Premiere in Schwerin : Neben den Spuren

Inszenieren die Talfahrt in Richtung Sehnsucht: Katrin Heinrich als Blanche, Hannah Ehrlichmann und Robert Höller (v.l.)
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Inszenieren die Talfahrt in Richtung Sehnsucht: Katrin Heinrich als Blanche, Hannah Ehrlichmann und Robert Höller (v.l.)

„Endstation Sehnsucht“ feierte Premiere im E-Werk des Mecklenburgischen Staatstheaters

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12. Februar 2018, 11:50 Uhr

Es ist in eine kalte, enge Welt, in die die verarmte, verblühende Farmerstochter Blanche da kommt. In Schimpf und Schande als Lehrerin davongejagt, kriecht sie bei ihrer Schwester Stella und deren ungehobeltem Mann Stanley in New Orleans unter. Wobei Kriechen in dieser Inszenierung durchaus wörtlich genommen werden darf. Blanche, ein Schmetterling in der Falle, die Alltag, Leben, Schicksal heißt. In einer kalten Spiegelwelt. Bitte, nehmen Sie Platz in diesem Albtraum, den Tennessee Williams nach dem Namen einer wirklichen Straßenbahnhaltestelle „Endstation Sehsucht“ genannt hat.

Das Stück Fleisch, das Mannsbild Stanley seinem animalisch vergötterten Weibchen Stella wie ein Löwe nach der Jagd vor die Füße wirft, versinnbildlicht all das Rohe, Ordinäre, das Blanche nicht ist. Blanche, die Weiße, Reine, in Träumen lebende Verliererin, die dieses Wort niemals in den Mund nehmen würde. Eine dieser vom Leben abgehängten Figuren, wie sie auch Arthur Miller mit Willy Loman in seinem Drama „Tod eines Handlungsreisenden“ beschrieben hat. In Lebenslügen verstrickt, exzentrisch und einsam und bis zum Ende todesmutig und todesängstlich. Auch wenn Tennessee Williams das Schicksal der amerikanischen Südstaaten als historische Matrix gewählt hat für seine Geschichte einer aus der Zeit geschleuderten Märchenprinzessin, dürfte die Grundkonstellation vielen im Publikum nicht fremd sein. Gebrochene Lebensläufe, Selbsttäuschungen, Nackenschläge des Schicksals wer kennt das nicht?

Auf einer gläsernen Bühne (Bernd Schneider), deren Wände sich labyrinthisch verjüngen, als spiegelten sie die Vertreibung der reichen Süd-staatentocher aus ihrer protzigen Villa in ein proletarisches Loch, erzählen Schauspieldirektor Martin Nimz und sein Ensemble im Schweriner E-Werk von einer unaufhaltsamen Talfahrt in Richtung Sehnsucht. Und das alles sehr menschlich, realistisch, ohne das Traumhafte, Träumerische, Verträumte, das Tennessee Williams seinem Stück und seiner Blanche eingeschrieben hat, weniger zu schätzen. Tschechow und Ibsen treffen in der neuen Welt auf Hauptmann und Barlach.

Katrin Heinrich als Blanche im Zug nach Nirgendwo im Herzen dieser Inszenierung.
Neurotisch und neben den Spuren. Verlogen auch, verkorkst, versoffen und vor allem anrührend verloren, das alles ist diese von sich selbst und vom Leben verletzte Frau. Doch Katrin Heinrich gibt ihrer Figur neben einer traumwandlerischen, weltverlorenen Anmutung zugleich das Maß an Menschlichkeit, das sie uns auch in ihrer Verlorenheit, Verkorkstheit und in ihrem Suff als Vertraute nahe sein lässt. Eine Seiltänzerin über einem Abgrund zwischen Lebensgier und Fremdheit in einer Welt, der die Träume und Fantastereien einer aus der Zeit gefallenen Frau egal sind.

Hannah Ehrlichmann und Robert Höller als ihre Schwester und ihr Schwager: der proletarische, gewalttätige Einwanderer und die ihm hündisch ergebene, blind verliebte Frau. Einerseits. Andererseits zwei intelligente, pragmatische Alltagsüberleber, in deren Welt kein Platz ist für Traumtänzereien. Zwei, die einander Anker sind. „Ich will keinen Realismus. Ich will Zauber!“ Eine so hochfahrende Parole wie die von Blanche verkündete können sie sich nicht leisten.

Auch wenn vielleicht nicht alle Regieeinfälle zünden, sind selbst die kleinen Rollen dieser gut dreistündigen Inszenierung stark besetzt und die Pokerrunde unter den Männern als Affentheater vom Text gedeckt.

Die Schlussszene freilich, Blanches großer Abgang hocherhobenen Hauptes in den Wahnsinn zu ihrer endgültigen Endstation, scheint irgendwie unfertig, flüchtig, dem poetischen Anspruch dieser kleinen, großen Inszenierung nicht angemessen. Begeisterter Applaus am Premierenfreitag.

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