jahren kam sie mit ihrer Familie wegen besserer Berufschancen nach Deutschland, fand eine Anstellung in einem Krankenhaus im grenznahen Bereich und bildete sich dort zur Fachärztin für Innere Medizin weiter. Was sie zuvor nicht geahnt hatte: Die Arbeitsbelastung war enorm.

"Alle zwei Wochenenden hatte ich Dienst, dazu kamen Nacht- und Bereitschaftsdienste auch in der Woche." Auf bis zu 160 Überstunden habe sie es pro Monat gebracht. "Mein Sohn war damals vier, der kannte mich fast gar nicht mehr, sondern nur noch seinen Papa." Nach drei Jahren im Dauerstress entspannte sich die Situation dann etwas, weil sich die Rechtslage und damit auch die Bereitschaftsdienste im Krankenhaus änderten.

Dennoch: Acht-Stunden-Dienste ohne Bereitschaften gibt es auch heute in Krankenhäusern nicht. "Jetzt hat mir mein Körper gesagt, es ist Schluss" , erklärt Aleksandra Tobis-Krawczyk. Sie sei permanent müde gewesen, gar nicht mehr sie selbst. "Da wusste ich, ich muss etwas ändern." Anfang Mai trat sie ihre neue Stelle im MVZ Schwerin Ost an - wieder im Angestelltenverhältnis, diesmal aber mit geregelten Arbeitszeiten. "Das ist gewonnene Lebensqualität", weiß die 41-jährige Ärztin schon nach den ersten Wochen.

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