Syrer singt Opern in Belitz : „Musik, das ist meine Waffe“

Internationaler Auftritt: Adam Boeker, Sousan Eskandar und Hussein Atfah in der Beelitzer Kirche.
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Internationaler Auftritt: Adam Boeker, Sousan Eskandar und Hussein Atfah in der Beelitzer Kirche.

In Syrien gab Hussein Atfah Konzerte in der Oper von Damaskus. Morgen singt er gemeinsam mit internationalen Sängern in der Belitzer Kirche.

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02. Juni 2016, 12:00 Uhr

Hussein Atfah zieht seine Stirn hoch. Er schließt seine Augen. Bis er sich ganz in dem Schlager verliert. „Das ist ein Tag, dieser Tag, der Blumen und Lichter.“ Ein Moslem singt in einer Kirche ein Lied von Udo Jürgens. Für einen kurzen Moment vergisst er alles um sich herum. Syrien – seine Heimat, den Krieg, die Flucht. Dann ist es fast so, als stünde er noch immer als Bariton in der Oper von Damaskus vor hunderten Zuschauern auf der Bühne.

Morgen wird es anders sein. Die Bühne: ein Altar. Das Opernhaus: die Belitzer Kirche. In der 800-Seelengemeinde nahe Teterow will Atfah gemeinsam mit der syrischen Violinistin Sousan Eskandar und dem kanadischen Pianisten Adam Boeker ein Konzert geben. 43 Frauen aus unterschiedlichen Chören der Region werden sie begleiten. „Musik, das ist meine Waffe“, sagt Atfah.

Im September vergangenen Jahres floh der 27-Jährige gemeinsam mit seinen Cousins über die Türkei, Griechenland und die Balkanstaaten bis nach Deutschland. In Damaskus hatte er vier Jahre Musik studiert und noch einmal vier Jahre Musikästhetik. Doch als die Unruhen im Land stärker wurden, sah er keine Zukunft mehr. „Der Krieg verändert alles“, sagt Atfah. „Selbst die Musik.“

In Mecklenburg-Vorpommern kam er in die Flüchtlingsunterkunft in Jördenstorf. Endlich war er in Sicherheit. Und dennoch. Musik machen konnte er hier nicht. Doch die helfe ihm, beim Erinnern und beim Vergessen. „Ich brauchte kein Blut mehr. Ich brauchte einen Platz, an dem ich meine Gedanken sortieren und arbeiten kann.“ Dann traf er auf die Pastorin Milva Wilkat. Sie bot ihm an, in der Kirche in Belitz zu musizieren.

Seitdem lebt Atfah im Pfarrhaus der Gemeinde. Er liebt die Ruhe. Die Atmosphäre dort beeindrucke ihn besonders. Jeden Sonntag besucht er die Messe, bringt sich in die Chorarbeit ein. Dabei ist Atfah eigentlich Moslem. Seltsam sei das für ihn nicht. „Das hier ist ein Haus Gottes“, sagt der Sänger und breitet seine Arme aus. „Meine Eltern haben mir schon früh beigebracht, dass es keinen Unterschied zwischen Moslems und Christen gibt“, erklärt er. „Du kannst deinen Gott überall finden. Auch in der Musik. Und mein Gott hat mir gesagt: ‚Mach etwas Gutes für die Menschen.‘“ Atfah lächelt. „Belitz ist für mich eine zweite Heimat. Die Menschen sind meine zweite Familie“, sagt er. Inzwischen sei er angekommen. Er hat seine Aufenthaltserlaubnis. In Kürze will er nach Lübeck gehen, um an der Musikhochschule noch einmal zu studieren. Eine Wohnung hat er dort bereits. Doch einen Wunsch hat er noch: „Ich will mich für all das irgendwie bedanken. Ich kann aber nur zwei Sachen: Musik machen und singen“, sagt er. So entstand die Idee für das Konzert „Scala del Belitz“.

Auf dem Programm stehen neben kirchlichen Liedern wie „Ave Maria“ und „Kyrie eleison“ auch Volkslieder aus Syrien, Russland oder Irland – internationale Musik. Traurige und schöne Stücke. Atfah möchte damit beide Seiten zeigen: die dunklen und die hellen. Krieg und Frieden. Und er möchte zeigen, dass die Flüchtlinge aus Syrien Gutes nach Deutschland bringen. „Die Menschen wollen was bewirken. Sie wollen nicht vom Jobcenter leben.“

„Ich finde, es ist unsere Aufgabe, etwas zu machen“, sagt auch Sousan Eskandar. Als sie von Atfahs Projekt hörte, war sie sofort begeistert. „Wir wollen möglichst viele Menschen erreichen. Musik kennt keine Grenzen.“ Hussein Atfah übt für das Konzert derzeit bis zu sieben Stunden am Tag. Einmal in der Woche probt er mit dem Frauenchor. Die Arbeit mit den Frauen habe ihn besonders beeindruckt. Die älteste Teilnehmerin sei 82 Jahre alt. Doch einfach sei es nicht. Atfah spricht noch kein Deutsch, viele der Teilnehmerinnen kein Englisch. „Ich habe mich vorher gefragt, wie ich Sachen erklären soll. Doch wir fanden eine Sprache: die Musik.“

In Zukunft will Atfah auf den großen Bühnen des Landes singen. Vielleicht schon bald in Berlin oder Wien. Mozart, Händel, Puccini oder Bach – das alles habe er als Bariton in seiner Heimat gesungen. In der Oper in Damaskus. Moderne deutsche Musik kannte er bisher nicht. Auch nicht Udo Jürgens. „Seine Musik hat etwas sehr Spezielles. Die deutsche Sprache hat etwas ganz besonderen. Ich kann nicht sagen, was es ist“, meint Atfah, fügt aber hinzu: „Morgen spielen wir trotzdem nicht Udo Jürgens.“

Dann verspricht er: das Konzert wird für ihn nicht das letzte in Belitz gewesen sein. Zu sehr verbunden fühle er sich mit dem Ort und den Menschen. „Die Bewohner in MV brauchen die Musik.“ Atfah plant, das Konzert „Scal del Belitz“ fest zu etablieren. Jedes Jahr möchte er dazu in den Ort zurückkehren, der ihn damals so herzlich aufgenommen hat. Selbst dann, wenn er irgendwann, wenn der Krieg vorbei ist, wieder nach Syrien zurückkehren sollte. Immerhin ist Musik eine Sprache, sagt Atfah und: „Wir haben noch so viel zu sagen.“

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