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Mecklenburg-Vorpommern

22. Oktober 2017 | 15:59 Uhr

Neue Aufgaben für "junge Alte"

vom

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erstellt am 11.Dez.2012 | 07:42 Uhr

Rostock | Als der Freiburger Rudolf Stibal 2003 zusammen mit zwei Kollegen die Firma Semimap gründete, war ihm wohl kaum klar, dass sie für einen neuen Trend in der Gesellschaft standen: fast im Rentenalter neue Wege gehen. Heute, neun Jahre später, kann sich der 67-jährige Stibal ein Leben ohne die Firma kaum vorstellen. Das Unternehmen der drei Wissenschaftler stellt hochspezialisierte Messinstrumente für den Halbleitermarkt her.

"Über das Jahr gesehen nimmt Semimap etwa ein Viertel meiner Zeit ein. Wenn ein neuer Auftrag reinkommt, können es über Wochen auch 100 Prozent sein." Dabei sei der Verdienst nicht das ausschlaggebende Moment, sondern eher ein willkommenes Zubrot, sagt der Ingenieur, der Segeln zu einem seiner anderen Lebensinhalte gemacht hat.

Stibal gehört zu der größer werdenden Gruppe, die im Fachjargon "junge Alte" genannt wird. Sie sind ein Teil der demografischen Entwicklung, die die Industriegesellschaften in den kommenden Jahren quasi auf den Kopf stellen wird. Die Menschen werden älter als früher, weil sie gesundheitsbewusster leben und die Medizin große Fortschritte macht.

Gleichzeitig sinkt die Zahl der Einwohner, weil mehr Menschen sterben als geboren werden. So viele Effekte dieser Entwicklung sind noch nicht erforscht, dass das Bundesbildungsministerium das Wissenschaftsjahr 2013 ganz der "demografischen Chance" widmet.

Die Entwicklung zur älter werdenden Gesellschaft begann nach Worten von Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock mit der Industrialisierung. "Die Lebenserwartung eines 1870 geborenen Deutschen betrug 38 Jahre." Ein heute geborenes Kind kann mit mehr als 90 Jahren Leben rechnen. Oder: Die Hälfte der heute Geborenen kann 100 Jahre alt werden. Ein Haken hat die Sache aber: "Die Jahre 80+ werden mit Sicherheit nicht die schönsten sein."

Die ersten Zugewinne bei der Lebenserwartung waren laut Scholz auf die Senkung der Säuglings- und Kindersterblichkeit zurückzuführen.

"In dieser Altersgruppe gibt es heute keine Potenziale mehr." Diese liegen nun in besseren Arbeits- und Lebensverhältnissen sowie der lebenslang besseren Ernährung. Dieser Trend gilt für die Leute, die sich einigermaßen vernünftig verhalten. "Wer viel raucht, sich schlecht ernährt oder hohem Stress ausgesetzt ist, kann nicht im allgemeinen Maß an dieser Entwicklung teilnehmen." Solche Effekte seien beispielsweise in Russland zu beobachten, wo die Krisen der vergangenen Jahrzehnte zu einer Umkehr des Trends geführt haben, so Scholz.

Der Sozialstaat hat sich nach Einschätzung von Axel Börsch-Supan, Direktor am Münchener Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, etwa bei der Rentenversicherung auf die Entwicklung eingestellt. "Ein wichtiger Schritt war die Rente mit 67." Ein niedrigeres Einstiegsalter würde die Beitrags- und Steuerlast für die folgenden Generationen enorm steigern.

Schwierig werde es für die Krankenversicherungen, denn der medizinische Fortschritt ist schwer zu finanzieren. Wenn man Ältere frage, was ihnen das Wichtigste ist, dann sagen sie "Gesundheit".

"Dann muss sich der Staat halt darauf einstellen", betont Börsch-Supan. Großen Nachholbedarf sieht er noch bei der Pflegeversicherung. Denn sie sei letztlich nur eine Beihilfe im Pflegefall. Dabei werde die Zahl der Pflegefälle in den kommenden Jahren enorm steigen. Die meisten Menschen seien aber völlig unvorbereitet darauf, zum Pflegefall zu werden, meint der Volkswirtschaftler. "Es ist für viele unvorstellbar, dass sie so viel länger leben werden als die Eltern oder Großeltern. Jeder richtet sich beim Denken an den Tod an der Vorgängergeneration aus", sagt Börsch-Supan. Wer weitgehend unvorbereitet ins Rentenalter einsteigt, laufe Gefahr, wertvolle Zeit zu vergeuden.

Der Chef des Kuratoriums Gesundheitswirtschaft in Mecklenburg- Vorpommern, Horst Klinkmann, nimmt den Trend zum aktiven Leben der Generation 60+ zum Anlass, eine flexible Altersgrenze zu fordern. "Viele Menschen wehren sich dagegen, in Rente gehen zu müssen." Die Gesellschaft müsse also sinnvolle Aufgaben für die jungen Alten zur Verfügung stellen, sagt der 77 Jahre alte Mediziner, der mit einer Reihe von Ämtern das lebende Beispiel für ein agiles Altern darstellt. Sein Lebensmotto: "Altern ist nichts für Feiglinge."

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