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Was ist Heimat? : Neue politische Karriere für einen alten Begriff

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Aus der Onlineredaktion

Heimat - damit plagen sich die Deutschen schon seit mehr als 200 Jahren. Warum wird das ausgerechnet jetzt wieder wichtig? Und können die etablierten Parteien das Thema aus der „rechten Ecke“ holen?

svz.de von
erstellt am 08.Okt.2017 | 09:00 Uhr

Leise wabernder Nebel über sanften Hügeln, der Kölner Dom im Abendrot, Schwarz-Rot-Gold flatternd am Reichstag – und dazu das Deutschlandlied. So warb die Alternative für Deutschland im Wahlkampf. „Holen Sie sich Ihr Land zurück“, sagte Spitzenkandidatin Alice Weidel auf Facebook in eine authentisch wackelige Selfiekamera. „Deutschland zuerst – weil wir auch in Zukunft dieses Land unsere Heimat nennen wollen!“

Unsere Heimat? Vielen wird mulmig dabei, jedenfalls bei dieser patriotischen Pathosheimat, in der Menschen fast gar nicht vorkommen und keinesfalls solche mit Kopftuch. Das Unbehagen bekam gerade erst Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt zu spüren, die eigentlich nur „den Rechten“ kontra geben wollte mit den Worten „Es ist unsere Heimat“ und in Sachen Heimatliebe lasse man sich von niemandem übertreffen. Über die Thüringerin brach ein Sturm herein, auch in der eigenen Partei. „Heimat ist rassistische Kackscheisze“, höhnte, orthografisch eigenwillig, Nutzerin Jette alias @_ichnicht auf Twitter.

Aber damit ist die Debatte nicht beendet, sie beginnt vielleicht erst richtig, nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Motiv am Tag der Deutschen Einheit aufgriff. „Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern“, meinte Steinmeier. „Im Gegenteil: Je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat.“ Das dürfe man nicht den Nationalisten überlassen.

Was also ist Heimat – und braucht man das im 21. Jahrhundert? Umfragen sind eindeutig: Neun von zehn Menschen in Deutschland finden Heimat sehr wichtig oder wichtig. „Gar nicht wichtig“, antwortete in einer Infratest-Studie 2015 nur ein Prozent von 1001 Befragten.

Die überwältigende Mehrheit weiß genau, was Heimat ist. Der Definition „Menschen, die ich liebe beziehungsweise mag, zum Beispiel Familie, Freunde, Verwandtschaft“ stimmten 92 Prozent der Befragten sehr stark oder stark zu. Auf ähnlich hohe Werte kamen „mein Zuhause“ und „Gefühle und Empfindungen zum Beispiel Wohlfühlen, Geborgenheit, Sicherheit, Zufriedenheit und so weiter“.

Geborgenheit, Sicherheit – die Sehnsucht ist mächtig in einer Welt, die aus den Fugen scheint. Trump, Nordkorea, Las Vegas, Digitalisierung, Arbeitslosigkeit, Suche nach der Identität: In diesem Wirrwarr sind viele auf der Suche nach festem Grund, nach einem Ort „wo ich mich auskenne“, wie Steinmeier es ausdrückte.

Aber gemeint ist hier ganz offensichtlich eben diese wohlige Gefühlsheimat. Deutschland als Kategorie spielte erstaunlicherweise gar keine Rolle in der Infratest-Studie. Genauso war es schon in einer Emnid-Umfrage 2010: Politik Fehlanzeige. 1999, als Emnid noch danach fragte, nannten gerade mal elf Prozent bei Heimat: Deutschland. Das verblüfft vielleicht nur auf den ersten Blick in einem Land, das seit mehr als 200 Jahren ringt und hadert mit diesem Begriff.

Schon der Dichter Joseph von Eichendorff trauerte melancholisch um eine untergehende Heimat, auf den Flächenfraß der Industrialisierung reagierten die Biedermeier-Deutschen Ende des 19. Jahrhunderts mit einer „Heimatschutzbewegung“. Dann wurde die Heimat von der Politik gekapert. Der brutale Missbrauch verätzte den Begriff, danach half eigentlich nur Kitsch. Das alte Westdeutschland schwelgte in Heimatfilm und Musikantenstadl, die offizielle DDR säuselte „Und wir lieben die Heimat, die schöne“. Nur die alten Fragen blieben: Wo gehöre ich eigentlich hin? Die Antwort spiegelt sich in den Umfragen: Heimat, das sind Familie, Freunde, Wohnort.

Die Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlingen hat mit diesem eng umzirkelten Wohlfühlort wenig zu tun. In der Infratest-Umfrage auf dem Höhepunkt der Welle 2015 sagten 76 Prozent, die „derzeitige Zuwanderung“ habe an der Bedeutung von Heimat nicht viel verändert.

Nur, dass eben sehr viele Suchende dazukamen. Die kleine, private „Wir“-Heimat taugt durchaus auch für die 18,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die das Statistische Bundesamt 2016 zählte. Doch herrscht in der politischen Debatte ein rechtes Durcheinander.

Die AfD nutzte dies und erreichte so bei der Bundestagswahl 12,6 Prozent. In den ostdeutschen Ländern waren es sogar 22,5 Prozent. Die Gründe sind vielfältig, aber Entfremdung ist zumindest ein Ansatz. Denn zum völligen Unverständnis vieler im Westen, die nach 1989 den Untergang einer staubgrauen und schwefelgelben Diktatur bejubelten, verloren viele auch ein Stück Lebensgeschichte in der alten „Heimat DDR“. Nicht nur Millionen Jobs verschwanden, sondern auch der Geruch der Kindheit, die Farben und Geräusche. So viel Verlust – die Populisten predigten als Antwort Selbstbehauptung. Gegen den Islam, gegen Migranten, gegen den Euro und die Europäische Union, gegen die „Altparteien“ und die als eidesbrüchig beschimpfte Bundeskanzlerin. Die angebliche Lösung: Wenn nur alles kleiner wäre, wenn nur wir Deutschen die Kontrolle hätten! Der Berliner Politologe Oskar Niedermayer nennt das ein „Riesenproblem“ und warnt davor, es zu ignorieren. „Natürlich ist es aufgrund unserer Vergangenheit ganz schwierig, über deutsche Identität, Leitkultur, Heimat und so weiter, über dieses ganze Konglomerat, zu diskutieren“, sagt der Wissenschaftler. „Aber die Diskussion muss sein.“

 

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