zur Navigation springen

Machtwechsel von König Albert II. zu Sohn Philippe : Neue Generation auf Belgiens Thron

vom

Sonderlich redegewandt und schlagfertig ist der siebte König der Belgier nicht. In seiner Rolle kommt ihm dabei etwas zugute: Philippe darf als König nämlich nicht öffentlich die Tagespolitik kommentieren.

svz.de von
erstellt am 22.Jul.2013 | 11:20 Uhr

Brüssel Kaum ein Belgier hatte es geglaubt. Mit der Abdankung von König Albert II. und der Inthronisierung seines Sohnes Philippe ist der 182 Jahre alten Monarchie ein völlig unbelasteter Generationswechsel gelungen. Glückliche Gesichter, Tränen der Rührung und ein jubelndes Volk bestimmten den gestrigen Tag im Brüsseler Schloss und auf den Straßen. Das Königswetter mit strahlendem Sonnenschein und heißen Temperaturen lud zum Feiern ein. Für einen Tag schienen die Menschen den politischen Streit zwischen Flamen und Wallonen genau so wie die royalen Skandale der jüngsten Zeit vergessen zu haben. Tausende säumten fahnenschwenkend die Straßen und riefen: „Es lebe der König.“

Das war nicht immer so. Seit dem 19. Jahrhundert waren Thronwechsel in Belgien oft von Trauer und Krisen überschattet. Alberts Vater Leopold III. war 1951 zur Abdankung gezwungen, weil er durch seine Rolle während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg zu einer höchst umstrittenen Figur im eigenen Lande geworden war. Andere Vorgänger starben im Amt. Unvergessen der letzte Thronwechsel im Jahr 1993, als der vom Volk tief verehrte König Baudouin plötzlich an Herzversagen starb. Da er kinderlos war, musste sein Bruder Albert einspringen – die Feiern waren von landesweiter Trauer überschattet.

„Es ist das erste Mal, dass es einen glücklichen Übergang gibt“, resümiert der Historiker Vincent Dujardin. Noch im April blickten die Belgier auf das Nachbarland Niederlande, wo der neue König Willem-Alexander und seine strahlende Frau Máxima mit viel Glanz gefeiert wurden. „Nicht möglich bei uns“, lautete damals das etwas düstere Fazit.

Knapp drei Monate später stellen die Belgier überrascht fest, dass sie mit Philippe einen vergleichsweise jungen König haben – der mit seiner Frau Mathilde (40), einer ebenso selbstbewussten wie glamourösen Mutter von vier Kindern, ein starkes Team bildet.
Beim Auftritt auf dem Schlossbalkon standen Philippe und Mathilde Seite an Seite, den Arm umeinander gelegt. Sie gaben sich mehrfach Küsschen, während sie winkten. In seiner Rede vor dem Parlament lobte Philippe seine Frau für ihre Warmherzigkeit: „Du hast einen angeborenen Sinn für menschlichen Kontakt.“ Mathilde zog mit einem raffinierten elfenbeinfarbenen Kleid aus dem Modehaus Natan die Blicke auf sich.

Auch bei der Abdankung gab es viele Emotionen: Als König Albert II. im festlich geschmückten Thronsaal des Schlosses die Abdankungsurkunde unterschrieb, zitterte seine Hand. Dem 79-Jährigen brach die Stimme, als er seiner Frau, Königin Paola, dafür dankte, dass  sie  ihn  in  den  vergangenen  20 Jahren seiner Regentschaft stets unterstützt habe: „Ich möchte ihr einfach sagen: Danke und ein großer Kuss.“ Da weinte Paola vor Rührung, auch Mathilde wischte sich verstohlen die Tränen weg.
Eigentlich geht es bei offiziellen Zeremonien in Belgien eher nüchtern zu. Europas gekrönte Häupter waren nicht eingeladen. Dem neuen König fehlen jegliche Insignien der Macht wie Zepter, Krone oder Königsmantel. Selbst der Thron ist nicht echt – er wurde für Leopold II. (1835 bis 1909) angefertigt und wird nur bei ganz besonderen Anlässen genutzt.

Philippe wirkte bei der Vereidigung im Parlament angespannt und etwas verloren auf seinem goldenen Sessel. Der neue König war bei der Zeremonie sichtlich nervös und konnte die Hände nicht stillhalten.
Aufmunterung gab es von seinem Vater: „Du selbst und deine liebe Frau Mathilde haben unser ganzes Vertrauen.“ Am Festtag hatte sich die ganze königliche Familie versammelt.
Söhnke Callsen


>> PORTRÄT: Der neue König


Sonderlich redegewandt und schlagfertig ist der siebte König der Belgier nicht. In seiner neuen Rolle kommt ihm dabei etwas zugute: Philippe (53) darf als König nicht öffentlich die Tagespolitik kommentieren und keine Interviews geben. In der parlamentarischen Monarchie muss er vor allem repräsentieren. Dabei kann sich Philippe in Ansprachen an das Volk wenden, etwa am Nationalfeiertag.
Bei öffentlichen Auftritten wirkt Philippe oft schüchtern und ein wenig unbeholfen. Dabei hat er sich als Kronprinz seit Jahrzehnten auf die Regentschaft vorbereitet. In den vergangenen Jahren hat Philippe unzählige belgische Handelsmissionen begleitet und im Ausland für belgische Firmen geworben. Über all die Jahre hinweg hat er stets darauf beharrt: „Ich werde bereit sein.“ Philippe gilt als fleißig. Er hat Politik an Elitehochschulen studiert, ist Kampfpilot, Umweltschützer und Langstreckenläufer. Seine älteste Tochter Elisabeth (11) soll eines Tages die erste Regentin Belgiens werden. Als Nachfolger seines jovialen, humorvollen Vaters Albert II. (79) muss Philippe sich den Rückhalt seines Volkes erst erkämpfen. Der belgische Regent hat zwar wenig Macht, spielt aber als Vermittler bei der Regierungsbildung eine wichtige Rolle.

>> PORTRÄT: Die neue Königin
Charmant, offen, warmherzig: So wird die neue belgische Königin Mathilde in der Öffentlichkeit beschrieben. Schon jetzt ist die 40-jährige Frau an der Seite von Philippe im Volk sehr beliebt. Experten erwarten, dass Mathilde – ähnlich wie Máxima in den Niederlanden – dem etwas spröden König den notwendigen royalen Glanz verleihen wird. Mit der Welt des Adels ist die neue Königin von Hause aus vertraut. Mathilde kam 1973 als Tochter von Graf Patrick d’Udekem d’Acoz und der aus Polen stammenden Gräfin Anne Komorowski in einem Brüsseler Vorort zur Welt. Mit ihr rückt erstmals eine in Belgien geborene Königsgattin ins Rampenlicht. Mathilde gilt als sprachgewandt und gebildet. Sie spricht neben Niederländisch und Französisch auch fließend Englisch und Italienisch. In den 1990er-Jahren arbeitete sie in ihrer eigenen Praxis als Logopädin in Brüssel und studierte nebenbei Psychologie. In dieser Zeit lernte sie den Kronprinzen kennen. Beim Tennis schließlich hat es
zwischen Mathilde und Philippe gefunkt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen