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Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 21:09 Uhr

Filmfest-Warm-up : Narren haben niemals Zeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Volksschauspieler Herbert Köfer präsentiert zum Filmfest-Warm-up unserer Zeitung den Film „Liebe mit 16“ / Begegnung mit einer Legende

svz.de von
erstellt am 21.Apr.2014 | 09:00 Uhr

Nein, er ist weder krank noch gebrechlich. Und auch sehr, sehr klar im Kopf. Ja, er ist alt. 93, um genau zu sein. Aber was sagt das schon? Das vorweg für alle, die mich immer wieder und als Erstes nach dem körperlichen Zustand des so bekannten Schauspielers fragten, als sie von meiner Begegnung mit dem Fernsehpionier, Volksschauspieler und Publikumsliebling hörten.

Im Gegenteil. Er arbeitet nach wie vor. Viel. Sehr viel. Vielleicht zu viel? „Ich kann einfach nicht in der Ecke sitzen.“ Köfer dreht und spielt wie eh und je. Vor zwei Jahren gewann er gemeinsam mit seinen Kollegen für die Rentner-Komödie „Bis zum Horizont, dann links!“ den SVZ-Publikumspreis beim Filmkunstfest MV in Schwerin.

Herbert Köfer liest vor Publikum aus seinem Erinnerungsbuch „Nie war es so verrückt wie immer…“ Er geht mit seinem eigenen Theater „Köfers Komödiantenbühne“ auf Tournee. In der Berliner Komödie am Kurfürstendamm stand er in dem Klassiker „Pension Schöller“ über 1000-mal als Wirt auf der Bühne. Er wird auch wieder bei den „Jedermann“-Festspielen im Berliner Dom im Oktober den armen Nachbarn spielen – zum 7-mal. Gerade hat er die Dreharbeiten für eine Folge der ARD-Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ beendet.

Dann gibt es noch ein Buchprojekt – Geschichten und Anekdoten aus der Film- und Theaterwelt. Für seine Komödiantenbühne wollte Köfer eigentlich ein neues Stück entwickeln. Nun aber gibt es noch einmal zusätzliche 25 Vorstellung mit der Komödie „Rentner haben niemals Zeit“, weil seine Fans immer wieder danach fragen. „Aber ich bin auf der Suche nach einem neuen Stück, vielleicht für meinen Abschied von der Bühne. Vielleicht, sage ich. So schnell bin ich nicht totzukriegen.“

2013 ist die neue Villa am Seddiner See (Potsdam-Mittelmark) fertiggeworden, für die Herbert Köfer und seine Frau Heike ihr altes Haus am Zeuthener See aufgegeben haben. 40 Jahre wohnte der Schauspieler dort. Jetzt hat er sich sein neues Arbeitszimmer eigens im ersten Stock eingerichtet. „Treppensteigen hält fit.“ Ebenso wie Spaziergänge mit den beiden Hunden. Eine französische und eine englische Bulldogge. „Sie sehen“, sagt Heike Köfer, die 40 Jahre jünger als ihr Mann ist, wir sind europafreundlich.“


Von „Nackt unter Wölfen“ bis „Wolf unter Wölfen“


Das Gespräch mit den Köfers im Golfclub unweit ihres Hauses wird zu einem Parforceritt durch deutsche Film- und Fernsehgeschichte und natürlich auch zur Plauderstunde über Schauspielerkollegen, Rollen, Politik und Privates.

Herbert Köfer, Jeans, kariertes Hemd in leuchtendem Gelb mit langem gelben Künstlerschal, um den Hals eine Kette mit einem Hühnergott vom Darß, erzählt gern und, wen wundert’s, auch gut.

An die Dreharbeiten in Schwerin zu dem Film „Liebe mit 16“ mit Simone von Zgliniki, den Herbert Köfer am 29. April im Verlagshaus unserer Zeitung präsentieren wird, ist ihm und seiner bis heute amüsierten Frau vor allem der stocksteife, ulkige Tanzlehrer in Erinnerung – Köfers Rolle in dem Defa-Film von Herrmann Zschoche. Mit Simone von Zgliniki hat Köfer dann später noch einmal in dem erfolgreichen TV-Vierteiler „Liebesau – die andere Heimat“ gespielt.

Da lagen so große Filme wie „Nackt unter Wölfen“, „Krupp und Krause“ oder „Wolf unter Wölfen“ schon lange zurück. Ebenso die Anfangsjahre beim DDR-Fernsehen, als Köfer am 21. Dezember 1952 mit der „Aktuellen Kamera“ die erste Sendung des Deutschen Fernsehfunks präsentierte, später Unterhaltungssendungen wie „Da lacht der Bär“ oder „Treffpunkt Kino“ moderierte und in vielen der heute legendären TV-Serien und -Schwänke agierte. Dass es diese Form des Theaters im Fernsehen nicht mehr gibt, bedautert Köfer sehr. Nicht zuletzt lieh er in der Hörspielserie „Neumann 2x klingeln“ allwöchentlich von 1967 bis 1981 dem Vater Hans Neumann seine Stimme.

Mit Frank Schöbel, Uta Schorn und Walter Plathe knipste er dann schließlich in der Silvestershow 1991 das Licht beim DFF aus. Fünf vor Zwölf. Für die Arbeit des DFF-Liquidators Rudolf Mühlfenzl fällt Köfer heute nur ein Wort ein: „menschenverachtend“.


„Ich will die DDR nicht
zurückhaben, aber…“


Herbert Köfer fand dann, anders als viele seiner Künstlerkollegen, schnell wieder Engagements. Wer, wie der Autor dieser Zeilen, mit Köfer und seinen Filmen aufgewachsen ist, konnte ihm auch nach der Wende in zahllosen Rollen begegnen. Wer aber weiß noch, dass er auch in einem Defa-Indianerfilm, „Tecumseh“, mitgespielt hat? Der Schauspieler und Regisseur Rolf Römer hat dem Westernfan Köfer 1972 den Gefallen getan und ihm eine kleine Rolle als Trapper spendiert. Die endete freilich schon nach wenigen Filmminuten, als seine Figur von einem Indianerpfeil vom Kutschbock geschossen wurde.

2009 kam die erste Auflage seines Erinnerungsbuches heraus. Köfer löste mit seinem Bekenntnis zur DDR ziemlichen Wirbel aus: „Ich will die DDR nicht zurückhaben, aber – wenn ich mich an meine Vergangenheit erinnere, möchte ich gern ungestraft an die positiven Seiten dieses Landes zurückdenken dürfen.“

Gerade haben die Dreharbeiten zu einer Neuverfilmung des Romans „Nackt unter Wölfen“ begonnen. Köfer kommentiert anfangs nur trocken: „Das hat mit mir nichts zu tun.“

Im großen Buchenwald-Film von 1963 spielte Köfer den Hauptsturmführer Kluttig. Die Dreharbeiten liegen also schon 50 Jahre zurück. Der Schauspieler redet ziemlich lange und nachdenklich über die Dreharbeiten mit Regisseur Frank Beyer. Auch der Autor des Romans, Bruno Apitz, war bei der Entstehung des Films in Buchenwald dabei. „Damals“, so Köfer, „saßen noch Menschen bei der Premiere im Kino, die im KZ gelitten hatten. Ich werde natürlich in den neuen Film gehen. Aber wahrscheinlich sehe ich dann immer auch Armin Mueller-Stahl, Fred Delmare oder Erwin Geschonnek vor mir.“

In seinem Erinnerungsbuch fragt sich Herbert Köfer, wie wohl später an ihn gedacht wird. „Irgendwas zwischen ,heiterer Fridolin‘ und ,ernsthafter Schauspieler‘? Wenn ich Glück habe, als Narr. Narren machen Menschen glücklich.“ Welch ein herrlich verrückter Traum!

 

 

 

 

 

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