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"Kultur des Hinsehens" zeigt Wirkung : Nach Fall Lea-Sophie: Mehr Kinder im Heim

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In MV wachsen überdurchschnittlich viele Kinder in Pflegefamilien oder Heimen auf. Das ist das Ergebnis einer Analyse des Forschungsverbundes Deutsches Jugendinstitut an der Technischen Universität Dortmund.

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erstellt am 23.Jan.2012 | 08:20 Uhr

Schwerin/Dortmund | In Mecklenburg-Vorpommern wachsen überdurchschnittlich viele Kinder in Pflegefamilien oder Heimen auf. Das ist das Ergebnis einer Analyse des Forschungsverbundes Deutsches Jugendinstitut an der Technischen Universität Dortmund. Unter den 30 Landkreisen und kreisfreien Städten, in denen im Jahr 2009 die meisten Kinder und Jugendlichen (je 10 000 unter 18-Jährige) in Pflegefamilien oder Heimen lebten, sind gleich acht aus MV: Rostock (203,2), Güstrow (204,6), Demmin (211,2) Neubrandenburg (221,4), Uecker-Randow (235,7), Greifswald (257,7), Schwerin (261,1) und Stralsund (320,4). Die Hansestadt nimmt damit hinter Neumünster (377,3) sogar bundesweit den zweiten Platz ein.

Regionale Sensibilisierung

Die totalen Zahlen klingen indes weniger schlimm: Nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Schwerin wurden im Jahr 2010 im Land 1406 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre in einer Pflegefamilie betreut. 1455 Kinder und Jugendliche waren in Heimen und besonderen Wohnformen untergebracht.

Am seltensten leben Kinder und Jugendliche im Bodenseekreis (17,1), in Emden (19,3) und im Kreis Oldenburg (21,6) getrennt von den Eltern in Pflegefamilien oder Heimen.

Einen wichtigen Grund für den hohen Anteil von Kindern in Pflegefamilien und Heimen sieht Dr. Jens Pothmann von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat) in der "Kultur des Hinsehens": Dort, wo die Öffentlichkeit durch Fälle extremer Kindesvernachlässigung und -misshandlung mit Todesfolge erschüttert wurde, sei sie auch mehr als in anderen Regionen dafür sensibilisiert, bei Verdachtsfällen das Jugendamt einzuschalten. Neben MV, wo 2005 der Tod der kleinen Lea-Sophie aus Schwerin für Aufsehen sorgte, wiesen daher Hamburg, Bremen und das Saarland besonders hohe Zuwächse bei der Inanspruchnahme aller Formen von Hilfen zur Erziehung - also u. a. Erziehungsberatung, soziale Gruppenarbeit oder sozialpädagogischer Einzelbetreuung - auf.

Die steigenden Fallzahlen in den Hilfen zur Erziehung seien darüber hinaus in Verbindung zu den sich verschlechternden sozioöknomischen Lebenslagen für Familien und den brüchiger werdenden Familienkonstellationen zu sehen, konstatieren Pothmann und seine Kollegen. Knapp 61 Prozent der Familien, die Hilfe bekommen, müssten sich ganz oder teilweise über Arbeitslosengeld II, Grundsicherung oder Sozialhilfe finanzieren. Jede zweite 2010 begonnene Hilfeleistung sei Alleinerziehenden gewährt worden.

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