Film-Gespräch in Schwerin : Neben den Gleisen: Wahrhaftige Einblicke ins Leben

Reden beim Bier vor dem Boizenburger Kiosk am Bahnhof  Fotos: Dieter Schumann
1 von 2
Reden beim Bier vor dem Boizenburger Kiosk am Bahnhof Fotos: Dieter Schumann

Am Sonntag Gespräch zum Dok-Film „Neben den Gleisen“ von Dieter Schumann über den Boizenburger Bahnhofskiosk und seine Besucher

von
01. April 2017, 16:00 Uhr

„Ja, wo willst du hingehen? Hier kennst du viele“, bemerkt leicht resignierend ein Kneipengast. Ein anderer berichtet, wie er „sein letztes Hemd ausziehen“ musste, als er Hartz IV beantragen wollte. Ein Dritter verdient 1100 Euro in der Bonbon-Fabrik. Aufstocken, also sich Unterstützung vom Jobcenter holen, will er nicht. Er will allein wieder auf die Beine kommen. Einige der Stammgäste des Kiosks am Bahnhof in Boizenburg, die bei Bernd, dem Wirt, und seiner Frau Regina seit Jahren einen Pott Kaffee, ihre Zigaretten und ihr Bier bekommen, hadern mit ihrem Schicksal. Andere haben sich abgefunden. Die dritten suchen einen Sündenbock. Manch einer findet ihn in den Syrern, die auf ihrer Fahrt zur Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge im nahegelegenen Horst in Boizenburg den Zug verlassen.

In „Neben den Gleisen“ nehmen die Dokumentarfilmer Dieter Schumann und Michael Kockot die Zuschauer mit in den Boizenburger Mikrokosmos, einer authentischen Welt, wie Schumann findet, die sich auch in den wenigen verbliebenen „Eckkneipen“ anderer Kleinstädte findet. Schumann und Kockot geht es darum, Menschen ernst zu nehmen, die sich in unserer Gesellschaft abgehängt oder ausgegrenzt fühlen. Am Sonntag um 17 Uhr laden die Autoren zur Film-Matinee ins Schweriner Kino „Capitol“ ein.

Der Film gewähre „wahrhaftige Einblicke in das Leben einfacher Menschen, die offen und direkt über ihre Frustrationen; aber auch über ihre Sehnsüchte und Hoffnungen reden“, wirbt die Friedrich-Ebert-Stiftung als Co-Veranstalter. Aber auch wenn die Kneipengänger oft mit ihrem Leben hadern, sei es ein unterhaltsamer Film, so Schumann. Auch die Boizenburger Protagonisten haben ihren Spaß. Zum Gespräch nach dem Film kommen am Sonntag auch ein Sozialarbeiter der Bahnhofsmission Schwerin sowie Oberbürgermeister Rico Badenschier. Auch zwei oder drei der Boizenburger Kneipengänger wollen kommen, zum Beispiel Computer-Experte Thomas, der im Film von seinem ersten Treffen mit seiner Frau vor neun Jahren erzählt, und dass er immer noch Gänsehaut bekommt, wenn er daran denkt.

Nach seiner Uraufführung auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival im vergangenen Herbst hat „Neben den Gleisen“ bereits das Interesse mehrerer internationaler Festivals geweckt. Anfragen gibt es unter anderem aus den USA, Kroatien, Tschechien und Polen. Schumann vermutet, es gebe im Ausland ein großes Interesse, ein anderes Bild vom sonst oft so erfolgreich erscheinenden Deutschland vermittelt zu bekommen. Auch aus Neu Kaledonien haben Schumann und Kockot eine E-Mail bekommen. Der Inselstaat liegt mehr als 1000 Kilometer östlich von Australien. Schumann würde nach Neu Kaledonien reisen, wenn sein Film zum Festival eingeladen wird. „Ich bin gespannt, wie die Einheimischen aus ihrer Weit-Weg-Perspektive die Boizenburger wahrnehmen.“

„Neben den Gleisen" läuft am Donnerstag, 6. April, in 25 deutschen Städten an. In der Region ist er u. a. in Schwerin, Rostock, Ludwigslust, Güstrow, Neustrelitz, Lübeck und Lüneburg zu sehen. Und natürlich in Boizenburg.  

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen