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Kunst & Kultur Güstrow : Naschend an Möglichkeiten

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

„Da ich doch Zeichner bin“: Barlach Stiftung Güstrow präsentiert Arbeiten des Grafikers Joachim John.

svz.de von
erstellt am 02.Dez.2015 | 12:00 Uhr

Schön, wenn ein Bekannter noch überraschen kann. Da hat man wohl im Laufe der Jahre ein Dutzend Ausstellungen mit Arbeiten Joachim Johns gesehen und geht nun durch das angenehm verdunkelte Grafikkabinett der Güstrower Ernst-Barlach-Stiftung und kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Natürlich erkennt man den Strich von Meister John und auch ihn selbst in einigen Selbstporträts, etwa hinter dem Tod stehend oder ganz klein, zum großen, verehrten Max Beckmann hinaufschauend. Auch die Johns Werk prägende Marianne mit der Jakobinermütze, Allegorie der Freiheit aus dem berühmten Delacroix-Gemälde, darf nicht fehlen. Doch darüber hinaus ist es Dr. Volker Probst, Direktor der Barlachstiftung und Kurator der Ausstellung „Da ich doch Zeichner bin“ gelungen, einen nahezu retrospektiven Einblick in das Schaffen Joachim Johns von frühen Arbeiten bis zu den jüngsten zu geben, die der Grafiker aus Neu Frauenmark selbst „Neue Zeichnungen“ nennt. Probst konnte dabei u.a. auf die Sammlungen der Stiftung Mecklenburg, des Kunstmuseums Ahrenshoop, der Kunstsammlung Neubrandenburg und des Landes MV und nicht zuletzt auf das Privatarchiv Johns zurückgreifen.

Als studierter Bibliothekar war es Probst besonders wichtig, auch buchkünstlerische Arbeiten und Grafikmappen zu zeigen, die sonst aus naheliegenden Gründen eher selten ausgestellt werden. Aus der Grafiksammlung „Neue deutsche Volkslieder“ ist etwa Johns Arbeit „Lied vom Anderswerden“ zu sehen. Zufall oder nicht, genau dieses Lied war dann auch in Christoph Schroths legendärem FDJ-Liederabend am Schweriner Theater zu hören. Inspiriert wohl auch von Johns dreiwöchiger Studienreise durch Kolumbien im Jahr 1982, entstanden Grafikmappen wie „América latina“ oder „Max Beckmann in Südamerika“. Die Aquatinta „Libertad“ zeigt  wieder die Marianne, riesig, nackt, mit schreckgeweiteten Augen und wie Gulliver gefesselt, während auf einem anderen Blatt – „Die Last“ – eine Atlasfigur den felsigen, südamerikanischen Kontinent buckelt, auf dem der Tod zum Totentanz aufspielt.

Die Mappe „Max Beckmann in Südamerika“ geht von der fiktiven Annahme aus, der große Maler sei nach Südamerika gereist. Johns Radiernadel schickt den verehrten Künstler dabei auf eine Albtraumreise, auf der es von messerwetzenden Jaguarfrauen, Riesenhaien, Krokodilen und mörderischen Schlingpflanzen nur so wimmelt. Und die Freiheit? Wird diesmal geköpft.

Die Kolumbienreise hat John übrigens auch in seinem jüngsten Buch „Kuckuck“, erschienen in der Edition Cornelius , auf ungemein fantastische Weise verarbeitet. Wie Barlach, der ideelle Hausherr dieser Ausstellung, ist auch John eine Mehrfachbegabung und nicht nur Grafiker, sondern ein zuweilen vielstimmiger Puppenspieler und in den vergangenen Jahren mehr und mehr ein mit Lust und Klasse fabulierender Prosaautor, dem seine böhmische Heimat und reale wie surreale Reisen zum Stoff für Literatur werden.

Selbst eine frühe Grafik aus dem Jahr 1967 hat der Kurator aufgetrieben: eine fröhliche Illustration zum Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“, wie sie auch im Besitz der Berliner Akademie der Künste ist, der Joachim John angehört.

Die „Neuen Zeichnungen“ nun, die jüngst auch einer Ausstellung des Kunstvereins Ludwigslust zum Titel wurden, führen uns, wenn nicht einen völlig neuen Joachim John, so doch einen befreiteren, losgelösteren, weniger einer erzählbaren Geschichte verhafteten Künstler vor Augen. In seinen Worten eine Zeichnerei, „wo die Sprache nicht passt. Man könnte vielleicht sagen eine Art musikalische Seite.“

Wie in Joachim Johns vor Jahren nahezu nebenher entstandenen Etüden, denen dennoch Geschichten innewohnen, für jeden Betrachter andere, fantasiert der Zeichner nunmehr mit Feder und Tusche eine Welt aus Strichen, Figuren, Flächen, Zufälligem und Konstruiertem – „naschend an wunderbaren Möglichkeiten“. 

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