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Polit-Prominenz in Stolpe : MV im Ausnahmezustand

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein kleiner Ort bekommt hohen Besuch: Wie ein Dorf bei Anklam sich für Merkel und die Ost-Ministerpräsidenten rüstete – und warum der Bürgermeister nur durch Zufall vom Treffen erfuhr

Die Sonne scheint. Draußen ist nur das Gezwitscher der Vögel zu hören. Es ist die Ruhe vor dem Sturm in Stolpe an der Peene. Einen Tag später drängen sich Journalisten von ZDF, RTL, NDR und vielen anderen Medien auf dem Rasen vor dem Gutshaus des Ortes. Der Hof ist voller Autos. An jeder Ecke steht Sicherheitspersonal. In dem Relais & Chateaux-Hotel findet die diesjährige Konferenz ostdeutscher Regierungschefs statt. Neben den Ministerpräsidenten aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und dem Berliner Bürgermeister ist auch Bundeskanzlerin Angela Merkel angereist. Ein besonderer Tag für den Ort mit 180 Einwohnern in Vorpommern.

 Im Gutshaus laufen die Vorbereitungen schon seit Monaten. In Abstimmung mit der Staatskanzlei in Schwerin als Gastgeber der Konferenz mussten die Räume ausgewählt, die Tischordnung bestimmt und das Menü geplant werden. Um die Sicherheit für alle Beteiligten zu gewährleisten, wurden alle Mitarbeiter im Vorfeld überprüft. Einen Tag vor der Konferenz geht es dann nur noch um Feinheiten: „Nun wird nochmal alles poliert“, sagt Hoteldirektorin Annamarie Klostermann. Da ihr Haus einen gewissen Standard hat, wird sowieso immer darauf geachtet, dass alles seine Ordnung hat. „An so einem Tag muss es aber zu 150 Prozent stimmen.“ Es sei etwas Besonderes für Stolpe und auch für das Gutshaus, dass die Kanzlerin und mehrere Ministerpräsidenten kommen. Allerdings ist es nicht der erste Staatsbesuch in dem kleinen Ort an der Peene: 2009 war der damalige Bundespräsident Horst Köhler zu Gast. An diesen Tag erinnert sich Bürgermeister Marcel Falk (parteilos) gerne. Er und Horst Köhler seien damals mit dem Schiff von Stolpe nach Anklam gefahren. „Da waren wir unter vier Augen und ich konnte ihm mal die Anliegen einer kleinen Gemeinde wie Stolpe nahebringen“, sagt der 39-Jährige.

Diesmal sei es jedoch ganz anders. Lediglich aus der Zeitung habe er zwei Tage vor der Konferenz davon erfahren, dass die Regierungschefs samt der Bundeskanzlerin in Stolpe tagen. Das habe ihn sehr traurig gemacht. Da ein Tagesordnungspunkt die Förderung strukturschwacher Regionen ab 2020 ist, hätte er gerne die Ideen seiner Gemeinde vorgestellt. Nachdem er am Montag im Bundeskanzleramt sowie in der Staatskanzlei Mecklenburg-Vorpommerns nachfragt hat, darf er nun zumindest die Kanzlerin begrüßen. Außerdem trägt sich Angela Merkel in das Gästebuch der Gemeinde ein. Kurzfristig werden ihm dann auch noch zwei Minuten Redezeit vor den sechs Ministerpräsidenten eingeräumt.

Warum ausgerechnet Stolpe?
Einmal im Jahr kommen die Regierungschefs der ostdeutschen Bundesländer zusammen. Gastgeber ist immer das Vorsitzland in der Konferenz der ostdeutschen Regierungschefs. 2016 hat Mecklenburg-Vorpommern den Vorsitz. Kanzlerin Angela Merkel nimmt als Gast für anderthalb Stunden an der Konferenz teil. Schwerpunkte der Gespräche sind die Förderung strukturschwacher Regionen ab 2020, die Rentenangleichung Ost-West sowie das Thema Netzentgelte und die faire Verteilung der Netzausbaukosten. Da es bereits zwei Treffen norddeutscher Ministerpräsidenten in diesem Jahr in Mecklenburg gab, hat sich die Schweriner Staatskanzlei entschieden, dieses Treffen im vorpommerschen Teil des Landes abzuhalten. Nach der Besichtigung verschiedener Orte fiel die Wahl auf Stolpe an der Peene. Zum einen wegen der Nähe zur Autobahn und den Tagungsmöglichkeiten auf dem Gelände. „Vor allem aber ist das Gutshaus ein wunderschöner Ort. Eine überregionale Veranstaltung dort ist beste Werbung für Mecklenburg-Vorpommern“, so Regierungssprecher Andreas Timm.

 

Hoteldirektorin Annamarie Klostermann freut sich, den hohen Besuch in ihrem Hause begrüßen zu dürfen. „Wir wollen zeigen, dass wir in Vorpommern nicht hintendran hängen, nur weil wir hier draußen auf dem Land sind“, sagt sie fest entschlossen. Neben Tagungsräumen in liebevoll renovierten ehemaligen Stallungen und einem gemütlichen Gutshaus mit Übernachtungsmöglichkeiten können sie auch mit gehobener Küche aufwarten. Sternekoch Björn Swanson und sein Team bereiten für die Politiker ein regionales Drei-Gänge-Menü zu. Als Hauptgang gibt es Rücken und Schulter vom ostvorpommerschen Reh. Für den Küchenchef ist es ein besonderer Tag. Zwar habe er bereits in anderen Häusern für Politiker wie den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und für Bundespräsident Joachim Gauck gekocht – damals war er jedoch nicht Chef der Küche.

Die Bundeskanzlerin kommt erst um zwei Uhr nachmittags an. Die Hotelbelegschaft wie auch der Bürgermeister würden dem hohen Besuch gern zeigen, wie schön es in einer strukturschwachen Region  sein kann. Viel Gelegenheit bekommen sie dazu allerdings nicht. Angela Merkel bleibt nur anderthalb Stunden. Gemeindeoberhaupt Marcel Falk freut sich trotzdem, dass die Konferenz in seiner „Perle am Amazonas des Nordens“ tagt. „Ich sehe es als Anerkennung für den Ort und auch für das Hotel.“

Mit Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering konnte er bereits darüber sprechen, gerne hätte der ehrenamtliche Bürgermeister aber auch der Kanzlerin und den anderen Regierungschefs sein dringendstes Anliegen vorgetragen: ein Radweg entlang der B110 von Anklam nach Jarmen – an dem auch Stolpe liegt. In seiner kurzen Redezeit vor der Konferenz spricht er den Wunsch seiner Gemeinde zumindest an. „Seit 15 Jahren kämpfe ich nun schon dafür“, sagt er. Über den Bau eines solchen straßenbegleitenden Radwegs an einer Bundesstraße entscheidet der Bund sowie ein Gremium von Politikern aus allen Bundesländern. „Ich hätte ihnen hier live zeigen können, warum wir diesen Weg dringend brauchen“, so Falk. Ein kleiner Trost: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow nimmt sich Zeit und geht mit Marcel Falk eine Runde durch den Ort.

 

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