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Bewohner befürchten Vertreibung von der Insel : Nerven liegen blank auf Hiddensee

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Teilweise in vierter Generation wohnen die Hiddenseer in ihren eigenen Häusern. Doch die Grundstücke, die an die Immobilien grenzen, gehören nicht ihnen. Seit Jahren liegen sie deshalb mit Stralsund im Streit.

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erstellt am 23.Apr.2013 | 09:59 Uhr

Stralsund/Hiddensee | Weiß gekalkte Häuser auf sattgrünen Wiesen ohne Zäune: Der denkmalgeschützte Ort Neuendorf auf der Ostseeinsel Hiddensee ist für Urlauber ein beliebtes Fotomotiv. Teilweise in vierter Generation wohnen die Hiddenseer in ihren eigenen reetgedeckten Häusern. Doch die Grundstücke, die unmittelbar an die Immobilien grenzen, gehören nicht ihnen. Seit Jahren liegen die Hiddenseer deshalb mit Stralsund im Streit, der gestern vor dem Landgericht in eine neue Runde ging. Grund sind die kuriosen Eigentumsverhältnisse: Mitte des 19. Jahrhunderts verkauften die Mönche des Stralsunder Klosters des Heiligen Geistes die Grundstücke unter den Fundamenten an die Einheimischen. Die unmittelbar an die Häuser grenzenden Grundstücke blieben weiter im Besitz des Klosters und gehören heute je zur Hälfte der Stadt Stralsund und der Gemeinde Hiddensee.

Seit 2009 sehen sich die Neuendorfer mit Pachtforderungen aus Stralsund konfrontiert, die sie nach eigenen Angaben überfordern. Das Wort "Wucher" macht die Runde, weil Stralsund die Pachtgebühren für die unmittelbar an die Häuser angrenzenden Grundstücke teilweise um das 15-Fache nach oben trieb. 79 Verfahren sind inzwischen vor dem Amtsgericht Bergen und dem Landgericht Stralsund anhängig. Gestern verhandelte das Stralsunder Landgericht in sieben Berufungsverfahren.

"Stralsund hat sich in den vergangenen Jahren schick gemacht und wir sollen jetzt dafür Stralsunds Stadtkasse füllen", sagte Karsten Siebler, einer der betroffenen Insulaner. Er hat entnervt aufgegeben und wird rückwirkend für die vergangenen vier Jahre die hohen Pachtgebühren zahlen. "Es hat keinen Zweck. Die Gerichtskosten laufen aus dem Ruder. Irgendwann kann man nicht mehr."

Bei den Hiddenseern liegen die Nerven blank. Die Hausbesitzer treibt die Angst um. Zwischen 700 bis zu 3000 Euro sollen sie rückwirkend ab 2009 als jährliche Pacht entrichten. Für viele Familien bedeutet das den Ruin: Heidrun Hein heiratete nach Stralsund, doch geboren wurde sie auf Hiddensee, wie ihre heute 83-jährige Mutter, die wie einst deren Vorfahren in einem der betroffenen Häuser lebt. 1800 Euro Pacht verlange die Hansestadt Stralsund von der Rentnerin - pro Jahr, sagt Hein.

Die Stadt - eine Kommune mit klammem Haushalt und deshalb auf die Erschließung von Geldquellen angewiesen - bleibt hart. Vor Gericht lehnte die Stadt eine außergerichtliche Lösung ab. "Wir wollen alle Fälle vor Gericht durchverhandeln", stellte Rechtsanwalt Reinhard Koch klar. Zu dem neuen außergerichtlichen Güteangebot, das die Inselgemeinde der Stadt vor zwei Wochen vorlegte und das den Kauf eines drei Meter breiten Streifens um die Häuser vorsieht, gab es keinen Kommentar.

Noch nach der Wende zahlten die Hiddenseer für ihre Pachtgrundstücke 26 Cent pro Quadratmeter. Doch inzwischen erhebt Stralsund ein Nutzungsentgelt von 3,25 bis 3,75 Euro pro genutztem Quadratmeter Grundstücksfläche. Die Stadt begründet die Anhebung mit einem Gutachten. Doch die Berufungszivilkammer am Stralsunder Landgericht äußerte am Montag Zweifel an den zugrunde gelegten Verkehrswerten von 80 Euro je Quadratmeter. Für die unmittelbar an die Häuser grenzenden Grundstücke gebe es keinen Markt, sagte Richter Kai Jaspersen. Die Sachverständigen seien möglicherweise von falschen Prämissen ausgegangen.

Auch Innenminister Lorenz Caffier (CDU) konnte die Stralsunder bislang nicht umstimmen. Schon im Sommer 2012 hatte er den Hiddenseern Unterstützung signalisiert. Wenn die Bürgerschaft Stralsund im Ergebnis auf Pachteinnahmen verzichte, würde das Innenministerium diesen konkreten Punkt bei seiner Entscheidung zum Haushalt der Stadt nicht beanstanden.

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