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23. Landeskunstschau in Mestlin eröffnet : Netze aus der Provinz in die Welt

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„Wie fühlt es sich an, auf der richtigen Seite zu stehen?“ Mit dieser Frage empfängt der Künstler Andre van Uehm die Besucher der 23. Kunstschau des Künstlerbundes MV, die gestern im Kulturhaus Mestlin eröffnet wurde.

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erstellt am 27.Jun.2013 | 06:00 Uhr

Schwerin | "Wie fühlt es sich an, auf der richtigen Seite zu stehen?" Mit dieser etwas provokanten Frage, in großen Buchstaben auf dem Boden des Eingangsbereiches, empfängt der Künstler Andre van Uehm die Besucher der 23. Kunstschau des Künstlerbundes Mecklenburg und Vorpommern, die gestern im Kulturhaus Mestlin eröffnet wurde.

Um es gleich vorwegzunehmen: Wer den Schritt ins Foyer des musealen Prachtbaus aus dem Jahr 1957 getan hat, ist auf der richtigen Seite. Denn über 100 Künstler haben dafür gesorgt, dass das morbide Kulturhaus des einstigen DDR-Musterdorfes für einen Monat zu einem Ort für zeitgenössische Kunst geworden ist, der wachen Geistern Stoff genug bietet zum Staunen und Schauen, zum Denken und Fühlen. Und dabei die ganze Breite moderner Kunst abdeckt - von klassischer Malerei über Installation, Plastik, Fotografie, Video-, Internet- und Konzeptkunst. Grenzen fließend. Nicht zu vergessen, dass der einstige Musen- und Tanztempel selbst in seiner ganzen Monstrosität je nachdem ein Objekt des Erschauerns oder wohligen Erinnerns ist.

Der Künstlerbund hat für seine große Jahresschau diesmal keinen Kurator verpflichtet, der das subjektiv Beste aus dem Schaffen seiner Mitglieder auswählt, sondern alle Künstler des Verbandes aufgerufen, diesen besonderen Ort unter dem zeitgemäßen Motto "analog + digital//Die Kunst der Vernetzung" zu erobern. Gleichwohl bedurfte es der ästhetisch ordnenden Hand von Projektleiterin Antje Schunke, damit die Kunstwerke vom Keller bis zum Boden den ihnen entsprechenden Raum finden konnten.

Entstanden sind 43 Arbeiten, wobei die Künstler aus MV - die Kunst der Vernetzung - ihre Projekte gemeinsam mit Kollegen erarbeiten konnten. So haben auch Künstler aus Lübeck oder der Schweiz, aber auch aus Frankreich, den USA, Neuseeland und Shanghai ihre Spuren in Mestlin hinterlassen.

"Eheschließungs-Zimmer Nr. 32"

Um nun in aller unvermeidlichen Ungerechtigkeit einige der Arbeiten herauszugreifen, steigen wir vor dem Kulturhaus in ein schwarzes Dübener Ei, einen kleinen Wohnwagen aus DDR-Zeiten, den die Greifswalder Marcus Oesterreich und Martha Damus mit Monitoren zum mobilen Kunst-Raum umgebaut haben. Die Videos innen setzen sich mit dem Begriff der Romantik auseinander und wurden in Stralsund und Neuseeland gedreht.

Netze im übertragenen und im Wortsinne flechten im Foyer Daniela Melzig und Michael Herloff. Während Melzig mit 12 Künstlern aus aller Welt seit sechs Monaten via Skype ihr Internet-Projekt "Mauern überwinden" erarbeitet, hat Herloff eine überdimensionale Fadeninstallation geknüpft, in die Besucher selbst Nachrichten klammern können. Eine Vernetzung zwischen Künstler und Publikum und zwischen dem Publikum untereinander.

Eine riesige, flatternde, halbdurchsichtige Folie mit dem Schriftzug "Firewall", gespannt zwischen zwei Foyer-Säulen, macht darauf aufmerksam, wie durchlässig trotz aller Sicherheitsbemühungen das oft als geschützter Raum empfundene Internet wirklich ist. Wie nicht zuletzt die gerade bekanntgewordenen Schnüffeleien amerikanischer Geheimdienste beweisen.

Miro Zahra, unlängst gewählte neue Vorsitzende des Künstlerbundes, setzt sich im ehemaligen Heizungskeller mit ihrer eigenen Geschichte auseinander. Ihre Installation aus alten Pionierfotos, verbotenen Dissidentenmanuskripten und -büchern sowie einer Soundinstallation spielt auf den Untergrund an, der für die in der CSSR Geborene zur Jugenderfahrung gehörte, ein beargwöhnter Raum, in dem nichtsdestotrotz Kunst entstehen konnte - dennoch oder gerade deshalb.

Sodann steigen wir aus dem Keller wieder empor, um oben im digitalen Katalog mit erläuternden Texten zu allen ausgestellten Arbeiten zu blättern. Den Ausstellungsmachern ist es wichtig, dass Besucher, ob vertraut mit moderner Kunst oder nicht, neben der reinen sinnlichen Erfahrung auch mit den Absichten der Künstler vertraut gemacht werden. So werden neben einem umfangreichen Rahmenprogramm auch immer Künstler zu den Öffnungszeiten vor Ort sein, bereit, Auskunft zu geben oder zu diskutieren.

Weil das Mestliner Kulturhaus früher auch als Ort diverser Tanzveranstaltungen beliebt war, setzen sich gleich mehrere Künstler mit diesem Aspekt der Vergangenheit auseinander, so Volkmar Förster, Britta Naumann oder Susanne Pfeifer.

Im ehemaligen "Eheschließungs-Zimmer Nr. 32" erinnern Takwe Kaenders und Bernard Misgajski mit Stahlköpfen, die den Rahmen für Hochzeitsfotos bilden, an die romantische Zeit des Kulturhauses. Wie die beiden Künstler sagen, ist das Analoge in ihrer Arbeit das, was sich in den Stahlköpfen abspielt, "das Träumen, Begehren, die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben zweier Menschen", die sich in ihren Wünschen und Streitereien analog zueinander verhalten müssen.

Dorfkneipe "Jägereck" wiedereröffnet

Mit Fotos als Speicher von Erinnerungen arbeitet auch Klaus-Dieter Steinberg, der die grafischen Verwitterungsspuren eines alten Spiegels, den er in Mestlin gefunden hat, über Bilder aus dem Jahr 1957 legt, dem Eröffnungsjahr des Kulturhauses. Das "Netzwerk Familie" feiern Anita und Hans-Joachim Schubert, indem sie Hunderte persönliche Familienfotos aus den vergangenen 100 Jahren zu einem Wandteppich zusammennähten.

Renate Schürmeyer sprach für ihre Arbeit "Am Zaun" mit Mestlinern über die Vergangenheit und borgte sich Erinnerungsstücke, die sie in halbdurchsichtige Folien verpackte, wo sie, wie Erinnerungen, nur noch schemenhaft durchscheinen.

Den Gedanken, dass wir alle in einer vielfach vernetzten Welt zusammengehören, symbolisieren Christiane Lamberz und Arnt Löber mit einem alten Ahrenshooper Eisschlittenboot, in das sich Besucher sogar setzen dürfen. Fotos von sich, per Stick auf einen Rechner überspielt, lassen sie und das Relikt aus alter Zeit sodann in die neue digitale Welt eintreten.

Spätestens hier ist ahnen, was Projektleiterin Antje Schunke meinte, als sie die Landeskunstschau mit den Kunstausstellungen in den Salons des 19. Jahrhunderts verglich, wo vieles und viel Unterschiedliches dicht an dicht präsentiert wurde.

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