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Mecklenburg-Vorpommern

16. Dezember 2017 | 10:26 Uhr

Musikfestival gegen rechte Gewalt

vom

svz.de von
erstellt am 15.Aug.2013 | 10:19 Uhr

Wismar | Wer als Besucher in die kleine Gemeinde Jamel im Kreis Nordwestmecklenburg kommt, kann auf den ersten Blick zunächst nichts Ungewöhnliches feststellen. Doch die Idylle des Dorfes ist trügerisch. Denn Jamel ist bis über die Landesgrenzen hinaus als Neonazi-Hochburg bekannt. Aufschluss darüber gibt schon das zentral gelegene Dorfgemeinschaftshaus, auf dem in großen Buchstaben die Worte "frei-sozial-national" prangen. Zwei der insgesamt 40 Einwohner haben sich vor einigen Jahren ein Herz gefasst und den Kampf gegen die rechtsextreme Atmosphäre aufgenommen: Birgit und Horst Lohmeyer. Seit 2007 organisieren sie jedes Jahr das Festival "Jamel rockt den Förster", mit dem sie ein Zeichen setzen wollen für Demokratie und Toleranz. An diesem Wochenende findet das Musikspektakel mit der politischen Botschaft bereits zum siebten Mal auf dem Gelände der Lohmeyers statt.

Das Ehepaar ist 2004 aus dem Hamburger Stadtteil Sankt Pauli nach Jamel gezogen, um zurückgezogener zu leben. "Wir sind die klassischen Großstadtflüchtlinge", sagt Birgit Lohmeyer. Dass ihr neuer Heimatort überwiegend von NPD-Anhängern bevölkert ist, haben die beiden schnell bemerkt. Öffentlich aktiv wurden sie schließlich, nachdem der Innenausschuss des Landtages eine Begehung des Dorfes organisiert hatte. "Wir haben das nur aus der Zeitung erfahren, wo zu lesen war, dass sich das ganze Dorf in rechter Hand befände", erzählt Horst Lohmeyer. Diese Behauptung hätten sie so nicht stehenlassen wollen. "Wir haben einen offenen Brief geschrieben, um klarzustellen, dass nur ein Teil des Dorfes unter rechtem Einfluss steht", so Lohmeyer. Auf diesem Wege hätten sie auch angestoßen, endlich einen Weg zu finden, um Jamel aus der Umklammerung der Rechten zu befreien. So sei die Idee des Festivals entstanden. "Wir zeigen damit, dass Mecklenburg-Vorpommern nach wie vor bunt ist und wir den Nazis nicht die Herrschaft überlassen", so Horst Lohmeyer.

Passend zur Botschaft ist auch das Festival-Programm bunt. Bei Ska-Musik, AC/DC-Covern oder Singer-Songwriter-Klängen kommen die Besucher voll auf ihre Kosten. Außerdem tritt auch in diesem Jahr die Band Etepetete auf. Der Auftritt der Wahlberliner ist in Jamel mittlerweile schon zur Tradition geworden. "Alles in allem sind die Musikstile sehr gemischt. Es ist wirklich für alle Altersklassen etwas dabei", so Birgit Lohmeyer. Ihr Mann ergänzt: "Wir bekommen mittlerweile auch viele Anfragen. Die Qualität ist sehr hochwertig."

Offizielle politische Diskussionsrunden wird es bei "Jamel rockt den Förster" nicht geben. "Wir wollen zeigen, dass Zivilcourage Spaß machen kann. Deshalb soll es keine Schulveranstaltung zum Thema Rechtsextremismus sein, sondern ein Musikfestival. Die Besucher haben aber alle ein Bewusstsein für den Ort, an dem es stattfindet", erläutert Birgit Lohmeyer.

Finanziert wurde das Spektakel in diesem Jahr zum ersten Mal durch ein Crowdfunding-Projekt. Dazu haben die Lohmeyers auf einer Internet-Plattform ihr Festival vorgestellt und dazu aufgerufen, es zu unterstützen. Auf diesem Wege sind insgesamt 6300 Euro zusammengekommen, von denen 6000 in das Festival fließen werden. Das restliche Budget wird zum Einen vom Kleinprojekteprogramm der Landeszentrale für politische Bildung, zum Anderen von kleineren Spendern gedeckt. So hätten unter anderem auch eine lokale Sparkasse und die Kulturabteilung des Landkreises einen Teil beigesteuert. Durch ihr offenes politisches Engagement haben sich die Lohmeyers in Jamel viele Feinde gemacht. "Wir haben viel erleiden müssen, Sachbeschädigung, Diebstahl und viele andere Sachen", berichtet Birgit Lohmeyer. Die Neonazis hätten beispielsweise einmal eine tote Ratte in ihren Briefkasten gelegt, ein anderes Mal hätten sie diesen gleich komplett gestohlen, so die 54-Jährige. "Diese Menschen auf der anderen Dorfseite schränken unsere Lebensqualität massiv ein."

Trotz allem kommt ein Umzug für das Ehepaar nicht in Frage. "Von der Landschaft und der Umgebung an sich ist das hier unser erfüllter Lebenstraum. Und den wollen wir mit allen Mitteln verteidigen", betont Birgit Lohmeyer.

Die Aktion hat über Jahre immer mehr Anhänger bekommen. Dabei war der Andrang bei der ersten Veranstaltung 2007 bei weitem nicht groß. "Dieses Dorf ist so verrufen, dass unser Festival am Anfang noch sehr verhalten aufgenommen wurde", so Horst Lohmeyer. Mittlerweile hat sich das Engagement der Wahl-Mecklenburger allerdings auch über die Landesgrenzen hinaus herumgesprochen. So sind im vergangenen Jahr schon stolze 400 Besucher nach Jamel gepilgert. Auf diese Zahl hoffen die beiden auch in diesem Jahr. Mit ihrem bisherigen Erfolg zufrieden sind sie auf jeden Fall. "Das Festival hat schon eine ganze Menge bewirkt. Wir motivieren damit viele Menschen und bringen rüber, dass wir das Problem des Rechtsradikalismus nur gemeinsam in den Griff bekommen können", so Horst Lohmeyer.

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