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Starcellistin Sol Gabetta spielte mit der Amsterdam Sinfonietta : Musikalität und Leidenschaft

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Sol Gabetta atmet erleichtert durch. "Das letzte Mal, als ich hier in Ulrichshusen war, herrschten gefühlte 40 Grad und die Scheune war eine Sauna. Da ist es heute ein viel besseres Gefühl.

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erstellt am 08.Jul.2013 | 06:41 Uhr

Ulrichshusen | Sol Gabetta atmet erleichtert durch. "Das letzte Mal, als ich hier in Ulrichshusen war, herrschten gefühlte 40 Grad und die Scheune war eine Sauna - da ist es heute ein viel besseres Gefühl." Nun trägt die argentinische Spitzencellistin die Sonne ja nicht nur im Namen, sondern versprüht auch einen entzückenden lateinamerikanischen Charme, der alle Menschen in ihrem Umfeld auf der Stelle strahlen lässt; doch manchmal kann es eben auch für ein Sonnenkind zu viel der Glut sein, und so sind nicht nur die Solistin, sondern auch ihr Publikum an diesem Festspiel-Nachmittag dankbar über die lediglich sommerlich-warmen Temperaturen.

Zumal schon ihr Programm vor dem Konzert dicht gepackt ist. Doch die zarte, kleine Frau mit den blonden Haaren lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: So wie Sol Gabetta schon auf der Autofahrt nach MV in aller Seelenruhe ihre Gesangspassage für das Cellokonzert "Klatbutne" von Peteris Vasks geprobt hat - ganz am Ende muss sie hier über der Cellostimme nämlich mit einer choralartigen Melodie auch noch ihre (beeindruckend nachtigallreinen!) gesanglichen Qualitäten beweisen -, sitzt die 31-Jährige nun inmitten der Besucher beim Mittagessen am Schlossgraben. "Fisch ist immer gut", kommentiert sie verschmitzt das gebratene Filet vom Wildlachs mit mediterranem Gemüse, und begrüßt erst einmal in aller Ruhe die Musiker der Amsterdam Sinfonietta und deren Konzertmeisterin Candida Thompson. Ein herzliches Wort nach links, ein sonniges Lächeln nach rechts - von Anspannung keine Spur. Dabei sind es keine zwei Stunden mehr bis zum Konzertbeginn, stehen bis dahin nicht nur die Probe noch auf dem Plan, sondern auch ein kurzer Dreh fürs Fernsehen sowie zwei Radio-Interviews - und natürlich braucht frau auch ein wenig Zeit und Ruhe für Frisur und Garderobe (ein ärmelloses schwarzes Kleid mit durchbrochenem Spitzen-Oberteil und Glitzerschühchen).

Und vermag doch im gleichen Augenblick die traumhafte Landschaft und Umgebung aufzunehmen und zu genießen: "Es ist wie bei mir zu Hause in der Schweiz", erzählt Sol Gabetta und gerät dann angesichts der Festspiel-Verschmelzung von Natur und Musik fast ein wenig ins Schwärmen. "Es erinnert mich hier an mein eigenes kleines Festival", sieht sie Parallelen zu ihrem "Solsberg"-Festival, das sie in der Nähe von Basel mitten auf dem Lande organisiert. "Die Menschen haben hier die Natur zur Musik, und durch diese Verbindung vermögen sie die Kraft der Natur zu spüren."

Nun, vor allem spüren sie die Kraft und Intensität ihres Spiels, getrieben und beseelt von einer Musikalität und Leidenschaft, der sich wohl keiner der mehr als 800 Besucher in der dicht besetzten Festspielscheune entziehen kann. Vasks’ Konzert scheint geradewegs in den Himmel zu streben, in langen melancholischen, ja elegischen Passagen singt die Musik von einer besseren, stets tonalen Welt, die auch den Kitsch nicht meidet - und die Cellistin schwingt sich hinauf auf die sanften Melodiebögen, schwelgt in den neoromantischen Klängen und bringt die Seelen ihrer Zuhörer zum Schwingen. "Außerirdisch", schwärmt ein Besucher danach - zumindest ein gar wunderbar warmer, voller und sonor dahinströmender Saiten-Gesang, der im Mittelsatz von heftigen, virtuosen Ausbrüchen und wilden Streicherattacken kontrastiert wird.

Dass sich die dunklen und sonoren, streichersatten (Klage-)Gesänge auch nach der Pause in Blochs berühmten "Gebet" und "Nigun" aus seiner "Ball Shem"-Suite fortsetzten, gab Sol Gabetta noch einmal Gelegenheit, ihren Ton funkeln und die Melodie(n) sich in langen Atemzügen entfalten zu lassen. Expressivität pur, verbunden mit einer ungeheuren Intensität und Spannung - und doch tat es gut, als zum Abschluss das niederländische Kammerorchester Mozarts berühmte g-moll-Sinfonie aufblitzen ließ. Auf Kontraste setzend, voller Vitalität und Frische, wenn auch nicht gerade erfüllt von Überraschungen. Die gefeierte Solistin des Nachmittags war da schon wieder enteilt und auf dem Rückweg nach Berlin. Geblieben war indes die Sonne, die nicht nur die Konzertscheune, sondern auch das Schloss und seine Umgebung in ein wunderbar warmes Licht einhüllten.

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