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Mecklenburg-Vorpommern

22. August 2017 | 17:01 Uhr

Neue Hoffnung für Demenzkranke

vom

Rostock | Die Nachricht hat in vielen Menschen neue Hoffnung geweckt: Die Universität Rostock sucht Freiwillige, die sich an einer internationalen Studie zu einem Impfstoff gegen Alzheimer beteiligen. Gibt es also endlich eine Möglichkeit, der gefürchteten Krankheit zu entgehen, an der heute schon etwa 1,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden?

"Es ist ein sehr vielversprechender Ansatz", betont Prof. Dr. Stefan Teipel, Oberarzt an der Rostocker Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Sprecher des Standorts Rostock/Greifswald des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Mit dem Impfstoff, in dessen Erprobung Rostock als einziges norddeutsches Krankenhaus einbezogen ist, würden erstmals nicht nur Erkrankungssymptome bekämpft, sondern direkt Einfluss auf mögliche Ursachen genommen.

Erfolgversprechende Studienansätze

Das Medikament soll das menschliche Immunsystem dazu befähigen, Eiweißablagerungen im Gehirn zu verhindern bzw. vorhandene Ablagerungen abzuräumen. Diese Eiweiße, Amyloide genannt, lagern sich als Plaques im Gehirn ab - sie gehören zu den bereits bekannten Ursachen von Demenzerkrankungen. Die Studie ist auf zwei Jahre angelegt, in dieser Zeit müssen Probanden sich einmal monatlich spritzen lassen. "Danach wird man wissen, ob die Hoffnungen auf einen neuen therapeutischen Ansatz tatsächlich realistisch waren", so Prof. Teipel.

Doch selbst, wenn das Ergebnis negativ wäre, müssten Betroffene und insbesondere ihre Angehörigen nicht resig nieren: Parallel zum neuen Impfstoff werden Teipel zufolge in Studien auch noch weitere erfolgversprechende Ansätze zur Demenztherapie getestet: Einer zielt darauf ab, die Bildung des Amyloid-Eiweißes von vornherein zu verhindern. Ein weiterer macht sich die Wirkung von Cholesterinsenkern zunutze - denn auch Cholesterin spielt bei den Ablagerungen von Amyloid-Eiweißen im Gehirn eine Rolle. Auch an diesen Studien sind die Rostocker Mediziner beteiligt. Teipel zufolge ist die Teilnahme in erster Linie eine Chance für Menschen im Vorstadium einer Demenz, denn für sie gebe es derzeit noch keine erwiesenermaßen wirksame Behandlung.

"Die Diagnostik ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass Demenz schon mehrere Jahre vor dem Auftreten erster relevanter Ausfallerscheinungen festgestellt werden kann", erklärt Teipel. Auch wenn es noch keine spürbaren Ausfälle bei der Gedächtnisleistung gebe, könnten mit speziellen bildgebenden Verfahren bereits die für die Erkrankung typischen Ablagerungen im Gehirn nachgewiesen werden.

Angewendet würden diese Möglichkeiten zur präklinischen Diagnostik allerdings nur im Rahmen von Studien - "denn es wäre ethisch nicht zu vertreten, diese Menschen, die noch unter keinerlei Einschränkung zu leiden haben, mit der Diagnose alleinzulassen."

Veränderungen schon ab 30. Lebensjahr

Die mit einer Demenz zusammenhängenden Veränderungen im Gehirn setzen bereits um das 30. Lebensjahr herum ein, erläutert Prof. Teipel. Sie brauchen danach mindestens noch weitere 30 Jahre, um sich so zu manifestieren, dass sie erkennbar werden. Je weiter das Lebensalter voranschreitet, desto häufiger tritt die Erkrankung dann auf: Während im Alter von 65 Jahren nur ein Prozent der Bevölkerung an einer Demenz leidet, sind es bei den über 85-Jährigen bereits 20 Prozent.

Mit verschiedenen Medikamenten, die zur Verfügung stehen, lässt sich heute das Voranschreiten der Erkrankung immerhin für ein bis zwei Jahre aufhalten. Sie alle sind jedoch nur symptomatisch wirksam. Teipel zufolge sollte die medikamentöse Therapie auch deshalb nie als einzige Behandlung erfolgen. Für den Rostocker hat stattdessen die Beratung und Schulung der Angehörigen höchste Priorität. "Denn wenn es dem Angehörigen schlecht geht, kann es auch dem Demenzkranken nicht gut gehen."

Von den ca. 25 000 Erkrankten im Land werden zwei Drittel zu Hause betreut. Um ihre Versorgung zu verbessern, läuft seit dem Frühjahr unter Teipels Leitung in Zusammenarbeit mit der Alzheimer-Gesellschaft und dem Gesundheitsamt in Rostock eine Pilotstudie. Darin soll untersucht werden, inwieweit gezielte Aufklärung und Schulung von pflegenden Angehörigen die Versorgung Dementer verbessern. Die Hoffnung ist, dass Hintergrundwissen und neu erworbene Kompetenz im Umgang mit dem Erkrankten die Situation in der Familie entspannen und zu mehr Lebensqualität sowohl für den Erkrankten als auch für seine(n) Betreuer führen.

Die Qualität der Versorgung Demenzkranker steht auch im Mittelpunkt einer weiteren - bundesweit einmaligen - Studie, an der die Rostocker Mediziner beteiligt sind. Unter Leitung des Instituts für Community Medicine der Universität Greifswald und des DZNE Rostock/Greifswald wollen sie mit Delphi-MV - die Abkürzung steht für "Demenz: lebenswelt- und personenkonzentrierte Hilfen in Mecklenburg-Vorpommern" - klären, inwieweit durch den Einsatz speziell weitergebildeter Pflegefachkräfte die Versorgung zu Hause lebender Menschen mit Demenz optimiert und die Lebensumstände verbessert werden können.

In enger Kooperation mit den Hausärzten sollen in einer bevölkerungsbezogenen Studie 1000 Patienten und deren betreuende Angehörige eingeschlossen werden. Die "Dementia Care Managerinnen" genannten Pflegefachkräfte versuchen dann, gemeinsam mit dem Hausarzt und den Angehörigen, die Therapie und Versorgung zu optimieren. "Denn mit gezielter Therapie und Unterstützungsangeboten können die noch vorhandenen Ressourcen des Patienten über viele Jahre stabil gehalten werden", ist Prof. Teipel überzeugt.

Zusammen gegen die Tücken des Alltags

Schon an seiner früheren Wirkungsstätte in München war der Psychiater an der Entwicklung eines Modells zur stadiengerechten Gedächtnisentwicklung bei Demenz beteiligt. Darauf aufbauend hat er in Rostock zusammen mit Kollegen ein Konzept zur "Kognitiven Rehabilitation" entwickelt. "Das ist etwas anderes als kog nitives Training", betont Teipel. "Letzteres bringt für die Bewältigung des Alltags durch einen Demenzkranken nichts. Unser Konzept der selbsterhaltenden Therapie setzt stattdessen darauf, Dinge zu finden, die der Patient einmal gut konnte und die ihm immer noch Freude bereiten." Dabei zähle nicht, dass der Erkrankte eine Aufgabe gut löst, Ziel sei vielmehr, dass er sich beim Versuch, eine Aufgabe zu bewältigen, gut fühlt. Pflegende Angehörige könnten dabei helfen, indem sie große Aufgaben, die den Demenzkranken überfordern würden, in Einzelschritte zerlegen, die nacheinander gelöst werden könnten. Ganz wichtig sei es, sich nicht gegen die Fehlleistungen des Betroffenen zu stellen, sondern sich mit dem Demenzkranken zusammen gegen die krankheitsbedingten Tücken des Alltags zu verbünden , gibt Teipel Angehörigen mit auf den Weg.

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von
erstellt am 04.Dez.2011 | 07:37 Uhr

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