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Serie "Spitzenmedizin im Nordosten" : Mühe für ein Leben, das viel zu früh beginnt

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Schon als Schüler hatte er das Ziel, Kinderarzt zu werden. Nun kämpft Dr. Dirk Olbertz täglich um das Überleben der Allerkleinsten. Seit 1999 ist er Chefarzt der Neonatologie am Klinikum Südstadt Rostock.

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erstellt am 09.Dez.2011 | 06:55 Uhr

Rostock | Schon als Schüler hatte er das Ziel, Kinderarzt zu werden. Nun kämpft Dr. Dirk Olbertz täglich um das Überleben der Allerkleinsten. Seit 1999 ist er Chefarzt der Neonatologie am Klinikum Südstadt Rostock. "Wir haben hier die schwierigsten Fälle an der Grenze der Überlebensfähigkeit", erläutert der 49-Jährige. Babys, die in der 23. Schwangerschaftswoche geboren werden, haben das höchste Sterblichkeitsrisiko. "Das ist medizinisch und ethisch sehr problematisch", so Olbertz, der als Chefarzt rund 2500 Neugeborene behandelt hat.

Das Rostocker Perinatalzentrum ist für die Region Mittleres Mecklenburg zuständig. Rund 300 Säuglinge werden auf der 25-Betten Station jährlich betreut. Den Frauen, die eine Risikoschwangerschaft erleben, wird empfohlen bereits am Klinikum Südstadt zu entbinden: "Viele Babys sind nicht transportfähig und würden eine Verlegung nicht überleben", sagt Dr. Olbertz. So wie die Zwillinge, die am 14. November geboren wurden und 1100 Gramm wogen. Sie leiden unter einer Mangelentwicklung der Lunge. Mit einer speziellen Beatmungsmethode, nämlich Stickoxid im Beatmungsgang, wurde der Lungendruck gesenkt. Zudem erhielten die beiden Babys eine Hochfrequenzoszillationsbeatmung. "Sonst hätten die beiden die ersten Tage nicht überlebt", unterstreicht der Neonatologe. Nun reicht den beiden eine Atemhilfe mit zwei Schläuchen in der Nase.

"Wir müssen alle intensivmedizinischen Methoden in petto haben", sagt der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Neonatologie in Mecklenburg-Vorpommern. "Die Kunst meines Faches besteht darin, diese nicht zum Einsatz bringen zu müssen." Denn alle Maßnahmen führen zu Belastungen für die kleinen Wesen. Die Hauptaufgabe aber bleibt es, so wenig wie möglich bleibende Schäden zu hinterlassen und eine Schädigung des Zentralen Nervensystems zu vermeiden. "Kreislauf, Stoffwechsel und Beatmungsfragen spielen eine wichtige Rolle. Komplikationen wie schweres Lungenversagen oder Hirnblutungen sind leider nicht auszuschließen", so Olbertz.

Auch reife Neugeborene, die unter der Geburt Komplikationen wie Sauerstoffmangel erleben mussten, werden auf der Station behandelt. So versuchen die Experten mit einer Ganzkörperkühlung auf 33 Grad für 72 Stunden den Sauerstoffmangel zu begrenzen.

Die Ernährung spiele eine zentrale Rolle. "Wir wollen grundsätzlich, dass die Babys die Muttermilch erhalten", sagt der Mediziner. Wenn keine Muttermilch vorliegt, wird auf Spendenfrauenmilch zugegriffen. Leider sei es immer schwieriger, solche zu bekommen, da die Sammelstellen für Muttermilch in verschiedenen Kliniken aufgegeben wurde. Daher prüft Dr. Olbertz nun, an der eigenen Klinik eine solche Sammelstelle einzurichten. Mit geringer Geschwindigkeit wird den Säuglingen mittels einer Magensonde, die über Nase, Rachen und Speiseröhre in den Magen führt, Milch gegeben. Zu Beginn sind es nur ein halber Milliliter in kurzen Abständen. Parallel wird der Mund des Babys durch ein paar Tropfen Milch stimuliert, damit die Mahlzeit als solche empfunden wird. Es besteht ein sechsfach höheres Risiko für Säuglinge an Magen-Darminfekten zu erkranken, wenn keine Muttermilch gegeben wird, betont Dr. Olbertz.

Nicht nur den Eltern, sondern auch den Frühgeborenen, versuchen Dr. Olbertz und sein Team das Leben auf Station zu erleichtern. Eine Besuchszeit gibt es für die Eltern nicht, sie dürfen immer zu ihren Kindern kommen. Im kommenden Jahr wird ein Patientenhotel am Klinikum errichtet, sodass die Eltern, die von weiter herkommen, auch vor Ort übernachten können. Für seine Schützlinge versucht der Neonatologe Schmerz zu reduzieren. "Wir müssen ihnen leider Schmerzen zufügen. Die ersten Lebenswochen sind mit vielen Belastungen verknüpft", räumt er ein. Aber das Team versucht die Schmerzwahrnehmung zu reduzieren. Vor einer Blutentnahme zum Beispiel wird den Babys eine Zuckerlösung gegeben, die Endorphine freisetzen, sodass das Schmerzempfinden gesenkt wird.

Eine Behandlung dauert in der Regel so lange wie eine Schwangerschaft. "Wir sind nicht schneller als die Natur", lächelt Dr. Olbertz. Auch die Schwestern auf Station bemühen sich, den Babies viel Zuwendung zu geben. Manchmal legen sie ein Baby auf die nackte Haut. Die Fachkinderkrankenschwester Annemarie Binder liebt ihren Beruf: "Es ist eine Freude, die Kinder aufwachsen zu sehen", sagt die 59-Jährige. "Es ist ganz wichtig, diese Frühgeborenen nicht aufzugeben", sagt die Rostockerin, die nächstes Jahr in den Ruhestand geht.

In einer regelmäßigen Sprechstunde übernimmt Dr. Olbertz die Nachsorge der kleinen Schützlinge bis zu ihrem zweiten Lebensjahr. "Wir brauchen diese strukturierte Nachbetreuung", betont er. Mit dem sogenannten "Bayley" Test wird die kognitive und motorische Entwicklung analysiert. Beeinträchtigungen im weiteren Leben der Frühgeborenen bleiben oft leider nicht aus, sagt der Experte. Er hat immer noch Spaß an seinem Beruf und freut sich darüber, welch großes Vertrauen und Dankbarkeit die Eltern ihm und seinem Team entgegenbringen.

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