Auschwitz : Musik gab KZ-Häftlingen Kraft

Esther Bejarano hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Die Musik half ihr, die schwere Zeit zu überstehen.
Esther Bejarano hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Die Musik half ihr, die schwere Zeit zu überstehen.

Überlebende las in Schwerin aus ihrem Buch „Erinnerungen – Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts“

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06. November 2014, 07:45 Uhr

„Die Musik hat mir das Leben gerettet.“ Die warme kraftvolle Stimme der kleinen zarten Frau überrascht. Esther Bejarano, geboren Ende 1924, gehört zu den letzten Überlebenden des einstigen Mädchenorchesters des Konzentrationslagers Auschwitz. Seit Jahren berichtet die Hamburger Künstlerin in Schulen über ihr Leben. Konzerte mit der antirassistischen Hip-Hop-Formation „Microphone Mafia“ aus Köln führen die fast 90 Jahre alte Sängerin durch die ganze Bundesrepublik. In Schwerin trat Bejarano jetzt zum ersten Mal auf.

Am Dienstagabend las sie im Konservatorium aus ihrem Buch „Erinnerungen - Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts“. Eingeladen hatte die Deutsch-Israelische Gesellschaft anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht gegen Juden vom 9. November 1938.  Der Einladung gefolgt waren vor allem Frauen, aber auch ältere Paare und Mütter mit ihren Töchtern. Die Lesung bewegte die Zuhörer sichtlich. Mit einfachen Worten schilderte die alte Dame unfassbare Grausamkeiten und ungeheuerliches Leid. Statt Gesang erklang Klaviermusik.

Die als Esther Loewy geborene Saarländerin stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie, früh spielte sie Klavier. Die Eltern und eine Schwester wurden von den Nazis ermordet. Mit 16 Jahren wurde sie im Zwangsarbeitslager Neuendorf bei Fürstenwalde/Spree interniert und mit 18 – am 20. April 1943 – nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Das KZ überlebte die junge Frau nur, weil sie im Häftlingsorchester musizierte. Ein Klavier gab es dort nicht, so spielte sie Akkordeon, Blockflöte, Gitarre, wie sie berichtet.

Von Auschwitz kam sie dann nach Ravensbrück. Während der Todesmärsche 1945 konnte sie in Mecklenburg flüchten. Hier erlebte sie auch das Kriegsende am 8. Mai. „Es war nicht nur meine Befreiung, es war meine zweite Geburt“, sagt sie. Nach dem Krieg wanderte Bejarano nach Israel aus. Dort studierte sie Gesang. 1960 kehrte die Musikerin mit Mann und Kindern nach Deutschland zurück. Seither lebt sie in Hamburg, Singen und Musizieren begleiten sie bis heute. „Ein Leben ohne Musik kann ich mir nicht vorstellen“, so Bejarano.

Für Volker Ahmels, Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und Direktor des Schweriner Konservatoriums, sind die Berichte von Zeitzeugen des Holocaust ein „Geschenk“. „Jeder hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Schicksal“, sagt er. Esther Bejarano sei eine sehr offene, starke Persönlichkeit. „Sie beobachtet genau und nimmt kein Blatt vor den Mund.“  So leistet die Auschwitz-Überlebende seit über 30 Jahren unermüdlich Aufklärungsarbeit, veranstaltet wöchentlich mehrere Lesungen, singt aufrüttelnden Rap und besinnliche Lieder gegen das Vergessen und jede Art von Intoleranz.

„Ich erzähle meine Geschichte, damit die Jüngeren wissen, was damals geschah“, sagt sie. Nur so würde die Jugend nicht auf Antisemitismus und Ausländerhass der „vielen Nazis heute in Deutschland“ hereinfallen. Die Jugend heutzutage sei sehr aufgeschlossen. Wo immer sie auftrete, werde sie gut aufgenommen. Vor allem die jungen Leute stellten ihr ganz viele Fragen, wollten immer unglaublich viel wissen. Ein gutes Zeichen für das Interesse an der Vergangenheit, findet sie. Wie sie das schaffe, dieses gewaltige Veranstaltungsprogramm durchzustehen? Das wisse sie auch nicht, lacht sie herzlich. Kraft und Stimme seien einfach da, sobald sie auf der Bühne steht, sagt Esther Bejarano nach ihrer Lesung in Schwerin.

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