zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 06:54 Uhr

Peenemünde : Monumente des Schreckens

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Fachtagung in Peenemünde diskutiert über die Großbauten der Nazis als Touristenziele

Der Himmel ist wolkenverhangen. Kein Strandwetter an diesem Maitag auf Usedom. So schlendern viele Touristen über das Gelände der früheren NS-Heeresversuchsanlage in Peenemünde, die heute als Museum dient.

Dem einen mag dieser Ort Schauer über den Rücken jagen, andere staunen über die technische Leistungsfähigkeit des Naziregimes. Und viele sind schockiert über das Perfide an dem NS-Vernichtungssystem und beziehen bewusst in ihren Rundgang auch die Reste der abseits gelegenen Lager für Zwangsarbeiter ein.

80 Historiker und Museumsfachleute haben gestern in Peenemünde über die touristische Vermarktung von NS-Großanlagen diskutiert.

Dürfen Täterorte überhaupt touristisch vermarktet werden? Wenn ja, wie? Welche Rolle spielt der sogenannte Dark Tourism – eine Art Grusel- und Feiertourismus?

Für Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) ist die erste Frage beantwortet: „Orte wie Peenemünde müssen Bestandteil von touristischen Konzepten sein“, sagt er. Sie stünden als Bildungs- und Erinnerungsorte für die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Während für die NS-Vernichtungslager als Opferstätten die historische Aufarbeitung schon bald nach Kriegsende begonnen habe, sei der Blick auf die Täterstätten bis nach der Wende verstellt gewesen, sagt Jörg Haspel aus Berlin, Mitinitiator des „Verbundes NS-Großanlagen“. In Prora auf Rügen, in Peenemünde oder auf dem Gelände der NS-Ordensburg Vogelsang in der Eiffel habe es eine militärische Nachnutzung gegeben – im Osten durch die NVA, im Westen durch die Nato. Erst in den 1990er-Jahren – nach dem Rückzug des Militärs – stellte sich die Frage nach dem Umgang mit diesen Orten. An einigen entstanden Dokumentationszentren – wie am Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder in Berlin. Die Finanzierung der Ausstellungen war für alle ein Kraftakt.

Doch der Prozess ist nicht abgeschlossen: In Prora mit den gigantischen als „Kraft durch Freude“-Seebad geplanten Betonbauten entlang der Ostsee kämpfen zwei kleinere Museen um Anerkennung und Fördermittel. Daneben sind in zwei Blöcken des monströsen NS-Baus bereits Hunderte von Ferienwohnungen entstanden – der Bund hatte die Anlage nach dem Rückzug des Militärs bis 2011 privatisiert.   „Die Initiativen der letzten Jahre zur Vermittlung von Orten des verbrecherischen NS-Systems beginnen die Leerstellen zu füllen“, begrüßte die polnische Historikerin Aleksandra Paradowska von der Uni Wroclaw die Dokumentationszentren an einigen Täterorten. Dies müsse „Teil der ganzheitlichen Darstellung der NS-Geschichte“ sein.

Der Finanzierungsbedarf für den Erhalt der Anlagen ist enorm, der Unterhaltungsaufwand riesig. Die Fachleute waren sich einig darin, dass der Bund eine stärkere Verantwortung für die Anlagen übernehmen müsse. Peenemünde, Prora, der Obersalzberg oder die NS Ordensburg Vogelsang seien Orte, die stellvertretend für die nationalsozialistische Vorgeschichte der Bundesrepublik stünden, erklärte der Berliner Landeskonservator Jörg Haspel.

Die NS-Großanlagen seien in erster Linie Gedenk- und Erinnerungssorte. Der ökonomische Effekt aus der touristischen Vermarktung müsse deshalb an diesen Orten aus ethischen und moralischen Erwägungen an zweiter Stelle stehen, betont der Tourismusexperte Marius Mayer von der Universität Greifswald. Doch könnten sich die Museen marktwirtschaftlichen Mechanismen nicht gänzlich entziehen.  

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen