Prozess : Nach Messerattacke in Hagenow: „Das war keine Notwehr“

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Vier Jahre Haft nach Messerattacke während Stadtfest in Hagenow. Verteidigung will Urteil anfechten

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02. Mai 2018, 20:30 Uhr

Fünf Jahre nach einem blutigen Streit auf dem Altstadtfest in Hagenow hat das Landgericht Schwerin ein erstes Urteil gefällt. Ein inzwischen 30 Jahre alter ehemaliger Motorradrocker soll wegen gefährlicher Körperverletzung für vier Jahre ins Gefängnis. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er einen damals 19 Jahre alten Jugendlichen und dessen 48-jährigen Vater mit seinem Messer schwer verletzt hat. Vorher verprügelte er einen Kumpel des Jugendlichen.

Anlass des Streits war eine beifällige Bemerkung über die „Kutte“ der „Schwarzen Schar“, die der Angeklagte trug. Der Motorradclub hatte sein Quartier in Wismar, bis er Anfang 2014 von Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) verboten wurde. Seine Mitglieder waren zu oft durch Straftaten aufgefallen.

Vor fünf Jahren trug der Angeklagte seine bis unters Ohr reichenden Tattoos noch gern zur Schau. Vor Gericht versuchte er sie unter einem hohen Kragen zu verbergen. Auch will er von der Staatsanwaltschaft nicht die „Kutte“ zurückhaben, die den Streit auslöste. Als er im Juni 2013 mit Freundin und Bekannten auf dem Weg zum Hagenower Altstadtfest war, war er anders. Da „fuhr er schnell hoch“, so der Vorsitzende Richter, was mit seiner „unglückseligen Mitgliedschaft bei der Schwarzen Schar“ zusammenhängen könnte. Im Vorbeigehen raunte ein Jugendlicher: „Oh, Schwarze Schar“, der Angeklagte will „Scheiß Schwarze Schar“ verstanden haben. Laut Gericht ging er auf den Jugendlichen los und zückte sein Messer. Der andere gab Fersengeld und telefonierte mit seinem Vater. Der Angeklagte verprügelte inzwischen einen Freund des Jugendlichen, weil er dessen Telefonnummer nicht herausrückte.

Ob Zufall oder Absicht blieb unklar, jedenfalls trafen Vater und Sohn kurz darauf auf den Angeklagten. Der Vater wollte „etwas klären, aber keine Schlägerei“. Unversehens sah er sich nach einigen gegenseitigen Schubsern dem Messer gegenüber, von dem der Angeklagte auch gegen den Sohn alsbald Gebrauch machte, so das Gericht. Die Richter glaubten den Opfern und deren Freunden mehr als den Bekannten des Angeklagten, die als Zeugen vor Gericht in der Regel angaben, kein Messer und kein Blut gesehen zu haben. Dabei hatte der Angeklagte die Stiche zugegeben, auch wenn er in Notwehr gehandelt haben will. „Das war keine Notwehr“, so der Vorsitzende Richter, „Sie hätten weglaufen oder sich mit den Fäusten wehren können.“ Der Verteidiger des Angeklagten will das Urteil dennoch anfechten.

Ins Strafmaß ist ein Urteil wegen Drogenhandels aus dem Jahr 2014 eingepreist. Der 30-Jährige hat die Haftstrafe bislang nicht antreten müssen. Außerdem gelten sechs Monate als verbüßt, weil der Angeklagte sehr lange auf den Prozess warten musste. Der Fall wurde mehrfach zwischen dem Amtsgericht Hagenow und dem Landgericht hin- und hergeschoben, bis endlich klar war, welches Gericht zuständig ist. Die Dauer des Verfahrens sei „schlecht“, räumte der Vorsitzende Richter denn auch ein.

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