Flüchtlinge in MV : Mühlengeez „geht ans Netz“

<p>Unter den  ankommenden Menschen  aus Syrien und dem Irak waren auch viele Kinder.</p>
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Unter den  ankommenden Menschen  aus Syrien und dem Irak waren auch viele Kinder.

SVZ berichtet exklusiv vom Einzug der ersten Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommerns größter Notunterkunft. Sie hat eine Kapazität von bis zu 1600 Plätzen.

svz.de von
29. September 2015, 21:00 Uhr

Ängstliche Blicke hinter getönten Scheiben, ein vorsichtiges Lächeln. Kurz nach 13 Uhr kommt der erste Bus mit 50 Flüchtlingen in Mühlengeez bei Güstrow an. Mecklenburg-Vorpommerns größte Notunterkunft mit einer Aufnahmekapazität von 1600 Plätzen geht auf dem Gelände der Landwirtschaftsschau Mela „ans Netz“, wie Innenminister Lorenz Caffier (CDU) flapsig sagt. Die letzten Bauarbeiten sind noch nicht abgeschlossen.

Die Flüchtlinge steigen aus. „Vier Säuglinge“, ruft eine Mitarbeiterin des DRK mit ernster Miene. Es gibt nur zwei Babybetten. Bis zum Nachmittag soll das Problem gelöst sein. Es sind viele Familien und viele Kinder unter den Angekommenen. Die meisten stammen aus Syrien. Caffier gibt einigen von ihnen die Hand und heißt sie willkommen. Den Kindern schenkt der Minister gespendete Stofftiere, von denen einige schon ziemlich runtergekuschelt aussehen. Die neuen Freunde werden trotzdem dankbar von den Kindern angenommen.

Beim Gehen ordnet Caffier noch an, dass die neue Polizeistation in Mühlengeez ab sofort rund um die Uhr zu besetzen ist. „Und wenn was ist, rufen sie mich an. Kurzer Draht“, sagt er zu einem DRK-Mann. Die Stimmung wird gelöster. Die Flüchtlinge werden in Gruppen bis zu maximal zehn Personen aufgeteilt und an ehrenamtliche Betreuer übergeben. Diese begleiten die Gruppen zur Aufnahmestelle, wo die Namen erfasst und mit denen auf Listen verglichen werden. Dann erfolgt die erste medizinische Untersuchung durch Ärzte.

Omar steht noch am Bus und wartet. 50 Tage Flucht hat er hinter sich, erzählt er in gutem Englisch. Schlimm sei die Überfahrt in einem kleinen Schlauchboot mit 50 Insassen von der Türkei nach Griechenland gewesen. „In Ungarn wurden wir von der Polizei verfolgt und in Serbien schliefen wir unter freiem Himmel“, berichtet der 31-Jährige, der aus Aleppo in Syrien stammt und dort Jeans verkauft hat. Er wäre auch im Flüchtlingslager in der Türkei geblieben, aber die Türken wollten für alles Geld. Es war dort sehr teuer und er habe fast nichts mehr zum Leben gehabt.

Erst in Österreich seien die meisten Menschen sehr nett und hilfsbereit gewesen. Von Wien ging die Flucht nach Hamburg. In der Hansestadt wurde er in die Erstaufnahmeeinrichtung Mecklenburg-Vorpommerns nach Horst bei Boizenburg verwiesen. Von dort fuhr der Bus gestern nach Mühlengeez. Als ich ihn nach seiner Familie frage, wird er ernst. Seine Schwester lebt in Ägypten, er durfte nicht zu ihr, weil die Ägypter keine syrischen Flüchtlinge mehr ins Land lassen, seit Präsident Mursi im Sommer 2013 gestürzt wurde. Die Syrer, die dort noch leben, müssen mit Abschiebung und Schikanen rechnen.

Die meisten der Flüchtlinge in Mühlengeez sind zu leicht angezogen. Männer tragen nur Sandalen, Frauen und Mädchen kommen barfuß in leichten Stoffschuhen. Der Herbst steht vor der Tür. Wenn die Ankömmlinge den medizinischen Check hinter sich haben, führt der Betreuer die Gruppe in eines der vier riesigen Zelte in denen jeweils 400 Betten stehen. Für etwas Privatsphäre, sind die Zelte in 40 Räume mit je zehn Betten aufgeteilt. Hinzu kommen Spielzimmer für Kinder, Gebets- und Aufenthaltsräume.

Die Toilettenwagen stehen außerhalb der Zelte und Duschen „gibt es zu wenig“, sagen Bauarbeiter, die auf dem Gelände noch zu tun haben. Mühlengeez ist eine Masseneinrichtung, die trocken, warm und hoffentlich sicher ist. Nicht mehr und nicht weniger. Die Unterkunft war notwendig geworden, weil die Erstaufnahmeeinrichtungen in Horst und die Außenstelle Stern Buchholz bei Schwerin überfüllt sind.

Nicht länger als zwei Wochen sollen die Flüchtlinge auf dem Mela-Gelände künftig bleiben. Voraussetzung: Nicht wie bislang nur in Horst, sondern auch in Stern Buchholz können künftig die obligatorische Erstaufnahmeverfahren mit allen Formalitäten erledigt werden. Dafür muss unter anderem eine gesicherte Datenleitung von Schwerin nach Berlin ins Bundesamt für Migration und Flüchtlingsangelegenheiten freigeschaltet werden, hatte jüngst Caffier erklärt. Omar will in Deutschland arbeiten, als Jeansverkäufer vielleicht, irgendwann. Die Zeit wird es zeigen.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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