Sperma Konservierung : Nach Krebsdiagnose: Gesund oder Vater?

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Wenn das Geld darüber entscheidet, ob junge Krebspatienten Eltern werden können oder nicht

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18. Januar 2018, 13:46 Uhr

Noch immer passiert etwas mit mir, wenn ich diesen Satz schreibe: Ich hatte Krebs. Fast zwei Jahre ist es her. Die Narben bleiben. Oberflächlich auf der Haut. Viel tiefer im Kopf. Ob ich will oder nicht.

Etwa 15 000 Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 39 Jahren erkranken in Deutschland an Krebs. Jährlich. Etwa 80 Prozent können geheilt werden. Ein schmerzhafter Erfolg: Die Medikamente bekämpfen die bösartigen Zellen. Sie heilen, schenken Leben. Aber gleichzeitig haben sie die Kraft, zu zerstören. Die eigentlich gesunden Zellen. Das Sperma. Die Eizellen. Ein neues Leben.

Die bittere Wahrheit ist: Wer als junger Krebspatient kein Geld hat, kann sich von dem Wunsch verabschieden, irgendwann dieses Glück zu spüren – das eigene Kind in den Armen halten. Schuld daran ist das Regelwerk der gesetzlichen Krankenkassen. Genauer: Satz 5 des § 27 SGB V. Eine durch die Krebstherapie herbeigeführte Unfruchtbarkeit ist nach dem Sozialgesetzbuch keine Erkrankung. Spermien und Eizellen noch vor der Chemotherapie oder der Bestrahlung zu gewinnen und sie einzufrieren; das ist laut Gesetz eine Vorsorge. Sie wird nicht bezahlt.

So kommt es, dass sich Betroffene in den Tagen der Krebsdiagnose mit dem Geld beschäftigen müssen. Und mit der Zukunft. Obwohl sie nicht einmal wissen, ob da eine ist. Konfrontiert werden sie mit einer Preisliste, die sich liest wie die Frühbucheroffensive eines Reisebüros. Frauen: Entnahme und Einfrieren von Eizellen 3500 bis 4300 Euro. Männer: Entnahme und Einfrieren von Sperma 300 bis 500 Euro. Entnahme von Hodengewebe 800 bis 1500 Euro. Kosten der jährlichen Lagerung jeweils 300 Euro. Wer mit 20 Jahren erkrankt und die Einlagerung zwei Jahrzehnte behält, bezahlt insgesamt zwischen 6000 und 10 000 Euro.

Als mir der Arzt sagte, ich hätte Lymphdrüsenkrebs, war ich 25 Jahre alt, ein Student und Volontär ohne Partnerin. Zeit zum Überlegen blieb nicht. Keine 24 Stunden nach der Diagnose wurde ich zum Rostocker Kinderwunschzentrum geschickt. Meine Eltern sagten, sie übernähmen die ersten Kosten. Danach, so verblieben wir, würden wir uns die jährliche Miete teilen. Das Masturbieren an jenem Tag kostete sie 352,89 Euro inklusive 56,34 Euro Mehrwertsteuer. Geld, das ich ohne sie nur schwer hätte aufbringen können. Und als Mann bin ich gar im Glück.

Im vorigen November lud die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs zu einer Pressekonferenz in Berlin. Neben mir waren noch fünf andere ehemalige Patienten als Ansprechpartner für die Presse dabei. Carolin, 29 Jahre alt, Gebärmutterhalskrebs mit Lymphknotenbefall in Hals und Becken, nahm sich das Mikrofon und begann zu reden. Die Ärzte, sagte sie, hätten sie nicht einmal über Maßnahmen zum Erhalt der Fruchtbarkeit aufgeklärt. Dass sie einmal Kinder kriege, sei wegen der aggressiven Behandlung sehr unwahrscheinlich. Ihre Stimme fing an zu stocken. „Der Sinn des Lebens als Frau für mich ist, Kinder zu bekommen. Ich glaube trotzdem daran.“

Dann war da Kathrin, 39, die vor neun Jahren an Lymphdrüsenkrebs erkrankte. Damals ließ sie sich einen Teil des rechten Eierstocks entfernen und einfrieren. Sie setzte sich eine Grenze. Bis 35 wollte sie Mutter werden. Kathrin weinte, als sie erzählte, niemanden gefunden zu haben. Die Lagerung ließ sie vernichten. Auch wegen der Kosten, sagte sie.

Nur schwer ist es zu verstehen: Dass für eine Chemotherapie oder eine Bestrahlung Zehntausende Euro bereitgestellt werden – unabhängig davon, wie der Erkrankte gestellt ist. Geht es aber um die Zukunft, und mit ihr die Gedanken an eine bessere Zeit, lässt man junge, vom Krebs traumatisierte Menschen alleine; in einem Lebensabschnitt, der gekennzeichnet ist vom steten Wandel und der Suche nach sich selbst. Geld richtet über Glück und Leben. Heilen und zerstören.

Bei einem Nachsorgetermin kam ich mit meinem Onkologen ins Gespräch. Eigentlich ist er ein ruhiger Typ. Lieber ein Wort zu wenig als zu viel. „Unglaublich“, sagte er. „Ich meine: Wenn dich an deinem Körper irgendetwas stört, zahlen die Krankenkassen sogar oft.“ Er schüttelte den Kopf. „Und junge Menschen mit Krebs…“

Das Gesundheitsministerium Mecklenburg-Vorpommerns machte auf Nachfrage nicht den Eindruck, sich des Problems bewusst zu sein. Nicht einmal Minister Harry Glawe (CDU) ließ sich zitieren. Jener Politiker, der im letzten Jahr am Weltkrebstag dazu aufforderte, Wissenslücken beim Thema Krebs auszuräumen. Der Pressesprecher Gunnar Bauer schrieb, das sei ein spannendes Thema. Man müsse es inhaltlich stärker diskutieren. Krebskranke Menschen sollten die Chance erhalten, auch nach der Therapie Kinder zu bekommen. Allerdings, das schob er ein, sei der Bundesgesetzgeber gefordert. Keine Meinung hat die Kassenärztliche Vereinigung des Landes. Ihre Antwort: Sie ist nicht zuständig.

Die Lösung wäre simpel. Sie ist sogar schon da. Ausgearbeitet von der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs sowie der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). Ihr Vorschlag beschränkt sich auf die Änderung des Wortlautes in Satz 5 des § 27 SGB V. Geholfen wäre damit Tausenden. Im Hier und Jetzt. In der Zukunft.

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