zur Navigation springen

Detroit: Kassenminus von 18,5 Milliarden Dollar : "Motor City" ist bankrott

vom

Die sterblichen Überreste der Packard-Fabrik stehen wie kein anderes Bauwerk für den Niedergang der Metropole in Michigan. Ein Absturz, der jetzt durch die größte Bankrott-Erklärung einer Stadt, formell bestätigt wurde.

svz.de von
erstellt am 19.Jul.2013 | 07:54 Uhr

Detroit | "Nachts", warnt der einsame Spaziergänger den Besucher, "würde ich mich hier nicht aufhalten." Hier - das sind die weitläufigen Anlagen der ehemaligen Packard-Autowerke. Ein gewaltiges bis zu siebenstöckiges Zementgerippe im Nordosten von Detroit, in dem sich Ratten, Obdachlose und auch Graffitikünstler aufhalten. Viele Filme, vor allem Mord- und Horrorstreifen, wurden in dieser wohl größten Industrieruine der USA auf 325 000 Quadratmetern gedreht. Zwischen Scherben, halb eingestürzten Mauern und dem unvermeidbaren Geruch des Verfalls.

Die sterblichen Überreste der Packard-Fabrik stehen wie kein anderes Bauwerk für den Niedergang der Metropole in Michigan. Ein Absturz, der jetzt durch die größte Bankrott-Erklärung einer Stadt, die es jemals in den USA gegeben hat, auch formell bestätigt wurde. Am späten Donnerstag ließ Detroits Notfall-Stadtmanager Kevyn Orr einen Boten den Antrag auf Gläubigerschutz zum örtlichen Bundesgericht tragen. Die Kassen sind leer, und Schulden von rund 18,5 Milliarden Dollar liegen auf dem einst stolzen Herzstück und der Geburtsstätte der amerikanischen Autoindustrie, der "Motor City", wie eine bleierne Last. Seit 2008 hatten die Stadtväter jährlich mehr als 100 Millionen Dollar mehr ausgegeben, als eingenommen wurden - und damit das finanzielle Fiasko noch vergrößert.

Verantwortlich dafür ist auch eine wohl beispiellose Flucht aus einer Stadt, die derzeit die höchste Mörderrate seit 40 Jahren aufweist und nachts zur dunklen Geister-Metropole wird. In kaum einer anderen Straße wird das Kernproblem Detroits so deutlich wie in der "Merkel-Street". Wer in diese Straße einbiegt, die nach Angaben der Verwaltung nicht nach der deutschen Bundeskanzlerin benannt ist, findet vor allem eins: unbewohnte Häuser in verschiedenen Stadien des Verfalls. Detroits Bevölkerung schrumpfte mehr als 26 Prozent von 2000 bis 2012 und beträgt derzeit nur noch 700 000 - 1950 wurden noch zwei Millionen Einwohner gezählt.

Wer in Detroit nach einem Gefälle zwischen Arm und Reich sucht, sucht vergeblich. Hier gibt es vor allem sozial Schwache. Ein Fünftel der Bevölkerung hat keine Arbeit, und 36 Prozent der Menschen leben unter dem, was in den USA als Armutsgrenze bezeichnet wird: ein Jahres-Einkommen von gerade einmal 22 000 Dollar (knapp 17 000 Euro) für eine vierköpfige Familie.

Wer in den morbiden Straßenzügen Detroits nach den Gründen für den Mega-Abstieg fragt, hört immer wieder zwei Worte: Missmanagement und Korruption. Bezeichnend für das Dilemma: Personen wie Ex-Bürgermeister Kwame Kilpatrick. Der farbige Demokrat, von 2002 bis 2008 am Ruder der Stadt, verbüßt derzeit eine langjährige Gefängnisstrafe für ein Netz aus Korruption und Betrug, das sich über seine Amtszeit spannte und von dem seine Familie und Günstlinge profitierten. Hoffnungen von Krisenmanager und Wirtschaftsanwalt Kevyn Orr, US-Präsident Barack Obama würde sich zu einer staatlichen Rettungsaktion für Detroit bereit finden, zerschlugen sich spätestens gestern. Finanzielle Hilfen für die Stadt lehnte Obama ab. Die Schwierigkeiten müssten vor Ort gelöst werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen