Nachgefragt: Was bedeutet Fritz Reuter für Sie? Wie modern ist er?

von
05. November 2010, 05:01 Uhr

Manfred Brümmer
Dramaturg der Fritz-Reuter-Bühne und Preisträger des Fritz-Reuter-Literaturpreises 2010:

Die Fragen beantworten sich schwer, wenn man beruflich mit Reuter zu tun hat und seinen Beruf nicht als Arbeitsaufgabe oder gar nötigen Broterwerb sieht. Kakuji Watanabe sagte: „Fritz Reuter ist der Leitstern meines Lebens.“ Ganz so ist es bei mir nicht, und ich würde es auch weniger poetisch ausdrücken, aber Reuter hat mein Leben schon entscheidend bestimmt. Ich habe als gebürtiger „Stemhäger“ als Kind auf seinem Denkmal-Schoß gesessen, meine Oma kannte eine große Zahl Läuschen un Rimels auswendig und hat sie in Schummerstunden vorgetragen, ich bin seit 35 Jahren an der Fritz-Reuter-Bühne, habe Werke von ihm präsentiert, bearbeitet oder eigene frei nach seinen Vorlagen geschrieben, schreibe und spreche seit Januar die sonntägliche Rundfunkgeschichte der Reihe „Reuter an de Stripp“ bei NDR 1– und den Reuter-Literaturpreis krieg’ ich nun auch noch.

Reuter ist für mich so modern, wie alle großen humanistischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts auch. Der Zugang zu ihm wird zwar erschwert durch die Regionalsprache, aber etwas erleichtert vielleicht durch die thematische und formale Breite des Werkes vom Reimschwank bis zum Gesellschaftsroman. Auf jeden Fall bin ich sehr glücklich über die vielfältigen Aktivitäten in diesem Jahr, die auch über unser Bundesland hinaus Reuter wieder stärker ins Bewusstsein rücken, wie in Berlin, Bad Bevensen oder Hildesheim.

Dr. Achim Hoth
Niederdeutscher Autor:

Als ich zur Schule kam, sprach ich nur plattdeutsch, weshalb ich mit großer Sorge dem ersten Schultag entgegensah. Dann geschah etwas, wozu man heute „Wahnsinn“ sagen würde: Der Lehrer zitierte Reuter, plattdeutsch, und er machte uns Mut, das Hochdeutsche zu erlernen, ohne das Platt zu vergessen. Seitdem ist der Dichter so etwas wie ein Sprachpatron für mich.

Ich lese „Kein Hüsung“, und mir drängt sich immer wieder das Bild eines Bekannten auf, der jung, qualifiziert, arbeitswillig und trotzdem ohne Arbeit ist. Ich stelle mir vor, dass er mit dem Knecht Jehann über Gott, die Welt und ihre eigene missliche Lage meditiert. Beide suchen Hüsung und finden sie nicht.

Dr. Arnold Hückstädt
Literaturwissenschaftler und Fritz-Reuter-Preisträger 2010:
Bereits als Zwölfjähriger trug ich 1947 auf dem Erntedankfest meines Heimatdorfes im Kreis Randow aus Reuters „Läuschen un Rimels“ vor. An der Freude in den Gesichtern der Zuhörer spürte ich, dass der Dichter den Ton getroffen hatte. Als Oberschüler hörte ich ergriffen meinem Lehrer zu, der aus Reuters Werken vorlas. Als junger Germanist kam ich 1958 nach Stavenhagen, um am Aufbau des Fritz-Reuter-Literaturmuseums mitzuwirken. Ich stellte mich in den Dienst Fritz Reuters. Über drei Jahrzehnte währte unser Treueverhältnis.

Als einer der großen kritischen Realisten des 19. Jahrhunderts hat Fritz Reuter die niederdeutsche Sprache literaturfähig gemacht und zu hohem Ansehen gebracht. Er hat ein Werk von bleibender Bedeutung geschaffen. Mit seinen Dichtungen zeigt Reuter uns Heutigen, woher wir kommen und ermutigt uns, den Weg des Humanismus und der Menschenliebe unbeirrt weiter zu gehen. Noch immer haben seine Werke die Kraft, uns freier, reicher und glücklicher zu machen.

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