Neubrandenburg : Muss Marx stehen oder liegen?

Noch liegt Marx: die Bronzestatue vor einer Lagerhalle    Fotos: Sauer
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Noch liegt Marx: die Bronzestatue vor einer Lagerhalle Fotos: Sauer

Stadtvertreter vertagen Entscheidung: Neubrandenburger Bronzestatue bleibt vorerst weiter im Depot

svz.de von
22. März 2018, 20:30 Uhr

Soll fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR ein großes Karl-Marx-Denkmal stehend oder doch liegend wieder aufgestellt werden? Gestern wollten die Stadtvertreter in Neubrandenburg nach monatelangem Hin und Her entscheiden – und vertagten den Beschluss. Den Abgeordneten lagen zwei Varianten vor: Die Linken wollen nur eine aufrechte Neuaufstellung der 2,20 Meter großen Bronzestatue von Marx (1818-1883) im Zentrum akzeptieren. Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos) hat dagegen vorgeschlagen, die Statue in 90 Zentimetern Höhe liegend zu präsentieren. Damit solle zur Diskussion um die Stadtgeschichte angeregt werden, erklärte der 39-jährige Witt nach Beratungen mit Fachleuten. Auch Historiker sprachen sich für diese ungewöhnliche Präsentation aus. Eine Stellungnahme des Denkmalamtes und des Bildhauers steht noch aus. Am 5. Mai ist der 200. Geburtstag von Marx.

Die Statue des Philosophen, der als Begründer des Marxismus-Leninismus gilt, war 1969 anlässlich des 20-jährigen DDR-Jubiläums auf dem Markt, der damals Karl-Marx-Platz hieß, aufgestellt worden. Der Platz wurde nach der Wende umbenannt. Die Statue kam wegen Bauarbeiten 1995 vor die heutige Bibliothek und wurde 2001 aus Sicherheitsgründen eingelagert.

Nach 1989 wollten viele Ostdeutsche Denkmäler von Marx, Lenin oder Thälmann nicht mehr sehen. Trotzdem „überlebten“ einige. In Schwerin bekam das Lenin-Denkmal eine Erklär-Tafel. In Stralsund steht Thälmann noch ohne Diskussion. Um eine schwebende Marx-Statue wird heftig gestritten.

Neubrandenburgs OB will das Denkmal liegend im Zentrum platzieren. „Das geht gar nicht“, heißt es bei den Linken, die den Philosophen nur „stehend“ akzeptieren wollen. Sie haben mit 12 Stimmen die größte Fraktion – auch wenn es bei der Abstimmung keinen Fraktionszwang geben sollte.

„Dass das Denkmal öffentlich gezeigt werden soll, ist unstrittig“, sagte Diana Kuhk, Fraktionsvorsitzende der CDU. Es sei aber sehr schwierig, nur dem Philosophen Marx im Osten Deutschlands gerecht zu werden. „Dazu sind viel zu viele Biografien betroffen.“ Andere Politiker sind da pragmatischer.

SPD-Fraktionschef Michael Stieber kann dem „schwebenden Marx“ etwas abgewinnen. „Ich finde die Idee – liegend – gar nicht schlecht.“ Das würde zum Nachdenken und viele Touristen zu einem Foto anregen. Auf jeden Fall dürfe Marx nicht wieder stehend im Zentrum stehen, als wäre nichts gewesen. „Man darf nicht vergessen: Die Statue wurde aus Anlass des 20. Jahrestages der DDR aufgestellt.“ Und nicht wegen der Gedanken des Mannes, sondern für Appelle und Aufmärsche. In den Fraktionen reichten die Einschätzung zum Witt-Vorschlag von „witzig und öffentlichkeitswirksam bis provozierend.“ Die Meinungen sind auch gespalten zwischen Heimischen und Zugezogenen, Älteren und Jüngeren.

Marx wäre übrigens nicht die erste liegende Denkmal-Variante. Nach langem Streit will die Stadt Wesel am Niederrhein ab April ein Denkmal des deutschen Kaisers Wilhelm I. (1797-1888) wieder öffentlich – und liegend – zeigen. Das Denkmal war 1946 vom Sockel gestürzt worden, in zwei Teile zerbrochen und seitdem eingelagert.

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