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Bundesfreiwilligendienst : Nach zehn Jahren wieder eine Chance

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eberhard Friedrich arbeitet als einziger Mann für die Gadebuscher Kleiderbörse

svz.de von
erstellt am 27.Okt.2014 | 07:45 Uhr

Eberhard Friedrich ist der Hahn im Korbe: In der Kleiderbörse des Arbeitslosenverbandes in Gadebusch sind außer ihm nur Frauen beschäftigt. „In neun von zehn Jahren, die wir schon bestehen, waren wir ein reiner Frauenbetrieb“, erzählt Lydia Schulz, die die Börse leitet. Momentan seien es 20 Mitarbeiterinnen, die im Ein-Euro-Job, im Nebenerwerb oder – und das ist die Mehrzahl – ehrenamtlich mit zupacken. Als sich Eberhard Friedrich für eine Stelle im Bundesfreiwilligendienst bewarb, sei das ein Wagnis gewesen, dennoch habe sie gern zugesagt. „Es ist doch immer gut, einen Mann im Haus zu haben – zum Beispiel, wenn Reparaturen anfallen oder wenn, wie jetzt beim Umbau des Lagers, handwerkliches Geschick gefragt ist.“

Hauptsächlich allerdings ist der Gadebuscher Kraftfahrer. Zusammen mit einer Kollegin fährt er an drei Tagen in der Woche über Land, um nach einem festen Tourenplan die 21 Kleidercontainer des Arbeitslosenverbandes zu entleeren. „Das ist richtig schwere Arbeit“, meint Friedrich, „alle Achtung, dass das die Frauen früher ganz allein hinbekommen haben.“

Die Container seien regelmäßig gut gefüllt, das Angebot in der Gadebuscher Kleiderkammer daher auch sehr reichhaltig, freut sich Lydia Schulz. Die Kehrseite der Medaille erlebt Eberhard Friedrich allerdings vor Ort: „Sie glauben gar nicht, was die Leute alles in den Kleidercontainern ,entsorgen‘: Tapeten, Dachpappe, Essensreste oder auch den ganzen Inhalt eines Mülleimers haben wir schon gefunden.“ An einem Standort in der Stadt Gadebusch seien im Winter regelmäßig alle Kleiderspenden verdorben, weil ein Anwohner die Asche aus seinem Kamin oder Ofen im Sammelcontainer entsorgt.

So ärgerlich das sei: „Wir ziehen dann Handschuhe an und versuchen zu retten, was zu retten ist“, erklärt Eberhard Friedrich. Alle Spenden werden in der Börse sortiert und aufbereitet: Kleidungsstücke kommen generell in die Waschmaschine, wenn nötig werden sie ausgebessert und gebügelt. Schuhe, Gürtel und Taschen werden gereinigt und aufpoliert. Und was wirklich nicht mehr anzubieten ist, dient oft doch zumindest noch als Material für kleine Näharbeiten. 500 bis 600 Kunden kann die Kleiderkammer so monatlich helfen.

Lydia Schulz lobt ihren Kraftfahrer, engagiert und umsichtig sei er. „Früher, als alle halbe Jahr jemand anders mit unserem Transporter fuhr, gab es mehr Reparaturen. Da ist, wer neu war, auch mal rückwärts an einen Poller gerauscht“, erzählt sie. Bei Eberhard Friedrich sei das anders. Dabei hat auch er sich das Fahren erst angenommen, gelernt hat der Gadebuscher Maler. Doch nach zwei Bandscheibenvorfällen war der heute 52-Jährige körperlich nicht mehr dazu in der Lage, in seinem Beruf zu arbeiten. Rund zehn Jahre lang sei er schon arbeitslos, so Eberhard Friedrich – mit mehreren Unterbrechungen. Leider hätten ihm Arbeitgeber aber immer nur so lange eine Chance gegeben, wie sie Lohnkostenzuschüsse vom Arbeitsamt kassieren konnten.

Ein Lichtblick sei ein Ein-Euro-Job als Kraftfahrer bei der Möbelbörse gewesen. Da die ebenfalls vom Arbeitslosenverband betrieben wird und zudem seine Lebensgefährtin seit längerem bei der Kleiderbörse arbeitet, lag für Eberhard Friedrich nahe, sich dort zu bewerben. Das einjährige Anstellungsverhältnis sei inzwischen noch einmal um weitere drei Monate verlängert worden, erzählt er – doch im Dezember ist endgültig Schluss. Eberhard Friedrich will dennoch den Kopf nicht in den Sand stecken: „Ich will arbeiten und ich werde arbeiten“, sagt er. So lange er nichts anderes finde, wolle er ehrenamtlich weiter bei der Kleiderbörse anpacken.

Der Bundesfreiwilligendienst sei auf jeden Fall eine positive Erfahrung – „allein, weil ich ganz viele Kontakte knüpfen konnte“. Und die Bildungstage, die einmal im Monat vom Paritätischen Wohlfahrtsverband für die Freiwilligen angeboten werden, bringen ihm auch für eventuelle künftige Beschäftigungen Gewinn. Als nächstes steht zum Beispiel ein Auffrischungskurs für die Fahrerlaubnis auf dem Programm.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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