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Die Fliegenfischerinnen

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erstellt am 20.Apr.2012 | 08:25 Uhr

Snorre hat Geduld. Viel Geduld. "Geraldine, du musst den Arm fest am Körper halten. Nur den Unteram vor- und zurückbewegen und dir eine Uhr vorstellen. Dann nimmst du die Angelrute bei acht Uhr auf, schwingst sie auf ein Uhr zurück und wirfst sie auf halb elf nach vorne", ruft er gegen den Wind, während Geraldine sich abmüht, beim Hin- und Herschwingen keinen Knoten in die Schnur zu bekommen. Claudia, Geraldine, Karen und Alexandra, vier Frauen aus Deutschland, üben auf einer grünen Wiese am Ufer der Trysileva die richtige Wurftechnik fürs Fliegenfischen. Trysil, drei Autostunden von Oslo entfernt, ist ein gutes Angelrevier für Forellen, Äschen, Felchen und Hechte.

Snorre Grønnæss ist Lehrer und seit zwölf Jahren auch Fliegenfischer-Guide. An diesem Wochenende setzt er alles daran, die vier Lernwilligen in die hohe Kunst des Fliegenfischens einzuweihen. Dabei geht es nicht um Kraft, sondern um die richtige Technik, Geschick und Geduld. "Tausend Fliegen habe ich immer in meinen Holzschachteln dabei, wenn ich zum Fischen losziehe", meint Snorre: "Trotzdem fehlt manchmal die richtige." Denn Fliegenfischen ist eine Wissenschaft für sich. "Man muss den Fluss genau beobachten", sagt der 65-Jährige: "Entdecken, von welchen Insekten sich die Fische gerade ernähren und dann die richtige Fliege einsetzen."

Der Name Fliegenfischen entstand durch die Art der Ködernachahmung. Man imitiert die natürlichen Beutetiere der Fische. Aber es kommen auch frei erfundene Reizfliegen zum Einsatz. Gefertigt werden die Fliegen aus Fell, Federn, Kunststoff und einem Haken. Je nachdem, ob der Köder auf oder unter der Wasseroberfläche eingesetzt werden soll, kann man Trocken-, Nassfliegen, Nymphen oder Streamer benutzen.

Ab und zu fischt Snorre auch mal fürs Mittag- oder Abendessen. Aber eigentlich ist das Fliegenfischen nur ein Sport. Jedes Mal eine neue Herausforderung. Man(n) und auch Frau fischt, um zu fischen. Nicht um den Fisch zu essen. Die meisten Fische werden wieder ins Wasser entlassen. Mit etwas Gespür lassen sie sich ganz einfach von der Fliege lösen und ziehen sich auch keine Verletzungen zu. "Tierquälerei ist es nicht. Fische sind dumm", behauptet Snorre und grinst: "Sie "denken" nur ans Fressen und schnappen wieder zu, wenn ihnen die richtige Fliege serviert wird."

Vor der Hütte "Fliegenzone" mit Blick auf die Trysilelva erwartet der Guide die vier Frauen am nächsten Vormittag. Er verteilt Wathosen (wasserdichte Gummihosen), Schirmmützen und Polarisationsbrillen. "Um sich vor Verletzungen beim Werfen der Fliege zu schützen, sollte man immer eine Brille und eine Mütze tragen", rät er. Eine Polbrille ermöglicht zusätzlich einen besseren Blick auf die Fische im Wasser. Damit man auf dem steinigen oder sandigen Untergrund im Fluss nicht ausrutscht, hat Snorre aus starken Ästen für jede Frau eine Art Nordic-Walking-Stock gebastelt, den sie sich um die Hüfte binden kann und der Halt gibt. Als Köder verteilt er einen "Pink Panther", eine Nymphe.

Fertig ausgestattet traben die angehenden Fliegenfischerinnen durch den Wald hinunter zum Fluss. Langsam tasten sie sich auf den glitschigen Steinen weiter ins Wasser hinein, das um ihre Beine gurgelt. Trotz der Wathosen ist es ziemlich kalt. Um sie herum herrscht Bilderbuchwetter: Tiefblauer Himmel. Die Sonne lässt Sterne auf dem Wasser tanzen. Heidesträucher säumen das Flussufer. Auf der gegenüberliegenden Seite thront das mächtige Trysilfjellet-Gebirge. Es ist im Winter eines der größten Skigebiete Norwegens. Nacheinander werfen die vier Frauen ihre Angelruten aus. So, wie sie es am Tag zuvor gelernt haben.

Richtig bekannt wurde das Fliegenfischen in Europa 1992 durch Robert Redfords Film "Aus der Mitte entspringt ein Fluss". Er erzählt die Geschichte zweier charakterlich ungleicher Brüder, die nur die Liebe zum Fliegenfischen verbindet.

"Ihr müsst aufs Wasser und nicht in die Luft schauen", ruft Snorre vom Ufer aus den noch erfolglosen vier Frauen zu: "Ihr müsst auf den Fisch zugehen. Der Fisch kommt nicht zu euch." Geduldig lassen die vier immer wieder die Schnur um ihren Kopf schwirren und auf dem Wasser tanzen. "Hier zappelt etwas", kreischt es plötzlich von der Mitte des Flusses. Snorre greift zur Kamera und zum Watstock und eilt der Fischerin zur Hilfe. Es ruckt an der Schnur. Tatsächlich. Bei Claudia hat eine kleine Äsche angebissen. "Bitte kurz fürs Erinnerungsfoto in die Luft halten." Und schon schwimmt der Fisch wieder im Wasser und wartet auf die nächste Fliege.

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