Kinderpsychosen : Nele soll leben

Suizidgedanken bei Kindern und Jugendlichen müssen ernst genommen werden.
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Suizidgedanken bei Kindern und Jugendlichen müssen ernst genommen werden.

Wenn das eigene Kind Suizid verüben will: Eine Familie kämpft um ihre Tochter

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06. Dezember 2014, 16:00 Uhr

Noch einmal nach dem Rechten sehen und Gute Nacht sagen: Anja Holtmann* ahnt nichts Schlimmes, als sie an diesem Abend die Tür zum Kinderzimmer ihrer Tochter Nele* öffnet. Dann überschlagen sich die Bilder in ihrem Kopf. Die 13-Jährige ist geistig weggetreten. Auf dem Boden liegen leere Dosen Haarspray. Noch unter Schock begreift die Mutter: Nele hat die Gase eingeatmet. So viel sie konnte. Ihr Kind hat versucht, sich umzubringen.

Anja Holtmann funktioniert wie ferngesteuert, nimmt Nele mit ins Bad, ruft ihre Mutter und ihren Mann bei der Nachtschicht an. Jemand muss auf Neles kleinen Bruder aufpassen, während sie sich um ihre Tochter kümmert. Das Mädchen übergibt sich mehrfach, dann bahnen sich die Tränen ihren Weg. Tränen, die Nele lange Zeit vor ihrer Familie versteckt hat. „An diesem Tag haben wir zum ersten Mal richtig gemerkt, was wirklich mit ihr los ist“, sagt die Mutter. „Der Zeitpunkt des Einatmens – das war ein Hilferuf.“

Dieser Tag war vor einem Jahr. Anja Holtmann hat Mühe, ihre eigenen Tränen zurückzuhalten, wenn sie zurückblickt. „Nicht weinen, Mama, ich weine auch nicht“, sagt Nele und nimmt ihre Mutter in den Arm. Hübsch, klug und hilfsbereit: So wirkt die 14-Jährige, wenn man sie kennenlernt – und so ist sie auch, wie ihre Mutter bestätigt. Selbst Ärzte haben deshalb jahrelang übersehen, dass sich hinter der Fassade eine ernsthafte Erkrankung verbirgt, die Nele fast das Leben gekostet hätte. Sie hat eine Psychose, die ihr manchmal den Realitätsbezug raubt, und leidet unter Depressionen.

„Schon als kleines Kind hatte ich einen Fantasiefreund“, erzählt sie. Im Gegensatz zu anderen Kindern ist diese imaginäre Spielfigur bei ihr aber nicht mit zunehmendem Alter verschwunden, sondern immer präsenter geworden. „Dieser Freund hat mich schlecht gemacht, mir gesagt, dass ich mich umbringen soll.“

Suizidgedanken – als die das erste Mal auftauchen, ist sie sieben Jahre alt. Es kommt viel zusammen in dieser Zeit und den kommenden Jahren. Der Vater hat die Familie verlassen, der kleine Bruder erkrankt für längere Zeit und benötigt viel Aufmerksamkeit. Nele nimmt sich selbst zurück.

„Sie war immer ein sehr liebes Mädchen, von Anfang an sehr selbstständig“, beschreibt die Mutter ihr Kind. Als sich ihre Tochter später dann weiter zurückzieht, denkt Anja Holtmann zunächst, dass sei – wie bei ihr selbst in diesem Alter – der beginnenden Pubertät geschuldet. Bis der Abend mit den Haarspraydosen alles verändert. Jetzt kommt heraus, dass Nele nicht zum ersten Mal Gase geschnüffelt hat, um ihr Gehirn mitsamt der quälenden Gedanken zu betäuben und dass sie immer wieder Suizidgedanken hat. Sie braucht Hilfe. Das spürt sie selbst. Mit gepackter Tasche fahren Mutter und Tochter in die Klinik, werden nach einem kurzen Gespräch aber wieder nach Hause geschickt. Neles Lebensgefahr wird zunächst unterschätzt. Einige Tage später folgt ein weiteres Notfallgespräch bei einer Kinderpsychologin – erneut ohne weitere Behandlung.

„Das ist das Schlimmste: ein Mensch öffnet sich, traut sich, um Hilfe zu bitten und bekommt sie dann nicht“, meint Sabrina Arndt von der Landesfachstelle für Suizidprävention in der Jugendhilfe, die beim Landesverband des Kinderschutzbundes in MV angesiedelt ist. Begrenzte Plätze und lange Wartezeiten, das ist der Alltag für Hilfesuchende im Nordosten. Als die Sozialarbeiterin von dem Fall erfährt, führt sie regelmäßig Gespräche mit Nele und setzt sich bei der Suche nach Hilfe als Vermittlerin für die Familie ein.

Glück für Nele. Als sie drei Monate später wieder in ein tiefes Loch fällt und die Suizidgedanken überhand nehmen, begleitet Sabrina Arndt sie in die Klinik und drängt auf eine stationäre Therapie. Nach einem Monat auf der Warteliste beginnt die Behandlung – und damit „das Schlimmste und das Größte“, was Nele bis dahin erlebt hat.

Das Schlimmste, weil sie bis auf den Grund muss, um wieder hochzukommen: Anfangs lässt sie alles raus, versucht mehrfach, sich umzubringen, zertritt Parfumflaschen, um sich den Arm aufzuschneiden. Das Klinikpersonal lässt sie jedoch nicht aus den Augen. Das Größte, weil sie seither tatsächlich wieder Licht sieht: „Ärzte, Pfleger und Schwestern haben mir wirklich geholfen“, betont Nele. „Ich weiß nicht, ob ich sonst noch hier sitzen würde.“

Das Schlimmste – das war die Zeit auch für Anja Holtmann. „Man fühlt sich so hilflos, muss zugucken, wie das eigene Kind leidet“, sagt sie und schluckt. So oft es geht fährt die berufstätige Frau während der viermonatigen Therapie in die Klinik, um bei ihrer Tochter zu sein, während ihr Mann den kleinen Sohn hütet. Die Zeit bringt die Familie nicht nur emotional, sondern auch finanziell an ihre Grenzen. Sabrina Arndt hätte gern eine Unterstützung wegen der Fahrtkosten vermittelt, doch die bleibt der Mutter verwehrt, weil sie kein Hartz IV bezieht. Immerhin: Um die quälende Frage nach dem Warum zu verarbeiten, findet auch Anja Holtmann therapeutische Hilfe. Schließlich muss und will sie weiter funktionieren: „Wichtig war in dieser Zeit nur eines: Nele muss leben und ich kämpfe für sie.“

Gekämpft hat auch ihre Tochter. „Man könnte sagen, dass ich 100 Prozent Erfolg hatte, weil ich die schlimmste Zeit meines Lebens gut überstanden habe“, meint Nele. Medikamente und eine ambulante Therapie haben sie jetzt stabilisiert. Auch Sabrina Arndt ist weiterhin für sie da. Tiefpunkte gibt es aber immer mal wieder. Dann wird Nele wütend auf ihre Erkrankung, weil sie keine Fröhlichkeit zulässt. Ihr ist klar, dass noch ein weiter Weg vor ihr liegt. „Bei einem Armbruch weiß man genau, dass alles wieder verheilt, wir können dagegen nur hoffen und weiterkämpfen“, beschreibt Anja Holtmann die Situation. Jeden Tag gemeinsam genießen – das hat sie sich deshalb zum Motto gemacht. „Wir haben unser Leben umgekrempelt, unseren Freundeskreis verkleinert, unternehmen viel nur mit der Familie. Was passiert ist, hat uns alle mehr zusammengeschweißt.“

Neles Wunsch für die Zukunft? „Ich möchte, dass auch anderen Kindern besser geholfen wird, die krank sind“, sagt sie. Und dass die Düsternis sich bei ihr nicht mehr so breitmacht. Ihre Mutter nickt. „Ich habe nur einen Wunsch“, sagt sie. Nele soll leben.

     *Namen geändert

Die Spendenaktion

Mit unserer diesjährigen Weihnachtsspendenaktion möchten wir den Kinderschutzbund im Nordosten unterstützen.  Fachkräfte und Ehrenamtler  setzen sich vor Ort Tag für Tag für Kinder und Jugendliche ein, die Hilfe brauchen. Doch ohne Spenden könnten viele Projekte wie z.B. die Suizidprävention nicht bestehen. Geplant ist auch der Aufbau eines Kinderschutz-Zentrums im Nordosten – eine Einrichtung für Kinder,  die von Gewalt betroffen oder bedroht sind.

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