Nach dem Schock: Normal weiterleben

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Prof. Dr. Andreas Broocks, Ärztliche Direktor der Carl-Friedrich-Flemming-Klinik

svz.de von
08. Juni 2012, 07:22 Uhr

Schwerin | Der 14-Jährige, der am Donnerstagnachmittag von der oberen Etage der Marienplatz-Galerie gestürzt war, ist seinen schweren Verletzungen erlegen, bestätigten gestern die Helios Kliniken. Dort war er wegen psychischer Probleme in Behandlung gewesen. Er hinterließ einen Abschiedsbrief.

Der Suizid in aller Öffentlichkeit hat bei vielen Schwerinern Betroffenheit ausgelöst, aber auch Ratlosigkeit, Erschütterung und Fragen. Wie ist mit einem so schrecklichen Ereignis umzugehen, wie kann man so eine Tragödie verarbeiten - und vor allem: Wie lässt sich so etwas verhindern? Auf der Internet-Plattform der SVZ und auf Facebook haben sich zahlreiche Leser zu Wort gemeldet, drücken ihr Beileid aus und suchen Antworten. Die sind aber nicht einfach zu geben.

Schwerins Amtsärztin Renate Kubbutat empfiehlt unmittelbar Betroffenen, die Hilfe von Nofallseelsorgern in Anspruch zu nehmen. Für Schwerin und Umgebung vermitteln die Johanniter diese Hilfe. Zu erreichen sind sie unter Telefon 03866-46 22 0.

Anja Kamitz von den Johannitern macht indes darauf aufmerksam, dass dies nur die Notfallbegleitung ist. Mittelbar Betroffene, etwa Augenzeugen oder Freunde, sollten sich bei Bedarf professionelle Hilfe bei Psychologen holen oder in Selbsthilfegruppen austauschen oder mit Geistlichen das Gespräch suchen.

Darüber reden und nicht im Schockzustand erstarren, das ist zusammengefasst auch der Rat, den Prof. Dr. Andreas Broocks, Ärztliche Direktor der Carl-Friedrich-Flemming-Klinik Schwerin und der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, gibt. "Wer Augenzeuge einer so schrecklichen Sache wird, der gerät in eine akute Belastungssituation. Man bekommt die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, kann den Schreck nicht loswerden, hat Albträume. Doch das ist nicht besorgniserregend, das ist nach so einer Situation das Normale", betont der erfahrene Arzt. Wichtig sei, mit dem Schock richtig umzugehen. "Mein Rat lautet: Ganz normal weiterleben, möglichst rasch zur Normalität zurückkehren. Man kann die Symptome nicht unterdrücken, nicht verdrängen, deshalb muss man damit leben, und zwar möglichst unaufgeregt. Ein großes Problem aus so einem Ereignis zu machen, und sei es noch so furchtbar, ist genau verkehrt", sagt der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Gleich zum Psychologen zu rennen, sei aus seiner Sicht im Normalfall weder notwendig noch sinnvoll, gegebenfalls könne man sich beim Hausarzt ein Schlafmittel verschreiben lassen.

Prof. Broocks betont, dass ein Unfall, ein Unglück und auch der Tod zur Realität gehört. Das sollte man auch Kindern sagen, die etwas Schreckliches erlebt haben. "Erwachsene sind für Kinder Vorbilder. Sie sollten zeigen, dass sie angstfrei mit tragischen Situationen umgehen, denn das Leben geht weiter." Um das Erlebte möglichst rasch zu verarbeiten, können nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Psychologen neben dem "darüber reden" aber auch schöne Erlebnisse helfen, die auch sonst für die Betroffenen einen hohen Stellenwert haben. "Das kann für den einen Sport sein oder ein Konzert, für den anderen auch Shoppen oder einen Film anschauen", sagt Prof. Dr. Broocks.

Doch lassen sich solche tragischen Ereignisse nicht verhindern? "Der Junge muss sich in einer ausweglosen Situation befunden haben" oder "wie verzweifelt muss der Junge gewesen sein?", schreiben SVZ-Leser auf Facebook. In der Tat ist es bitter, dass die psychologische Behandlung nicht erfolgreich war. "Ich würde raten, den anderen mit Problemen nicht allein zu lassen", sagt der Chefarzt. "Auch Kinder können erkennen, wenn ihr Freund oder Banknachbar in der Schule traurig ist. dann zu fragen, kann schon helfen", betont prof. Dr. Broocks.


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