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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 17:15 Uhr

Nächste Ausfahrt: Tod

vom

svz.de von
erstellt am 14.Jan.2011 | 10:21 Uhr

Parchim | Sylke stirbt kurz vor ihrer Hochzeit. Zwei Tage zuvor hatte sie ihr Hochzeitskleid gekauft. Die Einladungskarten hatten die Gäste schon bekommen. Die 27-Jährige steckt mitten in den Vorbereitungen ihres großen Tages. Vielleicht schwelgt sie gerade in Vorfreude, als sie auf der A 24 Richtung Parchim unterwegs ist. Nicht ahnend, dass sie zum letzten Mal zur Arbeit fährt. Und nie ankommen wird. Ein heranfahrendes Auto rammt auf rutschiger Fahrbahn das Fahrzeug der jungen Frau. Sie wird aus dem Fahrzeug geschleudert, landet in einem Wassergraben, stirbt noch an der Unfallstelle. Ihr Portmonee wurde nie gefunden. Es liegt bis heute irgendwo am Rande der Autobahn.

Auf Hochzeitseinladung folgt Todesanzeige

Als ein Polizist vor dem Haus von Familie Schlicht steht, weiß sie schlagartig, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Viele Gedanken schießen ihr durch den Kopf: "Mein Mann? Mein Sohn? Meine Tochter?" Aus der Angst wird nach kurzer Zeit Gewissheit. Ihre Tochter ist tot. Nach der schrecklichen Nachricht kommen die Verpflichtungen. Die Identifizierung, die Formalien, die Beerdigung. Nur noch schemenhaft erinnert sich die 54-jährige Mutter an die Details. Und wenn sie sich zu erinnern versucht, dann füllen sich ihre Augen mit Tränen. "Das erste halbe Jahr nach dem Unglück ist wie weg", sagt sie. Nur eines weiß sie ganz genau: Nichts ist mehr so, wie es einmal war.

Auch für Vater Reinhard Schlicht bricht das alltägliche Leben zusammen. "Wofür noch leben, worüber noch lachen?", fragt er sich. Im ersten Jahr nach dem tödlichen Unfall geht das Ehepaar auf keine Geburtstagsfeier, macht keinen Sport mehr, lässt die Hobbys ruhen. "Die Zukunft, wie sie hätte sein sollen, ist weg - das spüren wir jeden Tag", sagt Reinhard Schlicht noch heute. Das "Was wäre, wenn" schwebt noch immer - wahrscheinlich auch für immer - über dem Leben des Ehepaars. "Was wäre, wenn Sylke noch leben würde? Was wäre, wenn sie fünf Minuten später abgefahren wäre? Was wäre, wenn die Straßen an jenem Tag im Januar 2005 nicht so glatt gewesen wären?" Diese Fragen quälen Reinhard und Elke Schlicht bis auf den heutigen Tag.

Zuerst trauerten die beiden Eheleute für sich, zogen sich zurück. "Es war auch für ihre Beziehung eine große Belastung", erinnert sich Sohn Dirk. "Wir sind ganz unterschiedlich mit der Trauer umgegangen, mussten zuerst einmal wieder auf einen gemeinsamen Nenner kommen", erinnert sich Elke Schlicht. Schließlich entschlossen sich die beiden, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Elke Schlicht hatte schon lange vor dem Unglückstag von dem Verein Verwaiste Eltern in der Zeitung gelesen. "Schlimm, was manche Menschen für Schicksalsschläge verkraften müssen", hatte sie damals noch zu ihrer Tochter gesagt. Nicht ahnend, dass sie einmal ein ähnliches Schicksal treffen würde.

Sie rief Helmut Sanne an, den Leiter des Vereins Verwaiste Eltern in Mecklenburg-Vorpommern. "Zuerst konnte ich nichts als weinen", erinnert sich die 54-Jährige. Seit fünf Jahren trifft sich das Ehepaar in Schwerin mit anderen Eltern verstorbener Kinder. "Da waren Menschen, die unsere Trauer und unseren Schmerz wirklich verstehen konnten", sagt Reinhard Schlicht. In der Gruppe könne der Schmerz durch Erzählen und Zuhören geteilt werden. "Es ist ein Nehmen und Geben", sagt Elke Schlicht. Bis heute besuchen die Schlichts die Gruppe.

Faktor Zeit hat an Bedeutung gewonnen

Was sich seit dem Tod der Tochter verändert hat, ist die Wertigkeit der Zeit. "Zeit mit unserem Sohn zu verbringen, das ist uns jetzt noch wichtiger als vorher", sagt Reinhard Schlicht. Auch die Angst, den Sohn zu verlieren, ist größer geworden. "Immer, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, melde ich mich bei meinen Eltern, wenn ich angekommen bin - und sei es nachts um drei Uhr", sagt Sohn Dirk. In diesem Jahr wird der 30-Jährige heiraten. Da werden schlechte Erinnerungen bei seinen Eltern wach.

Noch immer fällt den Eltern das Leben ohne Sylke schwer. Und wahrscheinlich wird das Gefühl, das etwas fehlt, für immer bleiben. Doch sind sich die Schlichts einig: Der Anruf bei Helmut Sanne war eine gute Entscheidung.


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