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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 18:40 Uhr

Wirtschaft MV : Neue Chefs braucht das Land

vom
Aus der Onlineredaktion

Im Mittelstand sucht derzeit jeder sechste Unternehmer eine Antwort auf die Nachfolgefrage – in MV sind bis 2025 rund 26 000 Betriebe betroffen

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erstellt am 19.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Es gleicht einem Akt der Verzweiflung. Das auf einem pinkfarbenen Papptorten-Schild handgeschriebene Inserat „Nachfolger für die Konditorei 2018 gesucht!“. Seit einigen Wochen hängt es im Schaufenster der Rostocker Konditorei des Ehepaares Ute und Norbert Baumann. Die beiden Kleinunternehmer haben sich entschlossen, aus ihrem seit fast vier Jahrzehnten betriebenen Geschäft im Frühjahr 2018 auszuscheiden. Sie sähen es gern fortgeführt durch einen Nachfolger. Wenn dieser sich denn fände.

Ein anderes Bild, ebenfalls in der Hansestadt, bietet sich in der Dr. Diestel GmbH. In dem seit einem Vierteljahrhundert am Markt präsenten Unternehmen für Klima- und Lüftungsanlagen sieht sich der inzwischen 60-jährige Firmengründer Dr. Thomas Diestel nicht genötigt, die Suche nach einem Nachfolger anzuzeigen. Sohn Marcus steht bereits in den Startlöchern, eines Tages das Ruder im Betrieb zu übernehmen. Der 40-Jährige arbeitet nach entsprechender Ausbildung inzwischen als Prokurist und stellvertretender Geschäftsführer an der Seite des Vaters.

Beide Firmen stehen exemplarisch dafür, wie vielschichtig und breit das Thema Nachfolge gelagert ist. Vom drohenden Scheitern bis zur erfolgreichen Staffelstab-Übergabe. Laut einer jüngsten Erhebung von KfW Research und Creditreform aus dem vergangenen Jahr beabsichtigen gegenwärtig etwa 620 000 mittelständische Unternehmer in Deutschland, ihren Betrieb bis 2018 an einen Nachfolger zu übergeben oder zu verkaufen. Bei einem Bestand von insgesamt etwa 3,7 Millionen
familiengeführten klein- und mittelständischen Unternehmen bundesweit steht demnach jeder sechste Betrieb zur Disposition. Welche volkswirtschaftliche Dimension sich darin spiegelt, verdeutlicht die Zahl von vier Millionen Menschen, die in den betreffenden Betrieben beschäftigt sind.

Zum Befund der Studie gehört auch, dass die Zahl der Unternehmen, für die in absehbarer Zeit eine Nachfolgeregelung akut wird, in den zurückliegenden Jahren spürbar angestiegen ist. Im Jahr 2013 hatten 530 000 Unternehmen angekündigt, binnen zwei Jahren die Nachfolge-Frage zu klären. 2016 gaben bereits 90 000 mehr an, sich mit diesem Gedanken zu beschäftigen. Die gewaltige Bugwelle, die sich in puncto Nachfolge derzeit aufbaut, ist insbesondere auf den demografischen Wandel zurückzuführen. Im Zeitraum von 2002 bis heute ist der Anteil der mittelständischen Unternehmer in Deutschland, die 55 Jahre und älter sind, von 16 auf 36 Prozent dramatisch angewachsen.

Um die Zukunft ihres Familienbetriebes ist ihnen nicht bange: Thomas Diestel (rechts) und Sohn Marcus haben die Cheffrage geklärt.
Um die Zukunft ihres Familienbetriebes ist ihnen nicht bange: Thomas Diestel (rechts) und Sohn Marcus haben die Cheffrage geklärt. Foto: Thomas Schwandt
 

Die Folgen dieser Überalterung werden verschärft durch einen rückläufigen Trend bei Existenzgründungen. Seit der Jahrtausendwende schrumpfte dieses Potenzial bundesweit um etwa 40 Prozent. In Ostdeutschland indes gesellt sich ein historisch bedingtes Phänomen hinzu. Nach der politischen Wende in der DDR schickte sich eine überproportional hohe Zahl von Frauen und Männern im Alter um die 40 Jahre an, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und in der freien Marktwirtschaft unternehmerisch tätig zu werden. Mehr als 25 Jahre später resultiert daraus „ein ungewöhnlich großer Block von Nachfolgefällen, die im gleichen Zeitfenster einer möglichst tragfähigen Lösung zuzuführen sind“, schätzt Thomas Drews, Geschäftsführer der Bürgschaftsbank Mecklenburg-Vorpommern, ein.

Zwischen Wismar und Wolgast nähern sich laut einer Umfrage der Bürgschaftsbank Mecklenburg-Vorpommern etwa 26 000 kleine und mittlere Betriebe im Zeitrahmen bis 2025 dem Punkt, an dem sie sich zwingend mit der Nachfolge auseinandersetzen müssen. Allerdings gelten gegenwärtig erst etwa 12 000 dieser Unternehmen als übernahmefähig. Das heißt, es handelt sich um rentable Betriebe, die auch künftig in der Lage sein dürften, gewinnbringend am Markt zu agieren, und die dafür mit einer tragfähigen Nachfolgeregelung bereits Vorsorge treffen.

Von Unternehmern wird oft fahrlässig unterschätzt, dass sie mit zunehmendem Alter trotz allen Engagements und guten Willens dazu beitragen, dass das Unternehmen an Wert verliert und die Zukunftsfähigkeit gefährdet wird. Die Verfasser der Nachfolge-Studie von KfW Research und Creditreform verweisen darauf, dass im Seniorenalter Firmenchefs dazu neigen, weniger im Unternehmen zu investieren und nicht mehr ausreichend darauf zu achten, zukunftssichernde Innovationen voranzutreiben. Dies hat zur Konsequenz, dass die Wettbewerbsfähigkeit schwindet und damit die Aussicht auf Gewinne.

Es setzt sich unter diesen Umständen eine verhängnisvolle Abwärtsspirale in Gang. Ein von Substanzverlust bedrohtes und infolge weniger rentables Unternehmen wird für mögliche Nachfolger unattraktiver. Je länger aber die Suche nach einem neuen Chef in spe andauert, desto mehr verliert die Firma weiter an Anziehungskraft. Das bleibt auch der Hausbank nicht verborgen. Nach Aussage von Bürgschaftsbank-Chef Drews verfolgen die Kreditinstitute sehr sensibel, wie und wann in den Unternehmen die Nachfolgeregelung angegangen wird. In der von dem demografischen Wandel und einer Ballung drängender Fälle getriebenen Entwicklung befürchten die Banken im Extremfall den Ausfall von Krediten.

In Banken, Kammern von Industrie und Handwerk sowie Wirtschaftsverbänden ist die volkswirtschaftliche Brisanz der Nachfolge bereits vor längerer Zeit konsequent thematisiert worden. Neben umfangreichen Informations- und Beratungsangeboten wurde unter anderem die Unternehmensnachfolgebörse nexxt-change installiert. Sie geht auf eine gemeinsame Initiative zentraler Bank- und Wirtschaftsverbände sowie des Bundeswirtschaftsministeriums zurück und soll kleine und mittlere Unternehmen unterstützen, frühzeitig eine zukunftsfeste Nachfolgeregelung zu finden.

Die Dr. Diestel GmbH in Rostock hat die Nachfolge geklärt. Mit einem jährlichen Umsatz von rund 13 Millionen Euro und 120 Mitarbeitern ist das mittelständische Unternehmen gut aufgestellt für die kommenden Jahre. Spezialisiert unter anderem auf maßgeschneiderte Be- und Entlüftungsanlagen für Reinsträume werden von der Firma permanent innovative Lösungen gefordert. Ein Alleinstellungsmerkmal, das wesentlich ist für den Erfolg am Markt. Auch die Konditorei Baumann brilliert mit einem speziellen Angebot. Die handgemachten Produkte werden nach Original-Rezepten aus der DDR hergestellt. Existenzgründer aufgehorcht: Diese Besonderheit ist eine Chance, im Wettbewerb mit den Großen der Branche bestehen zu können.

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