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Überwachungs-Teams zählen Laufvögel : Nandu-Inventur am Schaalsee

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Den Nandus auf der Spur. Die Mission des Teams lautet: Die im Biosphärenreservat Schaalsee lebenden Nandus zählen und herausfinden, wie viele Jungtiere es über den Winter geschafft haben.

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erstellt am 05.Apr.2013 | 07:29 Uhr

Gadebusch | Stundenlang geht es über Stock und Stein, über Hügel und Senken, durch Schnee und Matsch - den Nandus auf der Spur. Die Mission des Teams rund um Frank Philipp, den studierten Landespfleger und Koordinator des Programms, lautet: Die im Biosphärenreservat Schaalsee lebenden Nandus zählen und herausfinden, wie viele Jungtiere es über den harten und langen Winter geschafft haben.

Zunächst ist jedoch weit und breit kein Nandu in Sicht. Stille liegt über den Feldern, nur leises Vogelgezwitscher und das Krächzen einer Krähe sind zu hören. Ein Feldhase hoppelt über den Acker, in der Ferne äsen mehrere Rehe. Plötzlich setzt Frank Philipp das Fernglas ab und deutet nach vorn: "Dort am Waldrand liegt ein großer grauer Feldstein - wenn man genau hinschaut, sieht man einen Hals und einen Kopf daraus hervorragen", erklärt er. Endlich ein Erfolgserlebnis! Nach über einer Stunde Nandu-Suche sehen wir den ersten der ursprünglich in Südamerika beheimateten straußenähnlichen Laufvögel. Auf den ersten Blick sind sie tatsächlich kaum als solche zu erkennen. Ihr Territorium erstreckt sich über gut 100 Quadratkilometer, die allesamt durchkämmt werden müssen.

Vor 13 Jahren waren drei Nandu-Paare aus einem Privatgehege in der Nähe von Lübeck ausgebrochen und über das Grenzflüsschen Wakenitz nach Mecklenburg-Vorpommern geflohen. Die Wissenschaftler gehen von weiteren Ausbrüchen bis 2009 aus. Wie viele Tiere entlaufen sind, könne rückwirkend nicht geklärt werden, erzählt Frank Philipp. Die Nandus seien zwar teilweise wieder eingefangen worden, jedoch konnte sich durch weitere Ausbrüche aus dem Gehege eine stabile Population in Mecklenburg-Vorpommern entwickeln. Seitdem leben und vermehren sich die Vögel in der Schaalsee-Region zwischen Raps- und Maisfeldern, mitten in der norddeutschen Tiefebene.

Nandus stammen ursprünglich aus den Offenländern (Chaco, Cerrado, Pampas) Brasiliens bis in den Süden Argentiniens. Dort herrschen subtropische bis gemäßigte Klimate. Die Tiere in Europa entstammen langjährigen Zuchten und sind zudem an das gemäßigte Klima gewöhnt. Daher könne er sich gut vorstellen, dass der Nandu sich in unseren Gefilden gut integrieren könnte, so der 31-jährige Nandu-Zähler. Lediglich sehr schneereiche Winter stellen die Laufvögel vor große He rausforderungen, da sie so kaum an die zumeist bodennahe Nahrung gelangen. Natürliche Feinde haben sie hingegen kaum. Gerade deswegen darf die Vermehrung nicht außer Kontrolle geraten. "Aus dem Grund haben wir die Monitoring-Aktion ins Leben gerufen", sagt Frank Philipp, "um zu gewährleisten, dass die Zahl der Nandus nicht zu groß wird und im Notfall eingreifen zu können. Sollte es tatsächlich einmal notwendig werden, dürfte es kein Problem sein, ein so großes Tier wie den Nandu auszurotten." Dann bleibt wohl nur noch das Gewehr. Warum man das Problem nicht schon früher behoben hat, versteht der Nandu-Experte nicht. Schließlich wäre es einfach gewesen, die im Jahr 2000 ausgebüxten Tiere wieder einzufangen. Dafür sei es nun natürlich zu spät.

Doch noch ist alles im Rahmen. Zwar beschwerten sich Bauern aus der Region schon über leergefressene Felder, doch nach Ansicht des Umweltplaners richten die Tiere keinen nennenswerten wirtschaftlichen Schaden an. "Sie rupfen immer nur einen Teil der Blätter von Raps oder Maispflanzen ab und ziehen dann weiter", erklärt er. "Die Pflanzen werden dadurch nicht in ihrem Wachstum beeinträchtigt." Außerdem falle das wenige, was die Tiere fressen, bei den Mengen, die angebaut werden, nicht ins Gewicht. Auch einheimische Tierarten beeinträchtigen die Anwesenheit der Nandus nicht. Untersuchungen des Mageninhalts verendeter Tiere haben gezeigt, dass die Vögel zwar auch Insekten fressen, 99 Prozent des Futters seien aber pflanzlichen Ursprungs. Es fanden sich auch schon weiße und gelbe Plastik- oder Keramikstücke im Magen. "Die Vögel fressen diese, weil sie sie aufgrund ihrer Farbe für kalkhaltig halten", sagt der Nandu-Zähler. Dennoch ist der Nandu vom Bundesamt für Naturschutz als potenziell invasive Art eingestuft worden und muss daher genauestens beobachtet werden.

Fest steht aber auch, dass das Vorkommen der Nandus im Biosphärenreservat einen positiven Effekt auf den Tourismus in der Region hat. Viele Urlauber kommen nur wegen der Nandus her. "Das kann einer Region wie dieser, die touristisch noch eher unbekannt ist, sehr zugute kommen", so Frank Philipp. Besonders viele Nandus seien auf der Strecke zwischen Schattin und Utecht zu sehen. Hier halten viele Autofahrer an und freuen sich, wenn sie die Tiere auf den Feldern entdecken.

Auf unserer Pirsch erspähen wir insgesamt noch fünf weitere Nandus, darunter zwei Jungtiere. Wie viele genau überlebt haben, steht allerdings erst nach einer genauen Auswertung der Such ergebnisse aller sechs Monitoring-Gruppen fest.

Übrigens: Jeder, der einen oder mehrere Nandus im Gelände entdeckt, kann die Arbeit des Monitoring-Teams unterstützen: Auf dem Internetportal www.nandu.info haben aufmerksame Beobachter die Möglichkeit, Sichtungen frei lebender Nandus über das Eingabeformular direkt an die Arbeitsgruppe zu melden. Auch auf ornitho.de oder Naturgucker.de können Beobachtungen angezeigt werden, jedoch sollten die Angaben, um doppelte Daten zu vermeiden, jeweils nur einmal gemacht werden.

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