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Mecklenburg-Vorpommern

18. August 2017 | 20:29 Uhr

Musizieren mit Verzieren

vom

Die Schweizer Barockviolinistin Leila Schayegh spielt Bach mit der Mecklenburgischen Staatskapelle

Historische Aufführungspraxis Alter Musik beschert dem klassischen Konzertbetrieb neue Hörerlebnisse. So im 5. Sinfoniekonzert der Mecklenburgischen Staatskapelle, bei dem Leila Schayegh Johann Sebastian Bachs Violinkonzert d-Moll interpretiert. Sie ist eine hervorragende Barockviolinistin und in Basel auch forschend und lehrend zur historischen Art des Musizierens aktiv. Manfred Zelt befragte die preisgekrönte Solistin aus der Schweiz.

Frau Schayegh, was ist bei der Barockvioline anders als beim modernen Instrument, was bedeutet das für den Klang?
Ein barockes Instrument hat denselben Korpus wie ein modernes. Der Hals ist jedoch dicker, und vor allem wird er quasi parallel zum Korpus eingesetzt, so dass die Saiten im flacheren Winkel über den Steg laufen. Wir benutzen mindestens drei von vier Saiten aus reinem Darm. Und, ganz wichtig: Bögen, die man zu Bachs Zeiten benutzte, sind viel kürzer und leichter. Dies alles bewirkt einen helleren, obertonreicheren Klang, den man, je nach Instrument und Spieler, manchmal auch etwas sandig empfindet.

Was muss der Laie unter historischer Aufführungspraxis verstehen, wie unterscheidet sie sich von gegenwärtiger Spielweise?
Der größte Unterschied liegt in der Phrasierung, darin, wie eine Melodie „ausgesprochen“ wird. Ab der Romantik findet man vorwiegend sehr lange, gesungene Linien. Diese Ästhetik hat sich auch auf die Interpretation von Musik aus früheren Jahrhunderten übertragen. Doch die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts lebt vom Kontrast. Da gibt es in einem musikalischen Gedanken mindestens zwei Ideen, die man voneinander absetzen soll. Licht und Schatten wechseln schnell, eine lange Phrase ist Ausnahme, ein Effekt. Dem kommt das „alte“ Instrumentarium entgegen: Mit „altem“ Bogen ist es viel einfacher, im Detail abwechslungsreich zu gestalten. Dazu kommt das Wissen: Ein Musiker jener Zeit hatte viel mehr Freiheiten, war sogar aufgefordert, die Komposition zu verändern, zu verzieren. Kaum ein langsamer Satz kommt ohne ein Zutun des Interpreten aus. Das macht großen Spaß und ist auch für den Zuhörer toll. Es klingt jedes Mal anders.

Zum Musizieren gehört aber das Atmen, die Gefühlswelt des Interpreten, wie kann ein Zeitgenosse historischen Klang erzeugen?
Natürlich habe ich meine Erfahrung, meinen Werdegang. Trotzdem ist es möglich, sich in diesen Kontext hineinzuversetzen. Historische Aufführungspraxis ist für mich wie eine Sprache. Man kann sozusagen das Vokabular jener Zeit lernen. Wie ich mich dann auf dem Instrument ausdrücke, wird meiner Persönlichkeit entsprechen. Das ist aber nicht neu. Ich spiele anders als meine Kolleginnen, so wie Bach anders improvisiert hat als Händel oder Telemann. Zum Glück! Wenn man sich nicht traut, sein Herz einzusetzen, bleibt die Musik – in welchem Stil auch immer – nur leere Hülle.

Zu den Stichworten bei Alter Musik gehört der „Empfindsame Stil", bitte erklären Sie den Begriff.
Der Empfindsame Stil war eine Art Entwicklungs-Sackgasse im ausgehenden 18. Jahrhundert. Der berühmteste Vertreter war Carl Philipp Emanuel Bach, ein Bach-Sohn. Im Empfindsamen Stil wird oft eine musikalische Idee an die andere gereiht. Es ist, als würde jemand mit sich selbst über seine Gefühle sprechen statt eine ausgefeilte Rede zu halten, die Emotionen kommen unfiltriert heraus, deshalb der Begriff „empfindsam“. Wer sich als Zuhörer darauf einlässt, wird wie in einem fesselnden Roman in diesem Strom mitgerissen.

Konzert am 1. (18 Uhr) 2. und 3. Mai (19.30 Uhr). Dirigent: Daniel Huppert. Werke von Purcell, C.P.E. Bach und J.S. Bach sowie Grieg.

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erstellt am 28.Apr.2017 | 00:00 Uhr

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